Das "Methusalem-Komplott" und die unnötigen Ängste

Kommentar der anderen1. Februar 2013, 19:45
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Wehrpflicht für die Jungen, dank der Stimmen der Alten: Was die Umfragedaten wirklich zeigen

Nachdem die ersten Daten auf unseren Hochrechnungs-PCs am frühen Nachmittag des Volksbefragungs-Sonntags eingelangt waren, dachte ich, dass die Sache Berufsheer gegen Wehrpflicht noch am gleichen Tag ad acta gelegt werden würde. 60:40, und aus.

Doch schon am Abend schlittert die Republik in eine heftige, teilweise gehässige Debatte, ob jetzt die Alten über die Jungen drübergefahren seien. Zu meiner Verblüffung meinten einige, dieses "Methusalem-Komplott" sei ableitbar aus dem von Sora/ISA im Auftrag des ORF erhobenen Befund, dass Junge für das Berufsheer, die Älteren aber für die Wehrpflicht gestimmt haben. Und auf einmal flogen die Messer auch gegen unsere Forschung ziemlich tief.

Ich habe Andreas Khol schon in einem langen Telefonat gesagt, warum die im Auftrag der ÖVP von der Arge Wahlen erhobenen 6000 Befragten nicht eindeutig klären können, ob die unter 30-Jährigen für oder gegen das Berufsheer waren. Denn die demoskopischen Befunde vor Dreikönig 2013 sagen wenig aus. Die Kampagnen sind erst in den zwei Wochen vor der Volksbefragung über die öffentliche Wahrnehmungsschwelle geklettert, vor allem die für das Berufsheer. Ich wüsste nur zu gerne, was die von 7. bis 17. Jänner im Auftrag der ÖVP befragten Jugendlichen als Präferenz angegeben haben. Ich höre immer nur den Verweis auf alle seit Herbst Befragten unter 30, was in mir die Vermutung stärkt, dass diese nur im vergangenen Jahr signifikant pro Wehrpflicht waren, aber nicht nach Dreikönig.

Uns haben vier von zehn Jungen gesagt, sie haben sich erst im neuen Jahr entschieden (alle wurden am Wahltag oder in den drei Tagen davor befragt). Bei rund 200 Befragten in der Altersgruppen ziehe ich in dem Punkt Samplesize zwar den Kürzeren gegenüber Andreas Khol, aber wie so oft im Leben kommt es nicht nur auf die Größe an. Wenn eine Kampagne - vor allem bei einem Thema, über das die Menschen zum ersten Mal abstimmen - erst knapp vor der Wahl greift, sind die Daten vom letzten Jahr nur sehr bedingt aussagekräftig. Da zu behaupten, alles was den von der Volkspartei beauftragten Interviews vom vergangenen Jahr widerspricht, sei falsch, ist etwas zu selbstsicher.

So sehr Andreas Khols Befund über die Sora/ISA-Wahltagsbefragung ins Leere trifft, so sehr hat er allerdings recht, wenn er die ältere Generation gegen die Diffamierung als Egoisten, die sich einen Dreck um die Jugend scheren, in Schutz nimmt. Es gibt keinen einzigen Sora-Befund aus 16 Jahren Sozial- und Politikforschung, der untermauern könnte, dass die über 60-Jährigen auch nur Tendenzen haben, über die Jungen drüberzufahren. In jeder einschlägigen Studie plädieren sie einmütig dafür, in Ausbildung, Jobs und generell das Wohlergehen der Jugend zu investieren. Auch wenn's was kostet. (Die meisten haben auch individuell jahrzehntelang sehr viel Geld und Zeit in Kinder und Enkelkinder investiert und - vor allem natürlich die Frauen - auf große Einkommenssummen verzichtet.)

Warum die Älteren dann trotz aller Solidarität mit den Jungen pro Wehrpflicht waren? Um in einer Volksbefragung diese Altersgruppe dazu zu bringen, sich vom seit Jahrzehnten Vertrauten ab- und etwas Neuem zuzuwenden, muss das Vertraute sehr unbeliebt und/oder das Neue schon lange ersehnt sein. Das war aber nicht der Fall, und selbst eine grandiose Kampagne für das Neue könnte dieses bei den Älteren nur sehr schwer durchsetzen. Bei der Wehrpflicht war jedoch bekanntlich die Kampagne für das Vertraute wesentlich einmütiger und präziser. Insofern ist es erstaunlich, dass in der Generation 60 plus immerhin drei von zehn für ein Berufsheer waren. (Christoph Hofinger, DER STANDARD, 2./3.2.2013)

Christoph Hofinger führt mit Günther Ogris und den Mitarbeitern des Sora-Instituts seit 1994 im Auftrag des ORF Hochrechnungen und Wählerstromanalysen durch, seit 2008 in Kooperation mit ISA auch Wahltagsbefragungen.

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