Angst um die Freiheit in Ungarn

1. Februar 2013, 17:36
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Zum zweiten Europäischen Theatertag der Toleranz

Wien - Mehr als 600 Theater beteiligten sich am Europäischen Theatertag für Toleranz, der voriges Jahr am 1. Februar erstmals stattfand: Damals trat der Rechtsradikale György Dörner seinen Posten als Direktor des Neuen Theaters in Budapest an. Die Ernennung des rechtsextremen Schriftstellers und Politikers István Csurka als Kodirektor wurde nach Protesten wiederrufen, Csurka starb zwei Tage später, am 4. Februar.

Auch die Ungarische Kunstakademie ist dank des neuen Orbán-treuen Präsidenten György Fekete ideologisch weit nach rechts gedriftet. Feketes Richtlinien: Wer zur Akademie gehören will, muss eine eindeutig nationale Gesinnung haben, Ungarn mit seiner Sprache und auch seinen Fehlern lieben und nicht vom Ausland aus den Ruf der Akademie schädigen. Nicht einmal unter dem kommunistischen Kádár-Regime habe es eine so tiefe Spaltung gegeben, klagen Akademie-Mitglieder und fordern Feketes Rücktritt. Doch der bleibt im Amt - stattdessen treten reihenweise prominente Kunstschaffende aus.

Eine weitere drastische Umfärbung betrifft das Budapester Nationaltheater. Dort wird heuer im Sommer Róbert Alföldi, bekannt für sein betont weltoffenes und antinationalistisches Theater, von Attila Vidnyánszky abgelöst, einem Vertrauten von Regierungschef Viktor Orbán. " Die Politiker spüren, welche konstituierende Wirkung von Theater ausgeht" , sagt Burgchef Matthias Hartmann, Solidarität mit den ungarischen Intellektuellen sei nachbarliche Pflicht.

Am zweiten Europäischen Theatertag für Toleranz am Freitag nahmen sämtliche kleinere Wiener Bühnen teil, das Volkstheater sowie die Landestheater Tirol, St. Pölten und Klagenfurt, das Gärtnerplatztheater in München, die Komische Oper in Berlin, das Nationaltheater in Brüssel, sämtliche Theater in Schweden, das Théâtre du Rond-Point in Paris. Markus Kupferblum, einer der Initiatoren des Theatertoleranztags, verlas in der New Yorker Bohemian National Hall sein Memorandum.

"Beunruhigt über eine Reihe von kulturpolitischen Maßnahmen des ungarischen Ministeriums, insbesondere in Bezug auf die ungarische Theaterszene" verfasste Hartmann gemeinsam mit Elfriede Jelinek, Michael Haneke, Erwin Wurm, Ewald Palmetshofer, Kathrin Röggla und Peter Turrini einen offenen Brief an den zuständigen Minister für Humanressourcen, Zoltán Balog. Die Reputation des Kulturstaats Ungarn stehe auf dem Spiel, daher sei ihm wichtig, dass die ungarische Öffentlichkeit von diesem Bittbrief an Balog erfährt. Das Schreiben wird in der auflagenstärksten und unabhängigen Tageszeitung Népszabadság zeitgleich wie im Standard veröffentlicht. (asch, DER STANDARD, 2./3.2.2013)

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