Europa in der Energiefalle

Blog2. Februar 2013, 13:48
72 Postings

Die USA haben ihren Energiemix geändert, das hat schwerwiegende strategische Konsequenzen

Es gibt nichts, was die geopolitische Weltlage derzeit so sehr verändert wie der Energiebereich. Die USA haben binnen kürzester Zeit ihren Energiemix geändert: Ihr Erdgasverbrauch steigt, ihr Abhängigkeit von Öl dagegen fällt. Durch massive Investitionen in Schiefergasfelder decken die Vereinigten Staaten bereits jetzt 37 Prozent ihres Gasbedarfes durch "Shale Gas". In den kommenden Jahren wird diese Kennzahl deutlich steigen, die USA werden im Gasbereich nicht nur autark werden, sondern zum Netto-Exporteur.

Das hat schwerwiegende strategische Konsequenzen, die auf der Münchner Sicherheitskonferenz breit diskutiert wurden. Kurzfristig sinkt die amerikanische CO2-Bilanz, weil Gas statt Kohle verstromt wird (US-Kohle wird neuerdings nach Europa exportiert). Langfristig erhöht diese billige, hausgemachte Energie die Wettbewerbsfähigkeit der USA und verringert den Einfluss der Golfstaaten auf das außenpolitische Kalkül Washingtons.

Seit dem Beginn des Schiefergasbooms wurden in den Staaten 1,7 Millionen neue Jobs allein im Gasbereich geschaffen. Dazu kommt, dass die Billigenergie zu einer massiven Reindustrialisierung der USA führt: Grundstoffindustrien siedeln sich dort wieder an, Aluminiumwerke, Autofabriken, Stahlanlagen werden gebaut - auch die Voest plant ein Werk irgendwo in den Südstaaten. Kostenpunkt eine Milliarde Euro.

Die Investition ist viel schneller wieder zurückverdient als in Europa: In den USA kostet ein Kubikmeter Gas zwei bis drei US-Cent, in Europa liegt der Preis bei zehn bis 15 Euro-Cent. Man muss kein ausgefuchster Betriebswirt sein, um zu durchschauen, dass das für energieintensive Branchen ein "No brainer" ist, wie die Amerikaner sagen. Sie haben - trotz erheblicher Umweltgefahren - dadurch einen enormen Wettbewerbsvorteil, ziehen Auslandsinvestments an und können etwa im Nahen Osten deutlich freier agieren. Durch die derzeit entstehenden Flüssiggasterminals haben die USA zudem bald die Möglichkeit, große Mengen Gas über den ganzen Globus zu verteilen - für den Fall etwa, dass die Russen irgendeinem unbotmäßigen Staat im Winter wieder einmal den Hahn zudrehen.

Und Europa? Die Abhängigkeit der EU von Erdgas wird in den kommenden Jahren noch steigen, da sich der Gasmarkt in Europa von 540 Milliarden Kubikmeter auf gut 600 Milliarden Kubikmeter vergrößern wird. Gleichzeitig gehen die konventionellen Erdgasvorräte in Europa zur Neige, neue Vorkommen vor Zypern oder Schiefergasfelder (in Polen oder der Ukraine) sind noch lange nicht entwickelt. Die ohnehin schon große Abhängigkeit von Russland steigt eher noch. Auch weil die Russen auf den Fernen Osten spitzen.

Der russische Energieminister Aleksandr Novak erklärte in München, dass sich die Gasproduktion nach Osten und näher an den Verbraucher verlagern werde. Obwohl Europa "langfristiger strategischer Partner" bleibe, war das als zarter Hinweis zu verstehen, dass der Gaspreis für Europa wohl empfindlich steigen wird. Auch deswegen, weil Gas sich vom Ölpreis abkoppeln und viel kurzfristiger an Spotmärkten gehandelt werden wird statt vor allem über Langfrist-Kontrakte wie bisher üblich.

Für Europas Wettbewerbsfähigkeit und seinen industriellen Kern bedeutet das nichts Gutes, es sitzt in der Energiefalle. "Wir brauchen leistbare Energie", diese Forderung des EU-Energiekommissars Günther Öttinger klingt fast wie ein Flehen. Immerhin: Die Chancen für die federführend von der OMV vorangetriebene Nabucco-Pipeline steigen durch den Wandel im Energiemarkt wieder. Öttinger rechnet mit einem endgültigen Go für das lange verzögerte Projekt noch in diesem Herbst. (Christoph Prantner, derStandard.at, 2.2.2013)

  • Abgefackeltes Gas auf einem Schiefergasfeld in Pennsylvania.
    foto: reuters

    Abgefackeltes Gas auf einem Schiefergasfeld in Pennsylvania.

  • Karte: Die Nabucco-Pipeline.
    grafik: eurodialogue.org

    Karte: Die Nabucco-Pipeline.

Share if you care.