Sprachunterricht für Räuber

Kolumne1. Februar 2013, 17:22
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Der gute Ton beim Überfall

Sag nicht Neger, sag nicht Hexe, sag nicht Gurkenkönig. An guten Ratschlägen für den politisch korrekten sprachlichen Ausdruck in allen Lebenslagen herrscht momentan kein Mangel. In allen Lebenslagen? Nein, leider nicht. Aus unverständlichen Gründen wird ein richtiges Sprachverhalten bei Raubüberfällen so gut wie nie eingemahnt. Dabei bestünde gerade in dieser hochsensiblen Kommunikationssituation Handlungsbedarf.

Beweis gefällig? Die Nulltarif-Zeitung Heute berichtete kürzlich von einem Räuber-Duo, welches in der Wiener U-Bahn seinem Gewerbe nachgeht und seine Opfer mit der Aufforderung "Gib Geld, sonst Fresse!"zur Herausgabe von Bargeld und Preziosen veranlasst. Man braucht nicht viel Sprachgefühl, um umgehend zu erkennen, dass diese brachiale Satzkonstruktion einiges zu wünschen übrig lässt, und zwar syntaktisch ebenso wie bei der Wortwahl. Wer sein Gegenüber mit "Gib Geld, sonst Fresse!" apostrophiert, gibt sich nicht als Mann von Welt zu erkennen.

Hier die Errata im Detail: Im ersten Satz fehlt ein Dativobjekt ("Gib mir Geld!"), und der zweite nach dem Adverb "sonst" ist gleich mehrfach ergänzungsbedürftig: Der solcherart Angesprochene vermisst nicht nur Subjekt und Verb, sondern auch jegliches Objekt ("Sonst haue ich Dir in die Fresse!"). Das ist nun zweifellos besser als der Ursprungssatz, aber Liebhaber einer kernig-autochthonen österreichischen Façon de parler würden darüber hinaus die Verwendung der doch sehr bundesdeutsch anmutenden "Fresse" beanstanden und sie durch die lokal übliche "Goschn" ersetzen.

Von einer wirklich befriedigenden Ausdruckskultur wird man allerdings auch beim nun entstandenen Satzgebilde ("Gib mir Geld, sonst haue ich dir in die Goschn!") nicht sprechen können. Wunder wirken würde der Verzicht auf die schleimige Du-Form und eine prinzipiell gepflegtere Wortwahl, sodass wir schließlich bei einer Formulierung wie etwa dieser ankämen: "Seien Sie doch bitte so liebenswürdig, mir Ihre Barschaft auszuhändigen, widrigenfalls ich mich gezwungen sehen könnte, Ihrem Antlitz ein Leides zu tun."

Perfekt - warum denn nicht gleich so? Dr. Schulz alias Christoph Waltz in Django Unchained hätte es nicht charmanter ausdrücken können. Und wieso sollte einem Bankräuber unmöglich sein, was ein Kopfgeldjäger mit links schafft? (Christoph Winder, Album, DER STANDARD, 2./3.2.2013)

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