Arme Science-Fiction und Do-it-yourself-Slapstick

3. Februar 2013, 18:22
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Der Schwerpunkt zum iranischen Filmschaffen war nur ein Highlight. Der Österreicher Daniel Hoesl erhielt für sein Debüt "Soldate Jeannette" einen Tiger Award

Ein Mann erwacht in seiner kleinen Behausung. Der karge Raum ist ganz mit Alufolie ausgekleidet. Der Mann legt einen silbern glänzenden, dicken Overall an. Dann schlüpft er in die Arbeitskleidung und fährt auf seinem alten Beiwagenmoped durch eine seltsam ausgestorbene Stadt zu seinen Kunden.

Der Mann ist eine Art Kammerjäger in einer nicht näher definierten, UV-verstrahlten Zukunft. Er ist der namenlose Held von Vahid Vakilifars Taboor. Der zweite lange Film des iranischen Regisseurs operiert mit minimalen, vor allem akustischen Verfremdungen. Der Teheraner Stadtraum, anonyme Parkgaragen, Aufzüge oder Heizungskeller werden zum Schauplatz einer dystopischen Science-Fiction-Erzählung. Ob man darin nun mehr eine existenzielle Parabel sehen will oder doch einen spezifischeren Kommentar auf herrschende Verhältnisse und mögliche Gefährdung, das liegt im Auge des Betrachters.

Taboor war in Rotterdam als Beitrag zum Programmschwerpunkt Inside Iran zu sehen, der eine breite Auswahl von Arbeiten und viele Gäste aufbot, um Einblicke in die gegenwärtige Laufbildproduktion iranischer Künstlerinnen und Künstler zu vermitteln: Performance-Videos und andere Miniaturen, welche ein Showcase der Teheraner Parking Gallery versammelte, fanden darin Platz. Aber auch Neues von arrivierten - und teils ins Exil gezwungenen - Regisseuren wie Bahman Ghobadi, Abolfazl Jalili und Mohsen Makhmalbaf. Letzterer etwa begibt sich in The Garden nach Haifa, um sich dort mit der Religion der Baha'i auseinanderzusetzen, einer vor 170 Jahren im Iran entstandenen und dort nunmehr verfolgten Glaubenslehre.

Viele der im Iran gedrehten Beiträge mussten ohne offizielle Genehmigung realisiert werden - so etwa Majid Barzegars Parviz: die ruhige Charakterstudie eines ewigen Sohnes und scheinbar unerschütterlichen Phlegmatikers, der plötzlich einen unheimlichen Persönlichkeitswandel hinlegt. Deren behäbiger Hauptdarsteller Levon Haftvan wiederum war auch in Fat Shaker zu sehen.

Dieses teils brachiale, teils surreale Generationendrama ist von Regisseur Mohammad Shirvani dezidiert als Reaktion auf den sozialrealistischen Strang im iranischen Kino angelegt. Und es war ein weiterer Beleg für die beeindruckende Vielfalt und Vitalität, die man bei Inside Iran entdecken konnte. Fat Shaker erhielt schließlich einen Tiger Award. Die anderen gingen an die Slowakin Mira Fornay für ihr Gesellschaftsdrama My Dog Killer und an den Österreicher Daniel Hoesl, der die Jury mit der visuellen Kraft seines Debüts Soldate Jeannette überzeugte (der Standard berichtete).

Engagement statt Event

Engagierte Programme wie Inside Iran, genauso wie Tributes, die heuer der ukrainischen Regieveteranin Kira Muratova und dem deutschen Ausnahme-TV-Handwerker Dominik Graf galten, oder überhaupt das anhaltende Interesse am Filmschaffen entlegener Weltgegenden: All das macht den Wert dieser angenehm unglamourösen Großveranstaltung aus, die heuer wieder konzentrierter wirkte als im Vorjahr.

Einmal spätnachts in der Straßenbahn erklärte ein Fahrgast auf Nachfrage des Schaffners stolz, das Rotterdamer Festival sei jenes der "armen Filmemacher". Soldate Jeannette - finanziert ohne die großen Förderer, aber vom BMUKK sowie den Ländern Niederösterreich, Steiermark und der Stadt Wien - stand mit seinen 65.000 Euro Gesamtbudget für diesen Indie-Spirit. Ebenso wie die Beiträge von US-Filmemacherinnen, die in unterschiedlichen Sektionen überzeugten:

Eliza Hittmans stimmige Teenagerstudie It Felt Like Love etwa und Nina Davenports unterhaltsame Langzeitselbstbeobachtung First Comes Love, die vom Kinderwunsch der 41-jährigen Single-Frau zur künstlichen Befruchtung führt und sich dabei zur Dokumentation einer Generation erweitert. Oder Towheads, der erste Langfilm der Performerin und Video-Künstlerin Shannon Plumb.

Die von Plumb selbst gespielte Protagonistin Penelope ist Künstlerin, verheiratet, Mutter zweier kleiner Söhne und im Rahmen des innerfamiliären Arrangements erstverantwortlich für Haushalt und Nachwuchs. Davon ist sie dauerschlapp, unkreativ, fühlt sich unattraktiv. Ihr Ehemann, der gerade sehr mit der Einstudierung eines Theaterstücks beschäftigt ist, hat am Ende eines viel zu langen Tages nichts Besseres zu sagen, als ihr dringend einen Besuch bei der Kosmetikerin anzuraten.

Ihren tatsächlichen Ehemann, den Blue Valentine-Regisseur Derek Cianfrance, hat Plumb als "Stereotyp eines berufstätigen Familienvaters" besetzt. Die gemeinsamen Söhne spielen mit, gedreht wurde am Wohnsitz der Familie in Brooklyn. Das einnehmende Ergebnis dieser Do-it-yourself-Unternehmung ist eine furiose Slapstickkomödie. Unglaublich komische Szenen dominieren, in denen Penelope mit tückischen Objekten ebenso zu kämpfen hat wie mit der Schwerkraft, der bleiernen Müdigkeit oder dem Übermut ihrer Kinder. Unerwartet beginnt das Geschehen aber in tiefe Traurigkeit umzuschwingen.

Mutter in Kampfbemalung

Einmal, nachdem sie begonnen hat, den Haushalt zu bestreiken und ihr Gatte notgedrungen das Kochen übernimmt, kommt Penelope in aufgepolsterter Footballer-Montur, mit Kampfbemalung und Helm zum Essen an den Tisch - und plötzlich wirkt sie wie eine Wiedergängerin von Gena Rowlands' unnachahmlicher Mabel Longhetti (A Woman Under The Influence). Der Moment ist zum Heulen schön. Von Plumb wird man hoffentlich noch hören. (Isabella Reicher, DER STANDARD, 4.2.2013)

  • Einsamer Held, verstrahlte Zukunft: Mohammad Rabbanipour in der 
iranischen Sci-Fi-Elegie "Taboor" von Vahid Vakilifar. 
    foto: iff rotterdam

    Einsamer Held, verstrahlte Zukunft: Mohammad Rabbanipour in der iranischen Sci-Fi-Elegie "Taboor" von Vahid Vakilifar. 

  • Tiger-Preisträger Mohammad Shirvani (li.), Mira Fornay und Daniel Hoesl, 
der mit seinem Debüt "Soldate Jeannette" erfolgreich war. 
    foto: epa/robert vos

    Tiger-Preisträger Mohammad Shirvani (li.), Mira Fornay und Daniel Hoesl, der mit seinem Debüt "Soldate Jeannette" erfolgreich war. 

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