My Bloody Valentine: Männer, die auf Tretminen starren

4. Februar 2013, 17:07
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Nach 22 Jahren hat das Warten ein Ende. Der irische Musiker Kevin Shields veröffentlicht mit seiner Band mit dem Album "MBV" einen Nachfolger des visionären Rockklassikers "Loveless"

Wien - Wirklich daran geglaubt hatte am Ende wohl nur noch Kevin Shields. Schließlich war die Ankündigung eines neuen Albums seiner Band My Bloody Valentine während der letzten 22 Jahre zu einem Running Gag in der Musikszene geworden. Dieser wurde nur noch von der Aussicht auf ein neues Werk von Kraftwerk oder bis vor kurzem von der Verlautbarung übertroffen, dass Axl Rose Neues mit Guns N' Roses plant - was er dann leider nach eineinhalb Jahrzehnten Wartezeit 2008 tatsächlich tat.

Deshalb darf das jetzt am Wochenende vorerst nur auf der Homepage der Band veröffentlichte Nachfolgewerk des legendären Albums Loveless von 1991 als rechtschaffene Sensation gewertet werden. Nachdem die Band aus Dublin damals nicht nur eine der mit kolportierten 250.000 britischen Pfund teuersten, sondern auch wirkmächtigsten Arbeiten in der Geschichte der Rockmusik auf den Markt (und ihre Plattenfirma Creation an den Rand des Ruins gebracht hatte), versank das Aushängeschild der sogenannten Shoegazing-Bewegung im Chaos.

Kevin Shields bekam psychische Probleme. Der Vorschuss von 500.000 Pfund für ein weiteres Album wurde vor allem in den Mistkübeln diverser Tonstudios versenkt. Die Band fiel dann auch wegen des internationalen Siegeszuges von Nirvana und des Grungerock auseinander.

Dabei hat die Band, dies belegen auch die neun neuen Stücke von MBV, enormen Einfluss auf zahllose Nachfolger. Shoegazing, oder auch etwas milder und lebensfroher gedeutet: Dream-Pop, ist eine seit einigen Jahren wieder hoch im Kurs sensibler junger Menschen stehende Kunst, der Traurigkeit des Daseins mit noch traurigerer und friedhofsschwerer Musik zu entkommen.

Gitarrist Kevin Shields hatte nach Soundtrackarbeiten für Sofia Coppolas Lost in Translation My Bloody Valentine Ende der Nullerjahre zumindest live wiederbelebt. Er machte einfach dort weiter, wo er sich bestens auskennt. Er verdichtet einst auf Loveless geprägte, durchhängende Midtemporocker zu knapp vor der Implosion stehenden, sehr gern auch in Moll angesiedelten Gitarrenwänden. Bröckeliger Gussbeton mit Einschusslöchern drin. Dies geschah nach wie vor in der Tradition großer Alter wie Velvet Underground oder Postpunk-Bands wie The Cure oder auch der US-amerikanischen Gitarren-Noiserocker Sonic Youth. Ein wenig esoterisches Säuseln musste auch sein. Die alten britischen Industrial-Elfen Cocteau Twins oder Dead Can Dance oder Ennya auf Crack lassen grüßen.

Der Begriff des Shoegazing rührt in seiner Kunst übrigens daher, dass die Musiker live auf der Bühne meist mit hängenden Schultern die in Fachkreisen gern als Tretminen bezeichneten Gitarreneffektgeräte auf dem Boden anstarren und so rein mit Gedankenkraft den Zusammenbruch der Sinuskurven verhindern wollen.

Bei berüchtigt infernalischer Lautstärke zur Saalflucht einladendes Feedbackkreischen, heftige Verzerrereffekte, elektrisch aufgeladene Polsterschlachten in Flanger-, Delay- und Hall-Endlosräumen kennzeichnen die meist am Rande herkömmlicher Songschemata angesiedelte Klangarchitektur. Zwischen das Tosen, Wabern und brutzelige wie bitzelige Nachsinnen über die Vergeblichkeit des Seins, das von My Bloody Valentine nach wie vor mit einfachen, zart gerupften Wandergitarrenakkorden, pochenden Basstönen und kaum vorhandenem Schlagzeug betrieben wird, haucht der Gesang von Kevin Shields oder seiner zweiten, wie auch Bassistin Debbie Googe nur live gebrauchten Gitarristin Bilinda Butcher unverständliche Textskizzen.

Shoegazing hat wieder Saison

Das neue Album MBV steht exakt in dieser Tradition. Shoegazing ist, wie gesagt, wieder modern. Deshalb stehen auch damalige Zeitgenossen My Bloody Valentines wie Slowdive, Ride, Galaxy 500 oder Spaceman 3 und Lush auf dem Sammlermarkt wieder höher im Kurs.

Zwar hört man auf dem neuen Album Kevin Shields', dass zumindest Teile davon schon in den 1990ern entstanden sein müssen - zarte Drum-'n' -Bass-Zappeligkeit im Rhythmus klingt leicht antiquiert -, die sich übereinandertürmenden Gitarren aber beweisen zeitlose Güte. Wer in diese Musik eintaucht, kann immer noch den Schmerz in sich entdecken. Meistens hat dann das Weinen im Nachhinein sehr geholfen. Schön, dass es diese Band noch immer gibt. (Christian Schachinger, DER STANDARD, 5.2.2013)

  • Kevin Shields und My Bloody Valentine haben es geschafft: Nach 22 Jahren 
Pause kann man ihr neues Werk jetzt auf ihrer Homepage kaufen.
    foto: ap/jason decrow

    Kevin Shields und My Bloody Valentine haben es geschafft: Nach 22 Jahren Pause kann man ihr neues Werk jetzt auf ihrer Homepage kaufen.

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