Kampftechnik Krav Maga: "Weichteile kann man nicht trainieren"

Reportage3. Februar 2013, 17:57
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Wer sich unsicher fühlt, für den oder die bietet Krav Maga einfache Tricks zur Selbstverteidigung. In Wien bietet etwa der Polizeisportverein Kurse an, um bei einem Angriff die Schrecksekunde durch Training zu verkürzen

Wien - "Finger weg!" brüllt Ruth Preining ihren Angreifer an und tritt mit erhobenen Händen einen Schritt zurück. "Leute, Selbstverteidigung ist kein Stummfilm!", ermahnt die Krav-Maga-Trainerin die Teilnehmer.

U-Bahn-Vergewaltigungen haben für Gewalt sensibilisiert

Eine Meldung über eine Vergewaltigung in einer U-Bahn, ein Bericht über einen brutalen Raubüberfall - die jüngst vermehrt bekannt gewordenen Übergriffe haben für Gewalt im Alltag sensibilisiert. Wer sich verunsichert fühlt, kann sein Selbstvertrauen, und die Chance, einer solchen Situation unbeschadet zu entkommen, durch Selbstverteidigungstraining steigern.

Krav Maga, eine vom israelischen Militär stammende Nahkampftechnik, lässt sich schnell erlernen und anwenden - im Gegensatz zu Karate oder Taekwondo. Im Wiener Polizeisportverein wird es in Kursen angeboten. Für Frauen und Senioren gibt es eigene Einheiten, sonst trainieren Männer und ältere Paare mit jungen Frauen und Familien.

Die wichtigsten Befreiungsgriffe

Alternative Schlagtechniken

"Ich mache das seit drei Jahren mit meinem Sohn", erzählt einer der Teilnehmer. Der solle lernen, in einer Gefahrensituation nicht immer seine Kräfte messen zu müssen. Deeskalation und Flucht sind primäre Ziele im zivilen Krav Maga. Außerdem fühle er sich sicherer, wenn er mit seiner Frau unterwegs ist, sagt er.

Wenn der Befehlston nicht ausreicht

Wie bei der ersten Hilfe rät Preining dazu, bei Gefahr Anwesende direkt anzusprechen. "Sie in der grünen Jacke, helfen Sie mir!" Wenn Befehlston und abwehrende Gesten zur Verteidigung nicht ausreichen, gehe es darum, sich aus Umklammerung oder Würgegriff zu befreien.

"Weichteile kann man nicht trainieren"

Augen, Ohren, Unterleib bieten immer effektive Angriffsflächen. " Weichteile kann man nicht trainieren", sagt Preining. Sie demonstriert ihre Griffe an Ko-Trainer Joannis Schinzel, gut einen Kopf größer als sie. Hilft auch das nicht, muss man sich schlagend zur Wehr setzen. Auch das wird in den Kursen trainiert, etwa indem man liegend eine Minute auf ein Boxkissen einschlägt, angefeuert vom Trainingspartner.

Sich wehren ist wichtig

"Es geht ums Durchhalten und um Willenskraft", erklärt Preining. Bis zu 80 Prozent der Täter würden ablassen, wenn Frauen sich zur Wehr setzen. " Aber das muss man geübt haben." Die Schrecksekunde sei immer da. "Wer sich aber mental darauf vorbereitet, kann diese verkürzen", sagt Schinzel. Die beiden haben Krav Maga von einem israelischen Grenzpolizisten gelernt, der die Methode für den zivilen Einsatz weiterentwickelt hat.

Die Motivation der Kursteilnehmer ist sehr unterschiedlich. Einige haben bereits einen Angriff erlebt, andere wollen sich fithalten. Für wen aber Spaß an der Gewalt oder eine ideologische Gesinnung der Grund für das Training ist, der werde ausgeschlossen. Die Gefahr ist allerdings gering: "Weil wir im Polizeisportverein trainieren, schließt das die extreme Linke aus. Rechte wiederum wollen keine israelische Kampftechnik lernen", meint Preining.

Deeskalierendes Verhalten

Im Training wird auch viel darüber gesprochen, Gefahrensituationen von vornherein zu vermeiden. Etwa wenn jemand, nachdem man die Straßenseite gewechselt hat, das ebenfalls tut oder sich in einer leeren U-Bahn auf den Nebenplatz setzt. Gibt es einen beleuchteten Weg nach Hause, immer diesen nehmen, nicht dauernd auf das Handy starren, sondern sich umsehen, lauten die schlichten Tipps. Wem das Bauchgefühl Gefahr signalisiert, der solle sich ein Taxi nehmen oder in das nächste Lokal gehen.

Die größte Bedrohung geht aber nicht vom Fremdangreifer auf der Straße aus, die meisten Attacken finden daheim statt. Auch da hilft Selbstverteidigung. Preining: "Den Männern bringen wir bei, zu deeskalieren, den Frauen, sich nicht alles gefallen zu lassen." (Reportage: Julia Herrnböck, Video: Maria von Usslar, DER STANDARD, 4.2.2013)

Wissen: Krav Maga

Krav Maga wurde im Zuge der Gründung von Israel im Jahr 1948 entwickelt, um Soldaten in kurzer Zeit selbstverteidigungsfähig zu machen. Maor Self Defense und Allround sind weiterentwickelte Formen, die auf instinktiven Bewegungen beruhen. Seit etwa zehn Jahren wird Krav Maga in Österreich angeboten. Gelehrt werden Verhaltens taktik, Deeskalation, Prävention sowie Notwehr und Täterverhalten. Ziel ist es, die pas sive Opferhaltung in ein selbstbewusstes Auftreten zu kehren.

Zum Thema:

  • Gezielte Schläge, wenn Deeskalation oder Flucht unmöglich sind: Krav-Maga-Kurs in Wien.
    foto: der standard/regine hendrich

    Gezielte Schläge, wenn Deeskalation oder Flucht unmöglich sind: Krav-Maga-Kurs in Wien.

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