Heftig würgt der Tunnelblick

3. Februar 2013, 17:27
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Am 20. Jahrhundert scheitert dieses Projekt dann endgültig

Freitag und Samstag, Hauptsendezeit bei Vox. Jeweils vier Stunden 70.000 Jahre Menschheitsgeschichte in insgesamt acht Teilen. Eine zusammen mit der BBC üppig umgesetzte Doku-Fiction als von Dieter Moor launig moderiertes "Doku-Event" (Vox).

Herausragend in dem Kostümschinken, an dem auch Alexander Kluge mitgearbeitet hat, sind zahllose ausführlich inszenierte Tötungsszenen und ein ästhetischer Flirt mit dem Fantasy-Genre. Bei so viel Schlachten, Vergiften, Auspeitschen und Abwürgen bleibt - Ausnahme: Cäsar & Kleopatra - nicht einmal genug Zeit für Erotik. Geschweige denn Platz für noch Unbedeutenderes, trotz "XXL"-Format: Daher endet die Philosophie bei den alten Griechen und schließt die Kunst bei Leonardo da Vinci.

Musik, Theater und Literatur kommen gar nicht vor. Die erste Eisenbahn gibt herzige Szenen her. Die Erfindung von Fotografie, Film, Telefon, Radio und Fernsehen bleibt im Dunkeln. Das von Chris Granlund mit 1100 Statisten zusammengeschusterte Machwerk leidet nicht nur an spekulativem Aufputz und chronologischer Struktur - sondern auch am Tunnelblick, der überwiegend Kampf und Handel ins Visier nimmt.

All das zusammengenommen schränkt die bemühten aufklärerischen Vermittlungsabsichten ein. Am 20. Jahrhundert scheitert dieses Projekt dann endgültig: Atompilze sind eindrucksvoll. Umweltverschmutzung dagegen gibt es nicht. Ebenfalls kein Thema sind Kommunikationsrevolution, Gentechnologie, Postkolonialismus oder Kontrollgesellschaft. Das gibt ein glattes "Nicht genügend". Vom Gebrauch der angebotenen DVD an Schulen ist daher abzuraten. (Helmut Ploebst, DER STANDARD, 4.2.2013)

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