Meisners Schein-Moral und späte Reue

Blog4. Februar 2013, 10:41
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Würde der Kölner Kardinal Joachim Meisner nicht schon so weit über die 75-Jahre-Altersgrenze dienen (weil der Papst seit vier Jahren das pflichtgemäße Rücktrittsgesuch nicht angenommen hat), wäre ihm die jüngste Affäre rund um die Abweisung eines Vergewaltigungsopfers durch katholische Krankenhäuser erspart geblieben.

"Dieser Vorgang beschämt uns zutiefst, denn er widerspricht unserem christlichen Auftrag und Selbstverständnis", ließ er wissen.

Das eigentlich Überraschende bestand aber nicht darin, dass er dabei auch erklärte, künstliche Verhütung sei im Zusammenhang mit Vergewaltigung zulässig. Viel grundlegender ist ein anderer Kurswechsel, der medial viel weniger beachtet wurde: Der Kardinal, der "Königsmacher" beim letzten Konklave gewesen sein soll, meinte zur Rolle der Mediziner in katholischen Krankenhäusern bei der Beratung von Vergewaltigungsopfern: "Darüber hinaus ist nichts dagegen einzuwenden, dass sie in diesem Fall auch über Methoden, die nach katholischer Auffassung nicht vertretbar sind, und über deren Zugänglichkeit aufklären, wenn sie dabei, ohne irgendwelchen Druck auszuüben, auf angemessene Weise auch die katholische Position mit Argumenten erläutern."

Das hat man früher ganz anders gelesen. Es ist noch nicht allzu lange her, dass die Diskussion um die Schwangerenberatung die deutsche römisch-katholische Kirche vor eine Zerreißprobe gestellt hatte (ab 1998). Die Kirche war nämlich bis dahin in die Pflichtberatung eingebunden, die in Deutschland (im Unterschied zu Österreich) eine Voraussetzung für einen straffreien Schwangerschaftsabbruch darstellt. Nur so könne man Frauen in der Konfliktsituation tatsächlich erreichen und Alternativen zum Schwangerschaftsabbruch aufzeigen, meinten die Beratungsbefürworter rund um den damaligen Vorsitzenden der deutschen Bischofskonferenz, Karl Lehmann. Die Gegner, zu deren Wortführern Kardinal Meisner zählte, vertraten die Ansicht, dass man sich dadurch an einer Abtreibung mitschuldig mache, weil man mit dem ausgestellten Beratungsschein eine "Lizenz zum Töten" (© Bischof Dyba) erteile. Papst Johannes Paul II. entschied schließlich - zugunsten der Meisner-Fraktion.

Bei dieser Lösung der "Schein-Frage", wie die Causa innerkirchlich bezeichnet wurde, ging es vor allem darum, nach außen eine supersaubere Weste zu haben. Die Menschen in einer Konfliktsituation standen im Hintergrund.

Supersauber-Varianten können rasch zur Schein-Moral werden. Dies exerzierte Meisner in der Causa Weltbild vor. Die kirchliche Verlagsgruppe Weltbild war in Kritik geraten, weil sie auch pornografische Ware vertreibt. Meisner verkaufte frühzeitig die Anteile seiner Diözese. Anstatt das Kritisierte abzustellen, machte er noch einmal Kassa. Was Ihn nicht hinderte, später seinen Kollegen vorzuwerfen: "Es geht nicht, dass wir in der Woche damit Geld verdienen, wogegen wir sonntags predigen".

Genau der kirchenpolitische Rückzug aus der Schwangerenkonfliktberatung hat nun zur Abweisung der vergewaltigten Frauen durch katholische Krankenhäuser geführt. Sie wollten sich erst gar nicht mit der Situation befassen, weil die Sorge bestand, in eine kirchlich verbotene Beratungssituation zu kommen.

Für das Ergebnis seiner Strategie muss sich Meisner heute genieren. Ob er sich bei Kardinal Lehmann für seine damalige kirchliche Innenpolitik schon entschuldigt hat, ist nicht überliefert.

PS: Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Verantwortung der Päpste und des Vatikans für den internationalen Missbrauchsskandal geklärt werden muss. Der derzeitige Papst hat bisher lediglich zur Schuld einzelner Priester und Bischöfe Stellung genommen. Zu den Vorgängen innerhalb der vatikanischen Mauern fand er kein Wort. Benedikts beharrliches Schweigen dazu macht ihn als Papst unglaubwürdig.

PPS: Den nächsten Blog gibt es am 18. Februar.

Wolfgang Bergmann, Magister der Theologie (kath.), 1988-1996 Pressesprecher der Caritas, 1996-1999 Kommunikationsdirektor der Erzdiözese Wien und Gründungsgeschäftsführer von Radio Stephansdom. Seit 2000 Geschäftsführer DER STANDARD. 2010 erschien sein Romanerstling "Die kleinere Sünde" (Czernin Verlag) zum Thema Missbrauch in der Kirche.

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    Die Abweisung von Vergewaltigungsopfern durch katholische Krankenhäuser beschämt ihn. Sie ist aber eine Folge seiner Kirchenpolitik: Kardinal Joachim Meisner.

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