Können Männer von Frauen lernen, Väter zu sein?

Kolumne3. Februar 2013, 17:00
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Nein, sagt Jesper Juul. Männer können das Vatersein nur von anderen Vätern lernen - vor allem aber im Umgang mit ihren Kindern

Eine Userin schreibt:
Ich bin verheiratet, mein Mann stammt aus Portugal. Wir haben einen gemeinsamen sechsjährigen Sohn. Unser Problem ist, dass ich der Meinung bin, dass mein Mann "altmodisch" denkt, wenn es um die Erziehung unseres Sohnes geht. Wir lesen gerade beide "Dein kompetentes Kind". Ich empfinde das Buch als Inspiration. Bei meinem Mann habe ich das Gefühl, dass er immer vergisst, was wir besprochen haben, und dann einfach so weitermacht wie bisher.

Er wird immer sehr wütend, wenn ich ihn auf sein Verhalten in Konfliktsituationen mit unserem Sohn anspreche und ihn an die Vereinbarung erinnere, die wir aufgrund unserer Gespräche getroffen haben. Mein Mann sagt, dass er sich dadurch angegriffen fühlt und dass die Stimmung in unserer Familie darunter leidet. Er ist auch der Meinung, dass wir keine Konflikte haben dürfen, wenn unser Sohn uns zuhört. Aber ich sorge mich um unser Kind. Ich bin beunruhigt. Es bedrückt mich der Gedanke, dass unsere Ehe vielleicht sogar daran scheitern könnte. Ich bin sehr verzweifelt, denn ich liebe ja alle beide, aber was kann ich tun?

Jesper Juul antwortet:
Ich fürchte, ich muss Ihrem Mann recht geben. Mit Ihrem Verhalten untergraben Sie seine Rolle als Vater. Sie können ihm dabei helfen, dass er als Elternteil wächst - aber sie können es auch verhindern. Aus meiner Erfahrung, die mittlerweile von der Forschung bestätigt wird, weiß ich: Väter können von den Müttern ihrer Kinder nicht lernen, Väter zu sein. Auch nicht von anderen Müttern. Sie können es nur von anderen Vätern und im Umgang mit ihren Kindern lernen. Beide Elternteile lernen vor allem von ihren Kindern.

In einer Familie ist das Wohlbefinden aller der zentrale Punkt. Ihr Mann liegt absolut richtig, wenn er behauptet, dass er durch Ihre Kritik an Würde verliert. Vor allem in den Augen seines Sohnes. Es darf nicht passieren, dass Ihre Situation sich zu einem Machtkampf um die Fürsorge und das Wohlbefinden des Kindes entwickelt.

Jede ernsthafte Diskussion über Erziehungsfragen zwischen den Eltern sollte ohne Kinder geführt werden, vor allem dann, wenn sich daraus Machtkämpfe entwickeln. Wenn es so weit kommt, tun Eltern gut daran, sich auf das elterliche "Handwerk" zu besinnen.

Wenn wir uns mit Elternschaft beschäftigen, sollten wir auch die Frage danach einbeziehen, wie wir jemand anderen zu lieben gelernt haben. Wie steht es um unsere Bereitschaft und Fähigkeit als Erwachsene, uns selbst und den anderen so zu lieben, wie er ist?

Für Eltern ist es schwierig - aber nicht unmöglich -, ihren Kindern mit Einfühlungsvermögen und Interesse zu begegnen, selbst wenn sie dies als Kinder selbst nicht erlebt haben. Viele Erwachsene sind als Kinder in Familien groß geworden, in denen ihre Gefühle und Verhaltensweisen nicht anerkannt und ernst genommen wurden. Einige dieser Menschen sind sich der dadurch entstandenen Schmerzen durchaus bewusst und wollen mit ihren Kindern einen anderen Weg gehen. Andere haben die Schmerzen schlichtweg vergessen und unterdrücken ihre Gefühle. Es fällt ihnen schwer, Neues zuzulassen.

Das heißt nicht, dass diese Menschen dazu verdammt sind, an ihrem Verhalten ein Leben lang festzuhalten. Es kann in der zweiten oder dritten Generation durchaus gelingen, die Fähigkeit zu lieben zu verfeinern. Wenn sich Eltern aber ständig gegenseitig im Elternsein kritisieren, werden bald existenzielle Fragen auftauchen: nämlich danach, welchen Wert sie als Menschen haben.

So entwickeln sich Streitigkeiten über das Kind oft zu emotionalen Unterhaltungen. Um den Kindern ein Vorbild zu sein, sollten die Gespräche deshalb mit Sanftmut und Sorgfalt geführt werden. Veränderungen werden nicht während der Diskussion stattfinden, sondern vielmehr in den Pausen zwischen den Gesprächen - oft auch unbewusst.

Die beste Art, wie Sie Ihren Mann unterstützen können ist, ist, ihn und Ihren Sohn deren eigenen Weg gehen zu lassen. Ihr Mann wird sich weiterentwickeln, um der beste Vater zu sein - und Ihr Sohn wird lernen, mit ihm zurechtzukommen. Es ist sehr schwierig für ihn, mit Eltern zu leben, die sich mit ihrer Ehe plagen und vergebens versuchen, die jeweils andere Partei als besser oder schlechter darzustellen. Sollte sein Vater seine Männlichkeit dem Familienfrieden opfern, so hat Ihr Sohn ein nutzloses Vorbild als Mensch, als Vater und Partner. (Jesper Juul, derStandard.at, 3.2.2013)

Jesper Juul, geboren 1948 in Dänemark, ist Lehrer, Gruppen- und Familientherapeut, Konfliktberater und Buchautor. Er studierte Geschichte, Religionspädagogik und europäische Geistesgeschichte. Statt die Lehrerlaufbahn einzuschlagen, nahm er eine Stelle als Heimerzieher und später als Sozialarbeiter an und ließ sich zum Familientherapeuten ausbilden. Er ist Begründer des Family Lab.

Auf derStandard.at beantwortet Jesper Juul alle zwei Wochen Fragen zu Erziehung, Partnerschaft und Familienleben. Die nächste Kolumne lesen Sie am 17. Februar.

  • Familientherapeut, Autor und derStandard.at-Kolumnist Jesper Juul.
    foto: family lab

    Familientherapeut, Autor und derStandard.at-Kolumnist Jesper Juul.

  • Diese Serie entsteht in Kooperation mit Family Lab Österreich.
    foto: family lab

    Diese Serie entsteht in Kooperation mit Family Lab Österreich.

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