"Die austropatriotische Identitätsmaschine"

Interview2. Februar 2013, 11:06
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Sporthistoriker Rudolf Müllner sieht den Skisport in einer Aufmerksamkeitskrise - WM erzeuge "Austro-Chauvinismus bis zum Gehtnichtmehr", aber kein weltweites Interesse

Standard: Glauben Sie, dass die Ski-WM in Schladming eine besondere wird?

Müllner: Das wird eine Ski-WM wie die 41 Weltmeisterschaften davor - und auch wieder nicht. Eine WM mit besonders viel Hightech und einem besonders großen Promizirkus, leider eine WM ohne Robert Seeger und seinen Norwegerpulli. Aber natürlich werden wir Austro-Chauvinismus bis zum Gehtnichtmehr erleben. Und jedenfalls wird diese WM gefühlsmäßig am Ende viel schneller vorbeigegangen sein als frühere.

Standard: Wieso das?

Müllner: Unsere Aufmerksamkeit verpufft früher, das ist der Unterschied. Wir klicken zum nächsten Sender, zum nächsten, noch größeren, wichtigeren Ereignis.

Standard: Was wäre größer oder wichtiger als eine Ski-WM?

Müllner: Skirennen im Fernsehen haben unglaublich viel Konkurrenz gekriegt. Jetzt gerade läuft der Afrika-Cup im Fußball, kürzlich war Handball-WM. Diese Ereignisse sind international schon wichtiger als der Skisport. Wenn der Messi vier Tore schießt, ist der Spielverlauf egal, dann schaut man sich die vier Tore in zwölf Sekunden auf dem Handy an. Der Skizirkus ist in einer schweren Aufmerksamkeitskrise, es wird immer schwieriger, ihn zu verkaufen. Und wenn man heute den Fernseher aufdreht, hat man halt nicht mehr einen, sondern zehn Sender, auf denen Sport läuft.

Standard: Die Ski-WM als Lokalereignis?

Müllner: Im Staatsfernsehen ist die WM die Nummer eins, und die austropatriotische Identitätsmaschine wird mit Volldampf betrieben. Aber ansonsten bricht viel weg. In Schladming sieht man natürlich die besten Skifahrer der Welt, und es steht auch WM drüber. Aber davon, weltweite Aufmerksamkeit zu erzeugen, ist die Ski-WM weit entfernt.

Standard: Entfernt sich nicht auch der Österreicher immer mehr vom Schnee und vom Skisport?

Müllner: Auf Sicht stimmt das wohl. Viele Kinder und Jugendliche fahren, wenn überhaupt, Snowboard oder fliegen mit ihren Eltern auf Urlaub in den Süden, statt in die Berge zu fahren. Die Zahl der Wintersportwochen in den Schulen ist rückläufig. Noch fühlen viele von uns diese tiefe emotionale Gemeinsamkeit, die Tätigkeit des Skifahrens eingeübt zu haben. Das reproduzieren wir vor den TV-Geräten. Noch sind wir ein Volk von echten Experten, viele von uns wissen, wie es ist, auf der Kante zu stehen. Aber das alles lässt nach. Früher glaubte man, dass jemand, der als Kind Skifahren lernt, ewig auf Skiurlaub fahren wird. Das spielt es nicht mehr. Es muss nicht mehr jeder Wikinger segeln können.

Standard: Kann man da gegensteuern?

Müllner: Sehr schwer. Der Skisport, der vor hundert Jahren über seine militärische Bedeutung massentauglich wurde, dann jahrzehntelang in der Schule und im Freizeitbereich angesiedelt war, ist längst vor allem Teil der Unterhaltungsindustrie.

Standard: Steht Schladming, was den Skisport und den Promizirkus betrifft, in besonderer Konkurrenz zu Kitzbühel?

Müllner: Das ist von jeher so. Heuer tritt der seltene Fall ein, dass Schladming Kitzbühel in den Schatten stellt. Man kann aber auch sagen, Kitzbühel hat eine WM gar nicht nötig. Zugespitzt könnte man dort sogar die Skirennen weglassen, und die Party würde dennoch steigen. Dass Schwarzenegger kommt, ist fast so wichtig, wie dass Hirscher gewinnt. Gegen Kitzbühels Abfahrt kommt Schladming kaum an. So gesehen war der Slalom am Abend, das Schladminger Nightrace, ein klug gesetzter Kontrapunkt.

Standard: Wieso sind generell aus österreichischer Sicht die technischen Disziplinen wichtiger und die schnellen Disziplinen nicht mehr so wichtig wie früher?

Müllner: Das hat allein mit den handelnden Personen zu tun. In der Abfahrt fehlt der absolute Star. Klaus Kröll hätte vielleicht das Zeug dazu, aber es fehlen ihm halt ein paar Ergebnisse. Ansonsten sind insgesamt recht viele gemainstreamte Skigymnasiasten unterwegs. Und dann gibt es den Marcel Hirscher. Der ist ein echter Glücksfall, ist frech, wirkt natürlich, und er hat die große Qualität, Selbstdistanz zu wahren.

Standard: Es gibt eine Kette österreichischer Skihelden, die von Toni Sailer über Karl Schranz und Franz Klammer zu Hermann Maier läuft, auch Annemarie Moser-Pröll hängt dran. Kann sich Hirscher, ohne abzufahren, da eingliedern?

Müllner: Die Disziplinen sind nicht mehr so wichtig wie früher. Damals sind sie ja praktisch alles gefahren, das geht heute nicht mehr. Damit aber jemand einen überdauernden Status erlangt, braucht es eine Zusatzgeschichte. Wer, bitte, kennt noch die letzten Ski-Olympiasieger? Hirscher ist frisch, und Hirscher ist im ÖSV zur Zeit konkurrenzlos - obwohl er keine Abfahrt bestreitet.

Standard: Würde Marlies Schild mit einem tollen Comeback eine neue Stufe erklimmen?

Müllner: Die Wiederauferstehung, das wäre die klassische Zusatzgeschichte. Hermann Maier war da der Prototyp. Ansonsten fehlt Österreichs Skifahrerinnen der Glamourfaktor. Lindsey Vonn, das ist eine Geschichte. Sie ist erfolgreich und outet sich als depressiv, das ist Märchenstoff! Dazu noch ihre Scheidung und Gerüchte über eine Liaison mit Tiger Woods, das ist Hollywood! Darum geht es. Es geht um Unterhaltung, es geht darum, berührt zu werden. Es ist wie in der Musik, auch dort gibt es längst zig verschiedene Richtungen und Stile, doch am Ende kommt es fast immer auf die Lyrics an.(Fritz Neumann, DER STANDARD, 2./3.2.2013)

RUDOLF MÜLLNER (52) ist Historiker und Sportwissenschafter an der Universität Wien. Er leitet den Arbeitsbereich Sozial- und Zeitgeschichte des Sports am Zentrum für Sportwissenschaft.

  • Müllner: "Noch sind wir ein Volk von echten Experten"
    foto: privat

    Müllner: "Noch sind wir ein Volk von echten Experten"

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