Heino: Ein deutscher Albtraum in Beige

4. Februar 2013, 17:09
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Der deutsche Schlageruntote macht sich auf seiner neuen CD "Mit freundlichen Grüßen" über die ihn verachtende Jugend lustig

Wien - Wer sich noch erinnert: Während der frühen 1970er-Jahre plärrten aus den Küchenradios des deutschsprachigen Raums nicht nur die Segnungen der Moderne. Tief im deutschen Wald wütete vor allem der Schlager.

Das färbte auf die Kinder dieser Zeit erheblich ab. Sie hatten Freddy Quinn, Peter Alexander und all die Roy Blacks dieser Ära mit der Muttermilch eingesaugt und hassten alles, wofür sie standen, abgrundtief. Das vor Selbstgewissheit und Spießigkeit glückselig dampfende Stockkonservative bis Reaktionäre des Schlagers, der in eine Welt aus beigen Menschen, beigen Möbeln, beigem Essen und graue Städte das Lob der Heimat plärrte, der man bis zum letzten Mann die Treue hielt, das war damals die Realität.

Die Durchhalteparolen und das in den Erbschleichersendungen verbreitete hohle Anteilnehmen an nicht voraussehbaren oder abwendbaren Schicksalschlägen ("Hast du dort droben vergessen auf mich?!") - vor allem auch die mit dem Eintreten der Ölkrise verbundene Erschütterung, dass es in der großen weiten Welt draußen schon wieder so wüst und gefährlich zuging, dass man sich am liebsten in den schönen Fototapetenbergen unter blauem Himmel verkriechen möchte: Man hat diese Zeit nicht in bester Erinnerung. Vor allem Menschen, die auf Beige allergisch reagieren.

Schon in den ausgehenden 1960er-Jahren hatte Freddy Quinn in seinem Lied Wir den Hass auf alles, was von draußen Böses und Buntes und bedrohlich Fröhliches und Ausgelassenes in die streng geregelten Karnevalsaufmarschpläne drängte und obendrein lange Haare trug in einer antimodernistischen Tirade auf den Punkt gebracht: "Wer will nicht mit Gammlern verwechselt werden? Wir! Wer sorgt sich um den Frieden auf Erden? Wir! Ihr lungert herum in Parks und in Gassen, wer kann eure sinnlose Faulheit nicht fassen? Wir! Wir! Wir!"

Wieder einmal war da zu hören, dass Arbeit nicht schändet und man sein Pensum für den "Aufbau der morgigen Welt" verrichten müsse. Die morgige Welt, sie war die grimmige alte.

Zu allem Überdruss marschierte Mitte der 1970er-Jahre Heino als zackiger deutscher Brauchtumspfleger mit heimatverbundenen Volksliedern im Stechschritt durch deutsche Wohnzimmer: "Ja, ja, so blau, blau, blau blüht der Enzian!" Sing mit Heino nannte sich die dazugehörige TV-Show.

Mit rechten Dingen und dem alten Traum vom deutschen Weltgeist ging Heino auch auf Gastspielreisen ins südafrikanische Apartheidregime und sang vor geneigtem Publikum alle drei Strophen des Deutschlandlieds: " Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der Welt!"

Heino wurde so zur Hassfigur. Er gilt in der Geschichte der deutschen Popkultur als schwarzes Tuch. Damit wir alle lockerer werden konnten, musste er erst verhöhnt, später parodiert und heute längst vergessen werden.

"Willst du, dass wir sterben?"

Nun kehrt der 74-jährige mit der CD Mit freundlichen Grüßen in eine durch und durch ironisierte Spaßgesellschaft zurück, die selbst im Schlechten das Gute findet. Heino covert Lieder jüngerer Kollegen, die nur so werden konnten, wie sie sind, weil sie Heino verachteten. Heino rollt sein panzerbrechendes Rrrrr unbeholfen in Liedern Rammsteins oder der Fantastischen 4. Dazu macht eine Schlagerband tumbe pseudomoderne Bierzeltpop-Mucke.

Am schlimmsten hat es die Ärzte getroffen. Deren parodistische Tirade Junge, die dem Nachwuchs die Worte einer besorgten Mutter entgegenhält, wird durch Heinos "Parodie" die Kraft entzogen. Das ist nicht lustig. Das ist bierernst: "Denk an deine Zukunft, denk an deine Eltern. Willst du, dass wir sterben?" Manche Fragen bleiben besser unbeantwortet. (schach, DER STANDARD, 5.2.2013)

  • Heino 2012 auf dem Münchner Oktoberfest: "Ihr nehmt doch alle Drrrogen!" 
    foto: usien/wikimedia commons

    Heino 2012 auf dem Münchner Oktoberfest: "Ihr nehmt doch alle Drrrogen!" 

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