Nichts ist einfach in Afghanistan

Hintergrund4. Februar 2013, 14:49
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Bürgerkrieg, Korruption und die Rückkehr der Taliban - Nach dem NATO-Abzug sind für Afghanistan viele Szenarien denkbar - Die wenigsten davon sind positiv

Die nächsten 23 Monate werden für Afghanistan entscheidend sein. Bis Ende 2014 wird sich zeigen, ob der Rückzug der ISAF-Truppen nach hinten losgeht oder das Land imstande ist, einen Bürgerkrieg zu vermeiden. Trilaterale Gespräche zwischen Großbritannien, Pakistan und Afghanistan, wie sie derzeit wieder in London stattfinden, sollen den Übergang in der Region erleichtern.

Von der Einrichtung einer Demokratie in Afghanistan ist in NATO-Kreisen aber schon lange nicht mehr die Rede, das Zauberwort heißt jetzt Stabilität. Wichtigstes Instrument, um diese zu erreichen, sind Afghanistans Armee und Polizei. Insgesamt 352.000 Afghanen sollen für Sicherheit sorgen und so helfen, nach und nach die Aufgabengebiete der ISAF-Truppen zu reduzieren. In 85 Prozent des Staatsgebiets haben sie bereits jetzt die Führungsrolle, im Frühling - und nicht wie ursprünglich geplant im Sommer - soll der Übergangsprozess abgeschlossen sein. Ob die afghanischen Truppen der Aufgabe gewachsen sind, wird spätestens bei Start der Frühjahrsoffensive der Taliban sichtbar werden. "Am Ende dieses Sommers werden wir wissen, ob sie die Herausforderungen bewältigen können", sagt ein hochrangiger NATO-Vertreter gegenüber derStandard.at.

Insider-Attacken

Die Präsenz der afghanischen Armee macht sich mittlerweile auch in weniger erfreulichen Zahlen bemerkbar. 2012 starben 1.200 afghanische Soldaten, 2011 waren es noch 550, erhob die Brookings Institution. Im Gegenzug gingen die Zahl getöteter US-Soldaten in den letzten Jahren zurück. Eine immer größer werdende Gefahr sind dabei Insiderattacken, die von Mitgliedern der Armee und Polizei gegen die eigenen Kameraden verübt werden. Die Anzahl dieser Anschläge ist in den vergangenen zwei Jahren stark gestiegen, 2012 starben 61 Menschen bei 45 Vorfällen. Durch verstärkte Screenings vor dem Eintritt potenzieller Bewerber in die Armee oder Polizei soll diese Gefahrenquelle eingedämmt werden.

Außerdem soll die ethnische Zusammensetzung des Militärs in Zukunft weitgehend jene der Gesamtbevölkerung widerspiegeln. Derzeit sind die Tadschiken im Gegensatz zur größten Bevölkerungsgruppe Afghanistans, den Paschtunen, im Heer überrepräsentiert. Zwar wird jetzt noch viel Geld in die afghanischen Streitkräfte und ihre Ausbildung investiert, wie allerdings nach dem NATO-Abzug die Einrichtungen finanziert werden sollen, steht weitgehend in den Sternen. Unklar ist derzeit auch noch, wie viele NATO-Soldaten auch nach 2014 im Land bleiben sollen.

Parlamentswahl als Indikator

Das wird auch maßgeblich vom Ablauf und Ausgang der afghanischen Parlamentswahl im April 2014 abhängen. Die NATO hofft auf einen Meilenstein, der Standards für die Zukunft setzt. Indizien dafür, dass es eine transparente und faire Wahl werden wird, gibt es nur in Ansätzen. Ein Zeichen dafür, so NATO-Vertreter, sei zum Beispiel, dass die Relevanz der Medien in Afghanistan zunehem, kritische Fragen auch an die Politik gestellt würden.

Außerdem beginnt auch das afghanische Militär eigenständig aufzutreten, indem bei Anschlägen die zuständigen Sprecher darüber Auskunft geben. Unklar ist jedoch weiterhin, welche Rolle die Taliban am politischen Parkett des Landes spielen werden. Laut AP soll es schon Treffen mit afghanischen Beamten, der Opposition und den Taliban in Frankreich und Japan gegeben haben. Die islamistischen Fundamentalisten betonen jedoch, dass es sich hierbei nicht um Verhandlungen handelt.

Misstrauen gegenüber Pakistan

Wie die Integration der Taliban in Zukunft aussieht, wird auch maßgeblich die Beziehungen zwischen Afghanistan und Pakistan beeinflussen. Sowohl die USA als auch Afghanistan beschuldigen Pakistan, den Taliban im Grenzgebiet Unterschlupf zu gewähren und so indirekt mitzuhelfen, Afghanistan zu destabilisieren.

Der afghanische Präsident Hamid Karzai sieht im Interview mit dem "Guardian" nur eine Lösung für die Region: "Es wird keinen Frieden geben, wenn es nur ein Abkommen zwischen der afghanischen Führung und den Taliban gibt. Erst wenn auch die externen Kräfte, die versucht haben, Instabilität, Konflikte und Gesetzlosigkeit nach Afghanistan zu tragen, in Gespräche involviert sind, kann es dazu kommen." Zwar hat Pakistan zum Wohlwollen Afghanistans vor kurzem hochrangige Taliban-Vertreter freigelassen, dass diese Geste allerdings tatsächlich einen Friedensprozess wiederbeleben kann, darf bezweifelt werden.

Fehler von 1992 nicht wiederholen

Das Verhältnis der afghanischen Führung zu den NATO-Mächten ist ebenfalls nicht das beste. Im Dezember machte Karzai das Ausland für die Korruption in Afghanistan, das in sämtlichen Rankings als eines der korruptesten Länder der Welt geführt wird, verantwortlich. Kurz vor den Gesprächen dieser Tage in London goss der Präsident noch zusätzliches Öl ins Feuer. Helmand, eine Provinz im Süden Afghanistans, sei vor der Stationierung der britischen Truppen sicherer gewesen, sagte Karzai dem "Guardian".

Der Friedensprozess, so der afghanische Präsident, müsse in Zukunft von den Afghanen selbst getragen werden, allerdings kann man doch nicht ganz auf die Unterstützung aus dem Ausland verzichten. Würden 2014 tatsächlich alle Truppen abgezogen, dann wäre das als ein Scheitern zu werten. "Wenn wir diesen Übergang nicht vorsichtig planen, wird es auch keine Stabilität geben", sagte Karzai der BBC. Und auch von der NATO heißt es, dass man sich vor einem Szenario wie 1992 hüten werde, als nach der Intervention der Sowjetunion ein Bürgerkrieg ausbrach. (Teresa Eder, derStandard.at, 4.2.2013)

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    Präsident Hamid Karzai hat einen schwierigen Spagat zu bewältigen. Einerseits sollen die Taliban befriedet werden, andererseits darf er die NATO-Mächte nicht vor den Kopf stoßen.

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    Afghanische Soldatinnen bei der Abschlussfeier ihrer Ausbildung.

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    Die Grenze zwischen Afghanistan und Pakistan ist durchlässig, teilweise wird sie von der Bevölkerung nicht als solche wahrgenommen. Gleichzeitig ist die Region Rückzugsgebiet für Terroristen.

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