"Wertfrei zu sein ist sowieso unmöglich"

Interview3. Februar 2013, 17:06
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In Tomás Sedláceks Sachbuchbestseller "Die Ökonomie von Gut und Böse" geht es um die Moral der Wirtschaft - nun wurde er auch für die Bühne adaptiert

Wien/Berlin - Zwei junge Männer, der eine schwarz, der andere weiß gekleidet. Man ahnt schon: Sie stellen das Gute und das Böse dar. Zwischen ihnen ein bärtiger Dritter mit etwas widerspenstigen rotblonden Haaren. Gemeinsam deklamieren sie, Rollen spielend und tauschend, Szenen aus der Wirtschaft. Tomás Sedláccek, der Mann in der Mitte, ist in einem seiner Elemente: auf der Bühne.

Normalerweise arbeitet Sedlácek als Chefökonom der größten tschechischen Bank CSOB, ist als Mitglied des Nationalen Wirtschaftsrats ein Chefberater der tschechischen Regierung und Professor an der Prager Universität. Vor sechs Jahren ernannte ihn die Yale University zu einem der fünf "young guns in economics". Sein Buch Die Ökonomie von Gut und Böse, 2009 auf Tschechisch erschienen, wurde zum internationalen Bestseller (auf Deutsch bei Hanser, 2012).

Das brachte Lukas Hejlík und Alan Novotný von der Prager Theatergruppe LiStOVání auf die Idee, das 400-Seiten-Werk über die kulturelle Verwurzelung einer vorgeblich rationalen (homo oeconomicus!) Wissenschaft für eine szenischen Lesung zu adaptieren, mit kleinen Sketches zu den Verirrungen im täglichen Wirtschaftsgeschehen.

Es könnte zum Starrummel kommen, wenn Sedláccek da mitspielt. Doch er hält sich zurück und eher am Rande auf, erst mit der Zeit übernimmt er die tragende Rolle und führt sie nach dem Ende des Stücks in Diskussionen über. Das Gespräch mit ihm fand anlässlich der Konferenz Bonds: Schuld, Schulden und andere Verbindlichkeiten im Berliner Haus der Kulturen statt, wo Die Ökonomie von Gut und Böse, zwar auf Englisch, aber erstmals im deutschsprachigen Raum aufgeführt wurde.

STANDARD: Was ist der Gewinn, wenn der Inhalt Ihres Buches auf die Bühne kommt?

Sedlácek: Ich wollte Wirtschaft schon immer mit Philosophie und Kunst verbinden, und als der Theaterdirektor Lukas Hejlík mir seine Idee vortrug, sagte ich zu. Theater gibt der Wirtschaft eine ganz neue Atmosphäre. Es führt immer zu Debatten. Das ist die Magie der Bühne.

STANDARD: Wie bringen Sie Ihre Arbeiten als Ökonom, Regierungsberater und Uni-Professor unter einen Hut mit Ihren Engagements?

Sedlácek: Für mich ist es das reinste Vergnügen. Seit ich sieben war, wollte ich Schauspieler werden, aber ich hatte nie gedacht, dass ich einmal im Prager Nationaltheater stehen und 150 Auftritte in halb Europa haben würde!

STANDARD: Sie glauben nicht an wertfreie Ökonomie. Welche Werte würden Sie ihr zuschreiben?

Sedlácek: Zunächst einmal ist Wertfreiheit schon selbst ein sehr großer Wert. Und wertfrei zu sein, ist sowieso unmöglich. Das war, denke ich, der Fehler, den Milton Friedman gemacht hat, als er sagte, dass Ökonomie eine positivistische Wissenschaft sein sollte. Das heißt doch nur, dass er das glaubt. Das ist der Trick der Wirtschaftswissenschafter: wie ein Wirtschaftswissenschafter zu glauben.

STANDARD: Ihr Buch war ein Bestseller, wurde überall rezensiert, hat viel Zuspruch erhalten, auch von Kollegen in der Wirtschafts- und Finanzwelt. Aber hat das Buch diese Leute auch bewogen, darüber nachzudenken, was sie tun?

Sedlácek: Nun, ich kann nur davon ausgehen, was sie mir sagen, nicht, was sie wirklich denken. Aber immerhin wurde ich etwa von der Deutschen Bank nach Wien und Frankfurt eingeladen, um meine Gedanken vorzutragen. Die scheinen interessiert zu sein, weil ihr Glaube an die wirtschaftlichen Gesetze langsam zerbröselt. Zu meiner Überraschung reden sie auch gerne darüber.

STANDARD: Aber was ist mit denen, die an den Computern sitzen und in Mikrosekunden wegen Kursschwankungen riesige Gewinne lukrieren? Was sagen die zu einem tschechischen Ökonomen, der ihnen vorwirft, dass dies unmoralisch sei?

Sedlácek: Sie haben ja eine Moral, aber die ist verdreht. Freud spricht vom Polykrates-Komplex. Der Begriff bezieht sich auf einen griechischen Tyrannen, der das Gefühl hatte, unverdient glücklich zu sein. Er fühlte sich umso schuldiger, je besser es ihm ging, und er wollte dafür bestraft werden, unbewusst.

STANDARD: Jemand wie Madoff wurde schließlich bestraft.

Sedlácek: Das ist der einfache Fall. Aber da ist etwas Grundsätzlicheres. Immerhin kommt es, wenn ich meine Gedanken vortrage, zu ernsthaften Debatten.

STANDARD: Sie nennen und kritisieren auf der Bühne auch Entscheidungsträger wie Merkel oder Sarkozy - hören die Ihnen zu?

Sedlácek: Mit denen hab ich noch nie geredet. Aber mit anderen in ähnlichen Positionen, und es könnte sein, dass die Politik jetzt langsam in die Richtung geht, die ich für richtig halte. Dass die Politiker sich der Versuchung einer Fiskalpolitik widersetzen, die lautet: mehr Schulden drucken. Das ist wie der Ring von Gandalf (in Herr der Ringe), der nicht berührt wurde, weil er eine zu große Versuchung darstellte.

STANDARD: In der tschechischen Regierung haben Sie, heißt es, einigen Einfluss.

Sedlácek: Ich bin im Beraterstab des Premiers, und dort sage ich drei, vier Mal, was ich für richtig halte, und die Regierung macht dann, was sie richtig findet.

STANDARD: Sind weitere Aufführungen in deutschsprachigen Ländern geplant?

Sedlácek: Die Sprache ist eine gewisse Barriere. Wir sind bereits in London, Warschau, Helsinki und Tampere auf der Bühne gestanden. Ab Ende Februar gibt es wieder Aufführungen in Tschechien. Jetzt kommt mein Buch gerade in Südkorea heraus - also vielleicht werden wir dort auch noch spielen. (Michael Freund, DER STANDARD, 4.2.2013)

Tomás Sedlácek (36) wurde im nordböhmischen Roudnice nad Labem geboren. Nach seiner Promotion an der Karls-Universität Prag 2001 wurde er ökonomischer Berater des damaligen Präsidenten Václav Havel.

  • Der tschechische Ökonom und Neo-Schauspieler Tomás Sedlácek freut sich 
darüber, dass seine Gedanken auch auf der Bühne große Resonanz erfahren. 
    foto: tomás sedlácek

    Der tschechische Ökonom und Neo-Schauspieler Tomás Sedlácek freut sich darüber, dass seine Gedanken auch auf der Bühne große Resonanz erfahren. 

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