Intensität abseits der Worte

3. Februar 2013, 17:14
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Sidsel Endresen und Stian Westerhus im Porgy & Bess

Wien - Die Besetzung - auf den ersten Blick asketisch: Gitarrist trifft Sängerin; sie richtet sich auf einem Hocker gemütlich ein und verzichtet auf äußere Effekte. Das lässt ein Duo erwarten, das Dialoge im klanglich intimen Bereich anstrebt. Die norwegische Vokalistin Sidsel Endresen und Gitarrist Stian Westerhus zieht es allerdings, das stellt sich im Porgy & Bess bald heraus, weit weg vom konventionellen Plausch.

Man hört keine obligaten Songformate. Und die Rollenverteilung gehorcht nie dem Ordnungsschema Begleiter/Solistin. Dazu ist Westerhus' Gitarrenfantasie zu überbordend; dazu hat er zu viel an elektronischem Gerät in überraschendem Einsatz, um einfach aus dem Hintergrund dienstbar tätig bleiben zu können. Vielmehr klingt der Mann bisweilen wie ein Weltuntergang, wie jemand auch, der die turbulenten Vorgänge in einer Bombe expressiv nachzustellen geneigt ist.

Wie er dies im Sinne von Intensität umsetzt; wie er seine eigene Geräuschästhetik durchbricht und auch ganz andere Ausdrucksebenen aufsucht - da sind malerische Landschaften und Geigenfantasien -, das macht ihn jedoch zum ständig sich wandelnden Unruheherd, der Endresens Kunst delikat anstachelt und ihr Gestaltungstüren öffnet.

Emotionale Untiefen

Die Virtuosin der lautmalerischen Improvisation wiederum braucht keine Computereffekte. Sie scheint im Geiste der imaginären Folklore einen abstrakten Weg gefunden zu haben, Emotionen sehr unmittelbar durch Fantasiesprache zu erwecken. Es kann zwar auch eine zarte Kantilene erscheinen. Im Grunde jedoch animiert die Gitarre hier Endresen zu herben, direkten und knappen Statements, die emotionale Tiefe durch avancierte Gesangstechnik herstellen.

Ergebnis ist eine immens dynamische Musik, die ihre Formen im Augenblick des Entstehens erschafft. Freie Improvisation kann sich gemeinhin im Ungefähren verlieren. Hier hingegen dominierte enorme Dichte, ohne dass jemals das Gefühl der Leere entstand. Es wurde somit eine markante Klangreise mit nonverbalen Geschichten, die man ähnlich auch auf dem neuen Album Didymoi Dreams (Rune Grammofon) nacherleben kann. (Ljubiša Tošic, DER STANDARD, 4.2.2013)

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