"Worst-Case-Szenario": Israel warnt vor dem Zerfall Syriens

Interview3. Februar 2013, 19:07
133 Postings

Israels Chefdiplomat Daniel Ayalon sieht Syriens Regime fallen, allerdings nicht im ganzen Land

Auch ein kontrollierter nuklearer Iran sei inakzeptabel. Von Christoph Prantner.

STANDARD: Was genau hat Israel zuletzt an der libanesisch-syrischen Grenze bombardiert?

Ayalon: Darüber habe ich keine Kenntnis.

STANDARD: Es wird vermutet, dass es Waffen waren, die die Hisbollah aus Syrien über die libanesische Grenze bringen wollte. Stimmt das?

Ayalon: Wir haben unsere Bedenken, was das anbelangt. Die sind allen bekannt. Derzeit gibt es keine Änderung dieser Lage.

STANDARD: Wie schätzen Sie die Situation in Syrien derzeit ein?

Ayalon: Wir sind am meisten über die humanitäre Situation besorgt. Die Lage ist beinahe aussichtslos. Denn es ist ein Nullsummenspiel zwischen Bashar al-Assad und den verschiedenen Fraktionen der Opposition geworden. Und es ist auch zwischen einigen Mitgliedern des Sicherheitsrates ein Nullsummenspiel geworden. Es gibt derzeit keine Möglichkeit, von außen Einfluss zu nehmen. In der Zwischenzeit unterstützen Iran und Hisbollah Assad massiv und verlängern dadurch den Konflikt. Assad wird früher oder später fallen. Aber er wird das Land nicht verlassen. Seine Rückzugsposition wird wohl eine alawitische Enklave an der Küste bei Latakia sein, die vom Iran und der Hisbollah unterstützt wird. Das bedeutet eine fortdauernde Instabilität und fortdauernde Gewalt in Syrien zwischen Religionen, Bekenntnissen und Ethnien.

STANDARD: Wird Syrien zerfallen?

Ayalon: Das wäre das Worst-Case-Szenario. Die Gefahr besteht, dass Syrien ein gescheiterter Staat wie Somalia wird. Das würde die gesamte Region destabilisieren.

STANDARD: Tritt Israel für eine militärische Intervention in Syrien ein?

Ayalon: Die Gelegenheit dafür ist verstrichen. Vor einem Jahr wäre es noch leichter gewesen. Heute kann man von niemandem verlangen, dort Truppen hinzuschicken, weil sie von allen Seiten unter Beschuss gerieten. Vielleicht gibt es eine Chance für eine Mission der Arabischen Liga, sobald die Situation klarer wird. Aber dafür muss internationale Einigkeit her, vor allem zwischen den USA und Russland. Dann könnte es einen Fahrplan aus der Krise geben.

STANDARD: Die USA wollen Gespräche mit Teheran führen. Was ist Israels Position dazu?

Ayalon: Wir sind nicht gegen einen Dialog zwischen USA und Iran. Wir wollen nur Bedingungen dafür sehen, vor allem was den Zeitraum betrifft. Vizepräsident Biden hat gesagt, dass die USA zu Gesprächen bereit sind, sofern die Iraner diese auch ernsthaft führen wollen. Bisher ist das nicht der Fall. Sie arbeiten am Nuklearprogramm weiter und unterstützen Terroristen. Es gibt keinen Strategiewechsel in Teheran.

STANDARD: Viele glauben, dass 2013 das Jahr der Entscheidung für diesen Streit ist. Was denken Sie?

Ayalon: Es braucht noch mehr Druck von der internationalen Gemeinschaft. Die Ayatollahs zahlen durch die Sanktionen erstmals einen Preis für ihre Aggressivität. Aber: Dadurch hat sich ihr Verhalten noch nicht geändert. Nun ist es an der Zeit zu zeigen, dass die internationale Gemeinschaft bereit ist, den Iran zu stoppen und auch die Fähigkeiten dazu hat.

STANDARD: Wenn es eine Verhandlungslösung geben sollte, wäre eine limitierte Anreicherung von Uran im Iran akzeptabel für Israel?

Ayalon: Das ist nicht akzeptabel. Wenn sie Uran für wissenschaft liche Zwecke einsetzen wollen, dann gibt es Möglichkeiten, es außerhalb des Iran anzureichern.

STANDARD: Auch nicht, wenn die IAEA den Iran scharf kontrolliert?

Ayalon: Es müsste sehr robuste Kontrollen geben, wenn es eine Einigung darüber gibt. Wenn es keinen Deal gibt? Ein nuklearer Iran ist für niemanden akzeptabel. Den Mullahs geht es nicht um Nuklearkapazitäten als Endziel, sie sind an Hegemonie und Dominanz über Nahost hinaus interessiert. Das darf die internationale Gemeinschaft nicht gestatten.

STANDARD: Wenn es keine Verhandlungslösung gibt, würde Israel alleine Militäraktionen starten?

Ayalon: Wir können nichts ausschließen. Alle Optionen sind auf dem Tisch. (DER STANDARD, 4.2.2013)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Daniel Ayalon (57) ist seit 2009 stellvertretender Außenminister Israels. Seit dem Rücktritt Avigdor Liebermans als Außenminister im Dezember ist er Chefdiplomat. Er ist Abgeordneter von Liebermans nationalistischer Israel-Beitenu-Partei und hat angekündigt, der Regierung nicht mehr anzugehören und aus der Politik auszuscheiden. F.: Reuters

  • Bild nicht mehr verfügbar

    60 Kilometer sind es von der ehemaligen Militärbasis Bental auf den Golanhöhen bis nach Damaskus. Israel befürchtet regionale Auswirkungen.

Share if you care.