Stress an der Uni

Blog5. Februar 2013, 10:10
46 Postings

Konkurrenzdruck, Mobbing, Drittmittel lukrieren - Die universitäre Arbeitswelt ist gegenüber der Privatwirtschaft nicht privilegiert

Das Thema "Stress im Beruf" erfährt seit geraumer Zeit erhebliche Aufmerksamkeit, obwohl Stress ganz allgemein zunächst eine natürliche Reaktion auf bestimmte Reize darstellt. Insofern ist Stress ein biologisches Kompensationsverfahren, um mit bestimmten Situationen überhaupt umgehen zu können. Das jeweilige Belastungs- und Verarbeitungsniveau kann dabei durchaus individuell variieren. Gleichwohl besteht das gewachsene Interesse an diesem Thema darin, solche Strukturen und Umstände zunehmend transparent zu machen, die es vermehrt nicht mehr gestatten, eine positive Bewältigung zu erzielen. Dann folgen Zustände, die zu fortwährender Überforderung, zu innerem Ungleichgewicht und häufig auch zu gesundheitlichen Konsequenzen führen.

Diese wiederum haben nicht nur für den Einzelnen, sondern auch für das gesamte Sozialsystem weiter reichende gesundheitspolitische und gesundheitsökonomische Folgen in steigenden Gesundheitsausgaben. Diese Ausgaben werden vermehrt durch psychische Erkrankungen oder Überbelastungen verursacht und müssen von der Gesamtheit der Sozialversicherten getragen werden. Nicht zufällig wird in diesem Bereich nach neuen Wegen und Möglichkeiten im Arbeitsleben gesucht.

Unis bleiben nicht verschont

Mancher mag an dieser Stelle nun vermuten, dass die universitäre Arbeitswelt etwa gegenüber der Privatwirtschaft privilegiert und daher von einigen Problemen verschont sei. Dem ist aber nicht so. Im Gegenteil verschärfen sich gerade an der Universitäten aufgrund ihrer Spezifika als Arbeitsstätte einige allgemein virulente Probleme im besonderen Maße. Dies beginnt bereits damit, dass gewisse Wirtschafts- und Finanzperspektiven tief in die universitäre Landschaft hinein verwurzelt werden, obwohl hier zunächst eine ganz andere Ausgangslage vorliegt.

Es wird jedoch erwartet, dass Universitäten und ihre Mitarbeiter nolens volens analog als wirtschaftliche Unternehmen operieren. Entsprechend zentriert sich der Blick auf einzuwerbende Drittmittel - egal, ob das für den jeweiligen wissenschaftlichen Bereich angemessen ist oder nicht, an entsprechenden Zahlen von hochwertig "gerankten" Journal-Beiträgen, an internationalen und interdisziplinären hochrangigen Beteiligungen, am Abhalten standardisierter Lehre, ständigen Evaluierungen unterschiedlichster Art und nicht zuletzt an den neuen Qualifizierungsverfahren, die - wie immer auch der Prozess der Begutachtung im Einzelnen durchgeführt oder gesteuert bzw. manipuliert wird (darüber herrscht im Detail mitunter verdächtige Intransparenz) - wie bei Gladiatorenkämpfen schlussendlich darüber entscheiden, wie weit man eigentlich in der wissenschaftlichen Karriere kommen darf oder ob der Weg mitunter hiermit zu einem Ende gebracht wird.

Fleiß und Gremien-Arbeit

Man versucht sich also mit viel Fleiß sukzessive zu etablieren und Fuß zu fassen, geht bereitwillig in die vielen Gremien und wirkt an unterschiedlichen Stellen mit, um nicht zuletzt dadurch auch entsprechende Sozialkompetenz zu zeigen; man kann, soll und darf sich aber nie sicher sein, ob das auch alles ausreichend ist. Selbstverständlich macht es die zunehmende Budgetknappheit an Universitäten dann auch erforderlich, immer neue Sparmaßnahmen vorzunehmen, was u.a. auf Kosten von Personal und Ressourcen geht. So kann eine Überleitung in ein entfristetes Dienstverhältnis auch aus Spargründen scheitern oder zum Scheitern gebracht werden.

Erwartungsdruck

Natürlich wird über die fachliche Qualifikation hinaus erwartet, dass WissenschaftlerInnen auch ihre gesellschaftliche Verantwortung wahrnehmen und so auch unabhängig von der eigentlichen wissenschaftlichen Tätigkeit vielfach und sichtbar in die Öffentlichkeit hineinwirken. Das bringt zwar für die eigene Karriere, die per se schon unter enormem Erwartungsdruck steht, zunächst einmal kaum etwas, da auf diese Aktivitäten bei Qualifizierungsverfahren natürlich nicht geschaut werden kann, aber es gehört dennoch dazu. Diese Situationen und noch einige weitere Bedingungen verschärfen sich natürlich in Zeiten (wie diesen), in denen internationale Rankings österreichischen Universitäten eher bescheidene Noten bescheinigen. Der wahrzunehmende Druck wächst in allen universitären Etagen, was an einer gewissen Verbissenheit und Gereiztheit allerorts leicht ersichtlich ist. 

Möglicherweise können mit dieser Situation noch diejenigen am besten umgehen, die in der glücklichen Lage sind, eine entfristete und (beinahe) unkündbare Stellung innezuhaben und somit das eigene psychische wie soziale Sicherungsbedürfnis recht gut befriedigen können. In dieser privilegierten Lage sind jedoch die wenigsten. Die Regel sind befristete Verträge, nach deren Fristbeendigung das Aus droht. Diese Situation ist vor allem dann äußerst belastend, wenn die wissenschaftliche und biographische Lebensgeschichte vorangeschritten ist und die Frage nach der eigenen Zukunft drängender wird.

Schleife von Abhängigkeiten

Dies umso mehr, als man dabei nicht zuletzt vom Gutdünken bestimmter Institutionen oder Personen abhängig ist. Diese Schleife von Abhängigkeiten, die insbesondere NachwuchswissenschaftlerInnen zu willigen dienstbaren Geistern prädisponiert, ist kaum zu überschätzen. So ist man oft schon früh mit der Frage konfrontiert, ob man die eigene, vom Doktor- oder Habilitationsvater abweichende Meinung oder Konzeption überhaupt vertreten soll oder doch lieber eine, die von vornherein Aussicht auf Zustimmung hat. Die Wissenschaftlichkeit oder die Freiheit der Wissenschaft (falls es eine solche gibt oder je gegeben hat) spielen dabei eine untergeordnete oder gar keine Rolle. 

Dieser damit zusammenhängende Druck und eine permanente - und vom universitären Dienstgeber durchaus auch gewollte - Situation der Ungewissheit schlägt freilich auch auf private Verhältnisse und Lebensbedingungen durch - bei zugestandenen individuellen Unterschieden. Diese für viele Menschen nervzehrende Situation führt bereits mancherorts zu dem Motto, junge WissenschaftlerInnen promovieren oder habilitieren in die Arbeitslosigkeit hinein. Man hat dann zwar wissenschaftlich hoch spezialisierte Menschen, aber diese Spezialisierungen können am späteren Arbeitsmarkt auch mit bestimmten Nachteilen, z.B. der Überqua-lifikation und damit der Unvermittelbarkeit, verbunden sein.

Konkurrenz

Zudem greifen Unternehmen in manchen Bereichen durchaus gerne auf vergleichsweise "günstigere", aber dennoch in pragmatischer Hinsicht ausreichend qualifizierte Arbeitskräfte zurück, weshalb an diesem Punkt gerade Absolventen von Fachhochschulen mitunter die besseren Karten haben. Diese sollen ja, wie von politischer Seite zu vernehmen ist, in Zukunft noch weiter ausgebaut werden. Damit steigt der Konkurrenzdruck auf Universitäten und ihre Absolventen und wissenschaftlichen Bediensteten.

Zu den beschriebenen Problemen treten noch weitere hinzu wie etwa kollegialer Neid, Kränkungen, Mobbing, ausgeprägte Machtbedürfnisse, Bossing usw. Gerade unter Bedingungen verknappter Ressourcen pflegen sich gewöhnlich bestimmte Verhaltensdispositionen stärker auszuprägen. An dieser Stelle wäre auch ein besonderes Augenmerk auf die jeweiligen Sozial- und Führungskompetenzen von Vorgesetzten zu legen. Es wird künftig also auch darauf ankommen, inwieweit aktuelle politische oder gesellschaftliche Programme, die sich verstärkt mit der physischen und psychischen Gesundheit am Arbeitsplatz befassen, auch im universitären Bereich ambitionierter aufgegriffen werden und in Konsequenz auch darauf, welche Zukunftsperspektiven man überhaupt willens ist, den so genannten NachwuchswissenschaftlerInnen zu bieten.

Freiheit der Wissenschaft

Daneben müssen sich Universitäten fragen lassen, ob der eingeschlagene Weg einer Priorisierung ökonomischer und verrechenbarer Gesichtspunkte wirklich das ist, was der Freiheit der Wissenschaft und damit ihren WissenschaftlerInnen adäquat ist. Den diese Freiheit bildet die Grundlage einer kreativen Forschung. Die unschätzbare Arbeit und Aufopferung so Vieler wird zunehmend unter Bergen von Statistiken und Zahlen begraben - und bleibt selbst bei einer Entsprechung der messbaren Anforderungen auf perverse Weise häufig genug unbelohnt. Dass es der Wissenschaft, wie Niklas Luhmann meinte, primär um den Code von "wahr" und "unwahr" geht, wird kaum noch sichtbar. (Andreas Klein, derStandard.at, 5.2.2013)

Andreas Klein ist Assistenzprofessor für Systematische Theologie an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien. Er ist Mitglied der Ethikkommission der Universität Wien und forscht und lehrt in den Bereichen Konstruktivismus, Willensfreiheit, Neurobiologie und Neurophilosophie, Ethik in der Medizin und im Gesundheitswesen, soziale Sicherheit u.a. Jüngst erschien sein Band "Ich bin so frei!" Willensfreiheit in der philosophischen, neurobiologischen und theologischen Diskussion (2012).

  • Die Situation an den Unis ist für viele nervzehrend. Junge WissenschaftlerInnen promovieren oder habilitieren in die Arbeitslosigkeit hinein.
    ap photo/martin meissner

    Die Situation an den Unis ist für viele nervzehrend. Junge WissenschaftlerInnen promovieren oder habilitieren in die Arbeitslosigkeit hinein.

  • Andreas Klein ist Mitglied
 der Ethikkommission der Universität Wien.
    foto: privat

    Andreas Klein ist Mitglied der Ethikkommission der Universität Wien.

Share if you care.