Ethikunterricht: Kopf zum Denken ersetzt hündische Ergebenheit

Kommentar der anderen1. Februar 2013, 19:48
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Wenn Philosophen über Religionen sprechen, haben sie oft christliche Fundamentalisten in den USA vor Augen. Es fehlt Wissen über neue theologische Ethikansätze, das zu einer gerechteren Beurteilung des schulischen Religions- und Ethikunterrichts führen könnte

In meiner Familie gibt es seit kurzer Zeit einen Hund. Er ist ein Havaneser. Weil uns der Wunsch nach einem eigenen Hund bei einem längeren Aufenthalt in den USA kam, gaben wir ihm den Namen Sam.

Sam musste lernen, unseren Befehlen zu gehorchen. Wesentlich ist etwa, dass er das Kommando "Sitz" befolgt. Dieses Kommando kann gerufen oder mit der Hand angezeigt werden. Folgt der Hund dem Befehl, soll er in der Lernphase als Belohnung ein Leckerli erhalten und gelobt werden. Was aber geht in einem Hund vor, wenn er diesem Befehl folgt? Der bekannte US-amerikanische Hundetrainer und Buchautor Cesar Millan stellt dazu fest: "Hunde verstehen die Bedeutung von 'Sitz' nicht besser als das Wort 'Geburtstag'. Wir konditionieren sie darauf, zu begreifen, was der Laut für sie signalisiert."

Zahlreiche religiöse und nichtreligiöse Menschen verstehen die Gebote (eines) Gottes als transzendente Hundekommandos. "Divine Command Theory" wird diese ethische Position im Englischen genannt. Gott erlässt ein Gebot, zum Beispiel "Du sollst nicht töten!", und dieses Gebot muss blind befolgt werden: keine Widerrede, kein Argumentieren, keine Nachfrage. Auch Konrad Paul Liessmann interpretiert religiöse Ethik ganz allgemein als die Befolgung eines dem Menschen von einer göttlichen Autorität auferlegten heteronomen Normenkatalogs. (DER STANDARD 26./27. 1.)

Aber so einfach ist die Sache nicht. Die neuere theologische Ethik betont nämlich, dass der Mensch auch Gott gegenüber als sittliches, vernünftiges Wesen nicht in der Situation eines Hundes ist, der die Gebote seines Herrn blindlings befolgen muss, ohne sie in ihrer ethischen Qualität beurteilen zu können. Die Verantwortung jedes Menschen dafür, humanen Normen zu gehorchen und inhumanen den Gehorsam zu verweigern, hat schon Thomas von Aquin gelehrt. Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil haben führende Vertreter einer theologisch begründeten autonomen Moral darauf hingewiesen, dass die Verbindlichkeit ethischer Normen nicht von der Autorität stammt, die sie vermittelt, sondern aus ihrer inneren Vernünftigkeit.

Natürlich gibt es fundamentalistische christliche Biblizisten, die die Schriften des Ersten (Alten) und Zweiten (Neuen) Testaments rigoristisch und als in allen Einzelheiten unfehlbare Wahrheit auslegen. Die meisten Theologinnen und Theologen, katholische und protestantische, aber haben gelernt, die Bibel historisch-kritisch zu interpretieren, literarische Gattungen zu unterscheiden, historische Kontexte zu berücksichtigen. Sie sind sich etwa bewusst, dass die Zehn Gebote kein in Stein gemeißeltes Diktat Gottes auf dem Sinai sind, sondern dass hier etwas in der Bibel literarisch prächtig inszeniert wird, das in einer langen Kulturgeschichte von Menschen als "Anleitung zu einem guten Leben" und zu einem gerechten Miteinander entdeckt wurde. Die Zehn Gebote sind die feierliche, predigthafte Verkündigung allgemeiner Verhaltensregeln, die ihren Ursprung im israelitischen Sippenethos haben. Das hat zur Folge, dass man die einzelnen Gebote nur in ih- rer Geschichtlichkeit richtig ver-steht. Das Gebot "Du sollst nicht töten!" beispielsweise ist im historischen Kontext keineswegs als absolutes Tötungsverbot zu verstehen, sondern als Beschränkung des Tötens auf die Fälle der Todesstrafe, der Notwehr und des Krieges. Deshalb kann dieses Gebot auch nicht autoritativ herangezogen werden, um heutige bioethische Fragen zur Präimplantationsdiagnostik und zur Euthanasie konkret und differenziert zu beantworten.

Kopf ist nicht zum Nicken da

Die neuere theologische Ethik verortet die Bedeutung der Religion für ethische Fragen vorrangig in den Dimensionen der Motivation und der Gemeinschaft. Sie sieht den Menschen als ein von Gott in seine Autonomie freigesetztes soziales Wesen. Gott hat dem Menschen den Kopf nicht primär zum Nicken gegeben, sondern vor allem zum Denken und Diskutieren.

Was bedeutet dies nun für den Ethikunterricht an österreichischen Schulen? Ich erwähne hier nur zwei Punkte. Erstens: Auch in der theologischen Ethik werden Fragen nach dem guten, gelingenden, glückenden Leben gestellt und auf dem Hintergrund menschlicher Erfahrung und kritischer Reflexion zu beantwor- ten versucht. Religionslehrerinnen und Religionslehrer sind deshalb - mit einer in Zukunft für alle Ethiklehrer verbindlich vorzuschreibenden Zusatzqualifika-tion - für die Erteilung des Ethikunterrichts grundsätzlich gut geeignet.

Zweitens: Religionsunterricht darf nicht als kirchliche Indoktrination verstanden werden, sondern als Freiraum, sich im Kontext der Ökonomisierung aller Lebensbereiche, auch der Schule selbst, mit Sinn-, Lebens-, Moral- und Gerechtigkeitsfragen auseinanderzusetzen. Deswegen sollte beides, sowohl Religionsunterricht als auch Ethikunterricht, an österreichischen Schulen angeboten werden. An welchem Unterricht die Schülerinnen und Schüler teilnehmen wollen, wird von ihnen selbst oder ihren Erziehungsberechtigten frei entschieden. (Kurt Remele, DER STANDARD, 2./3.2.2013)

KURT REMELE lehrt Ethik an der Theologischen Fakultät der Universität Graz. Im Wintersemester 2007 war er Gastprofessor für Philosophie an der University of Minnesota.

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