"Menschen aus der Isolation holen"

Interview4. Februar 2013, 16:59
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Die Rolle der Patienten ist im Wandel, sagt Johannes Rampler, Bundesgeschäftsführer der Arge Selbsthilfe Österreich - Ab nächster Woche startet derStandard.at mit Reportagen aus Selbsthilfegruppen

Aktuell gibt es in Österreich 1.700 Selbsthilfegruppen. Insgesamt 250.000 Menschen nehmen hierzulande regelmäßig an Treffen teil. Johannes Rampler, Bundesgeschäftsführer der Arge Selbsthilfe Österreich, über ein neues Selbstverständnis.

STANDARD: Ärzte haben immer weniger Zeit, Therapien werden zunehmend komplex. Was bedeutet das für Patienten?

Rampler: Mehr Eigenverantwortung. Gerade Menschen in Selbsthilfegruppen haben eine Signalfunktion dafür, dass sie mündige Patienten sind. Generell hat in den letzten Jahren ein Paradigmenwechsel stattgefunden: Früher sahen Ärzte Selbsthilfegruppen als Konkurrenz, der informierte Patient war ein Störfaktor. Doch mittlerweile sehen wir, dass Ärzte das Erfahrungswissen von Patienten zunehmend schätzen. Die Selbsthilfegruppen waren sich bei der Jahrestagung im vergangenen Herbst einig: Sie wollen enger mit Medizinern kooperieren.

STANDARD: Was ist in der Kommunikation verbesserungswürdig?

Rampler: Selbsthilfegruppen wollen nicht nur besser integriert werden, sie wollen auch bei wichtigen Entscheidungen miteingebunden sein. Bei vielen gesundheitspolitischen Entscheidungen geht es ja letztendlich um die Patienten. Ein gutes Beispiel ist das Diabetes-Programm "Therapie aktiv", das in Niederösterreich einseitig von der Ärztekammer gestoppt wurde. Die Patienten hat keiner gefragt. Das ist nicht nachvollziehbar.

STANDARD: Wie viele Selbsthilfegruppen gibt es in Österreich?

Rampler: Aktuell 1.700 Gruppen. In den letzten Jahren gab es einen enormen Anstieg, insgesamt sind es 250.000 Menschen, die hierzulande an Treffen teilnehmen. Das ist keine Minderheit mehr, sondern eine Gruppe, die man nicht übergehen kann. Durch diesen Boom hat auch eine Aufwertung stattgefunden. Die Bundesorganisation wird vom Fonds Gesundes Österreich, dem Hauptverband, dem Gesundheits- und Sozialministerium und der Pharmig unterstützt. Mit der Bundesgeschäftsstelle sind wir in Wien vor Ort und nehmen an vielen Gremien teil - etwa bei Elga (elektronische Krankenakte, Anm.), Krebsfrüherkennung, aber auch wenn es ums Pflegegeld geht, um Verlust von Erwerbstätigkeit, Pensionierung. Unsere Aufgabe ist es ja auch, Schwachstellen in den existierenden Systemen aufzuzeigen.

STANDARD: Was hat zu dem enormen Anstieg der Gruppen geführt?

Rampler: Die höhere Lebenserwartung zum einen, zum anderen die zunehmende Zahl an chronisch Kranken, für die es zwar Behandlung, aber keine Heilung gibt. Besonders sie strömen in die Treffen.

STANDARD: Warum eigentlich?

Rampler: Weil sich die sozialen Strukturen verändert haben. Die Großfamilien gibt es nicht mehr, dadurch niemanden, der sich kümmert, wenn man krank wird. Vereinsamung ist die Folge. Vor allem in Großstädten haben Selbsthilfegruppen oft die Funktion, Menschen aus der Isolation zu holen. Soziale Kontakte haben eine positive Wirkung auf die Gesundheit, belegen auch Studien.

STANDARD: Können sich Menschen, die krank sind, gegenseitig helfen?

Rampler: Reden beruhigt und hilft Menschen, auch dazu gibt es Untersuchungen. Menschen mit chronischen Erkrankungen haben sehr oft auch psychische Probleme, würden sich psychotherapeutische Unterstützung wünschen, können sich das aber oft nicht leisten. In gewissem Maß springt hier die Selbsthilfe ein. Auch Gruppen für Angehörige werden immer wichtiger. Selbsthilfe erfüllt eine wichtige soziale Aufgabe.

STANDARD: Fürchten Menschen nicht oft die Stigmatisierung?

Rampler: Im Allgemeinen stärken Selbsthilfegruppen das Selbstbewusstsein.

STANDARD: Wie steht die Bundesorganisation zu E-Health, also dem Speichern von Patientendaten?

Rampler: Aus unserer Sicht stärken E-Card und die bevorstehende Einführung der Elga die Patientenautonomie und sichern, dass ein Tiroler Diabetiker auch in Wien im Krankenhaus richtig behandelt wird, weil alle Informationen verfügbar sind. Ich bin mir aber bewusst, dass das Thema bei psychischen Erkrankungen oder HIV/Aids kritisch gesehen wird. Gut ist, dass es eine Opt-out-Regelung gibt. Jeder kann festlegen, dass seine Daten für andere nicht einsichtig sind.

STANDARD: Will die Selbsthilfe politischen Einfluss?

Rampler: Wir sind neben den Patientenanwälten wichtige Player und basisdemokratisch gewählt. Wir wollen, dass die Förderung der Selbsthilfe so wie in Deutschland gesetzlich verankert wird und wir zur "vierten Säule" im Gesundheitssystem werden. Eine Absichtserklärung im Regierungsprogramm gibt es bereits. Wir wollen noch viel stärker das Sprachrohr der Patienten in Österreich sein.

STANDARD: Wie wird Selbsthilfe finanziert?

Rampler: Durch Mitgliedsbeiträge und Spenden, durch die gesetzliche Verankerung würde die Unterstützung auch durch öffentliche Gelder langfristig sichergestellt werden.

STANDARD: Wie stark ist der Einfluss der Pharmaindustrie?

Rampler: Ein Best-Practice-Modell haben wir mit der Pharmig. Wir bekommen 25.000 Euro im Jahr, die wir frei und nicht zweckgebunden verwenden können. Wichtig ist Transparenz. Wir legen alle Geldflüsse im Jahresbericht offen. Wenn es so passiert, sehe ich nichts Anrüchiges.

STANDARD: Wofür brauchen Selbsthilfegruppen Geld?

Rampler: Für viele Dinge wie Raummieten, Computer, Internet oder diverse Drucksorten von Kuverts bis Infofolder. Wir bieten über die Dachverbände in den Bundesländern Kurse in Öffentlichkeitsarbeit oder Gruppenleitung an. Die meisten Mitglieder benötigen Unterstützung bei PR oder Gruppendynamik. Beides ist wichtig, damit Selbsthilfegruppen stabil sind und sich langfristig etablieren. (Karin Pollack, DER STANDARD, 4.2.2013)

 

Die erste Reportage über eine Selbsthilfegruppe für Menschen mit Adipositas startet am 12. 2. auf derStandard.at/gesundheit

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  • JOHANNES RAMPLER (39) ist seit Juli 2012 Bundesgeschäftsführer 
der Arge Selbsthilfe Österreich. Der Kärntner Betriebswirt hat zuvor bei
 der ÖBB, dann bei der Kärntner Landesausstellung gearbeitet. Er selbst 
beschäftigt sich mit Mediation. Seine eigene Gruppenerfahrung: 
"Gewaltfreie Kommunikation nach Rosenberg".
    foto: standard/matthias cremer

    JOHANNES RAMPLER (39) ist seit Juli 2012 Bundesgeschäftsführer der Arge Selbsthilfe Österreich. Der Kärntner Betriebswirt hat zuvor bei der ÖBB, dann bei der Kärntner Landesausstellung gearbeitet. Er selbst beschäftigt sich mit Mediation. Seine eigene Gruppenerfahrung: "Gewaltfreie Kommunikation nach Rosenberg".

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