Julian Schutting: Hänsel- und Gretel-Fragen

3. Februar 2013, 13:00
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Als ein Schriftsteller ist man an seinem Schreibplatz tagtäglich auf ein Hausarbeitsverbessern zurückgeworfen, Lehrer und Schüler in Personalunion

Keine Frage: als ein Lehrer hat man gesellschaftlichen Gepflogenheiten zum Trotz taktlose Fragen zu stellen, also dort nachzubohren, wo die Verlegenheit des Einvernommenen sitzt. vermag das aber halbwegs gutzumachen, sofern man sich was sagt? es ziemt sich nicht, Fragen von Schülern als dumm bloßzustellen! sollten sie das manchmal als eine Kränkung der Logik nicht nur dem Anschein nach sein, so hast du so zu antworten, daß deine Antwort die von ihr richtig gestellte Frage durchschimmern läßt und sie somit ins Diskutable hinanhebt ...

was meine fünfundzwanzigjährige Lehrtätigkeit an einer HTL betrifft: hätt ich dort, fürs Unterrichtsfach Deutsch zuständig gewesen, die Nöte beim Schularbeitsverbessern meinen Schülern vorenthalten? habe ihnen eines einbekannt: sollte ich jüngst klassifizierte Arbeiten frisch vorgelegt bekommen, also wieder vom Rotstift noch ungeküßt, so könnten die nächsten Korrekturen und vielleicht auch Noten etwas anders beschaffen sein, trotz gleichbleibender Fragen an mich selbst: Wiegt ein origineller Einfall, ein originärer Gedanke arge Rechtschreibfehler auf, nämlich eher als Beistrichfehler, aus denen mangelhaftes Verständnis für die Bauart deutscher Satzgefüge herauszulesen ist?

Ja, als ein Schriftsteller ist man an seinem Schreibplatz tagtäglich auf ein Hausarbeitsverbessern zurückgeworfen, Lehrer und Schüler in Personalunion - ist nun aufgrund der im Deutschen freier als im Lateinischen waltenden consecutio temporum ein Perfekt einem Plusquamperfekt vorzuziehen, hier nun, weil nicht affektiert, ein Indikativ dem Konjunktiv, der immerhin in irrealen Wunschsätzen (- ach hätt ich doch!; ach wär ich nur! -) überleben wird? oder unsere Präpositionen, heikel wie die im Italienischen? (ein Arzneimittel für Husten, wenn man ihn bereits hat; ansonsten eins gegen Husten? so simpel nur weniges). oder höherwertige Fragen, auf die sich im "Duden für Zweifelsfälle" keinerlei Antwort findet - so ist beispielsweise die von Karl Kraus spitzfindig getroffene Unterscheidung, wann das Relativpronomen "welcher, welche, welches" anstatt des scheinbar gleichwertigen "der, die das" unabdingbar sei, nicht in die Duden-Redaktion gedrungen. mich also an Alfred Polgar zu halten, der einen ihm triumphierend unter die Nase gehaltenen Grammatik- oder Syntaxfehler angeblich wie abgetan hat? Aber jetzt, wo Kraus tot ist ...

Sind es viele, dich zu fragen, die sich wie du nicht begnügen können, schöne Natur als schön wahrzunehmen, indem auch sie sich wie beispielsweise während der Betrachtung von Landschaftsgemälden erklären müssen, welches Zusammenwirken welcher Einzelheiten die Besonderheit des Ganzen ausmacht?, welche Frage die nächstliegende einschließt: ob man als einer von denen, welche sich also Naturbilder nicht viel anders als Malerbilder zu eigen machen, diejenigen beneiden sollte, die sich der Wirkung von allem als schön Wahrgenommenem (- siehe Kants " interesseloses Wohlgefallen" -) naiv hinzugeben vermögen?

Existiert Gott?

Mit einem Gedankensprung aus der Welt der Natur in die der Menschenwelt: Ja, die von Parzifal schon bei Wolfram von Eschenbach (und nicht erst vom Richard-Wagnerschen Parsifal) aus Wohlerzogenheit und daher auch aus Taktgefühl unterdrückte Mitleidsfrage, die er angesichts dessen Sich-Winden vor Schmerzen an den Gralskönig Amfortas zu richten gehabt hätte, aufgrund seines wortlosen Verharrens vor dem Armen als ein Nichtswürdiger aus der Gralsburg geworfen - im Zweifelsfall, das meine Maxime, also wenn dem Gesichtsausdruck eines oder einer von Körper- oder Seelenschmerz Heimgesuchten nicht verläßlich abzulesen ist, eine Frage nach dem Befinden wäre als schmerzlindernd erwünscht, als die Aufforderung zu einer wehklagend schmerzlindernden Antwort, ja dann frage ich keinesfalls nach: mir allzu sicher, daß die Frage nach Schmerzen in Gestalt des unvermeidlichen Wortes Schmerzen die Körperschmerzen noch deutlicher macht, den Seelenschmerz ins Unerträgliche schmerzt ... Feigheit, die sich als Rücksicht aufspielt?

Ja, und wie würde denn heutzutage jenes Gretchen seinen Fausten testen?

Sie sind doch, Herr Professor, einer dieser vormals pantheistischen, nunmehr atheistischen Typen? / Liebe Margret, meinem IQ gemäß bin ich ein Agnostiker! / Ein bitte was? / Kindchen, als ein solcher bejahe ich mich als einen, der sich mit Fragen wie den folgenden nicht abgibt: Existiert Gott? Gibt es ein Jenseits und die Auferstehung von den Toten? / Aber, warum denn nicht? / Weil dergleichen in der Natur des Menschengeschlechts gelegene Fragen nichts an wissenschaftlich gesicherten Antworten zulassen. gegensätzliche Antworten wie: "Es gibt einen Gott" beziehungsweise: "Das, was Ihr Gott nennt, gibt es nicht, nur den leeren Begriff 'Gott', Schall und Rauch, von Eurem Wunsch nach einem Übervater hervorgebracht", die sind gleich stupid - für beiderlei Urteile gibt es ja keinerlei Beweise! / Wollen, Sie, Sie kläglicher Verführer, mir auch noch meinen Glauben rauben? / Nein, mein gutes Kind. Ihrer Intelligenz aber sind Sie es schuldig, sich zur Rettung Ihres Glaubens was zu sagen? / Das versteht sich, Herr Professor: Wenn wir allesamt, ob Akademiker oder schlichte Grundschulabschlüßler, schon kein verläßliches Wissen über Metaphysisches zu Gebote haben, dann möchte ich wenigstens g l a u b e n dürfen! und wie, Herr Professor, halten Sie es mit dem Weiterleben nach dem Tod, wo sonst als im Jenseits? / Margret, Kinderl, das ist doch wieder die Frage nach Gott, nur etwas anders ausgedrückt. dergleichen sich zu fragen ist so sinnlos wie unsinnig! / Muß ich mich von Ihnen in eine Depression treiben lassen? / Halten Sie sich besser an eine These, von mir als einem Gymnasiasten ersonnen worden: Nach dem Tod sei es für den einzelnen so, wie er es sich zeitlebens vorgestellt hat - für mich also das Jenseits ein Nichts, weil mir so abwegige Spekulationen fernliegen. was Sie aber, liebes Margretchen, nicht abhalten soll, die Ihnen weggestorbenen Familienmitglieder im Himmel wiederzusehen, sofern Sie das wollen. sollte Ihnen aber vielmehr vorschweben, als ein Edelweiß wiedergeboren zu werden? na, dann wird Ihnen mit Gottes oder Nichtgottes Hilfe dergleichen glücken, und würden Sie es im nächsten Leben bloß zu einem Schnittlauch bringen! /

Herr Professor, für Ihre Ironie würde ich Sie bespucken, wenn ich Sie nun nicht in Verlegenheit bringen könnte mit der Frage: Inwiefern sind die Gläubigen nicht ganz so im Beweisnotstand wie die Gottesleugner? oder weisen Sie mich sogleich zu Recht zurecht, weil das Wort " Gottesleugner" frech unterstellt, da würde GOTT, vielleicht wirklich nur ein Name und weiter nichts, als ein Existierendes verleugnet? / Also was hätten denn die Theisten, beispielsweise die Christen, den Atheisten voraus? / Wir können uns auf Heilige Schriften und auf Privatoffenbarungen berufen! / So, liebe Margret - darf ich Sie nun endlich mit dem Taxi nachhause bringen?

Entscheidungsfragen, die einen manchmal im Abweichen vom neutralen Muster: "Hörst du mich?" zuzustimmen respektive etwas wie eine Unterstellung zurückzuweisen nötigen möchten - "Es wirst doch wohl auch du ...?" / "Du wirst doch nicht ('etwa gar' wäre die Steigerung) ...?". recht anders höfliche Erkundigungen, in denen Zweifel an eines Entscheidung mitschwingen; ob man sich dies und das nicht noch überlegen wolle: "Du trinkst nicht noch ein Glas mit uns, rauchst nicht einmal eine Abschiedszigarette?" - wenn dem so ist, wäre gemäß der allgemeinen Logik ein JA angebracht, im Sinn von: "Ja, so ist es!". die Ökonomie der Sprache gibt uns aber ein unmißverständliches NEIN ein, die Verkürzung der aufwendigen Antwort: "Ja, du hast recht, nicht einen Schluck mehr möchte ich trinken."

Aus dem Fragebogen, den Marcel Proust seinen Freunden vorgelegt hat, großteils Geschmacksfragen, sei die ernsthafteste herausgegriffen: Wie möchten Sie sterben? längst vorbei die Zeiten, wo ich, dem Tod noch allzu fern, scherzhaft geantwortet hätte: Die Sterblichkeit aller Menschen, wie daher auch die meine, ist erst mit dem Tod des allerletzten Menschen bewiesen. heutzutage würde ich was hinschreiben? Im Augenblick des Todes spurlos verschwinden! (welcher unerfüllbare letzte Wunsch ja wohl dem nach einer Himmelfahrt gleichkäme - oder wollte ich denn da beispielsweise in eine Gletscherspalte stürzen, für immer auf einem Felsgrund liegen?)

Nachtrag. So gering kann mein Interesse an im Vaterland regierenden politischen Verhältnissen gar nicht sein, daß mir nicht der jeweilige Wahlsonntag zu der mit einem "Wie kommt man dazu" eingeleiteten Frage verhilft - Wie kommt man als Radiohörer dazu, in den Vormittagsnachrichten als erstes so Weltbewegendes zu hören zu bekommen, wie wer von den sattsam bekannten Politfunktionären - ach, wir Obrigkeitsstaat! - bereits eine Stunde nach Öffnung der Wahllokale, welcher hingegen eine halbe Stunde später, dafür in Begleitung seiner Gattin, gleichfalls gut gelaunt zur Wahlurne geschritten sei? ... daß doch endlich von Staatskünstlern Gedenktafeln angefertigt würden! (Julian Schutting, Album, DER STANDARD, 2./3.2.2013)

Julian Schutting, wurde am 25.10.1937 in Amstetten (NÖ) geboren. ausbildung in Fotografie an der Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt und Studium der Geschichte und Germanistik an der Universität Wien. Promotion mit einer Arbeit über ein rechtshistorisches Thema. Ab 1965 Lehrer an einer Höheren Technischen Lehranstalt in Wien. Seit den frühen 70-er Jahren Prosa- und Lyrikveröffentlichungen. Zuletzt erschien von ihm "Theatralisches" (2012) im Otto-Müller-Verlag.

  • Faust-Verfilmung von 1926: "Ja, und wie würde denn heutzutage jenes Gretchen 
seinen Fausten testen?"
    foto: dpa

    Faust-Verfilmung von 1926: "Ja, und wie würde denn heutzutage jenes Gretchen seinen Fausten testen?"

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