Unregelmäßige Kristalle

1. Februar 2013, 17:49
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In "Quasikristalle" zerlegt Eva Menasse die Biografie einer Frau in unterschiedliche Aspekte: Tochter, Geliebte oder Patientin. Über den Arbeitsalltag einer Kinderwunsch-Ärztin

Herr Özkan verweigert also die Samenspende, soso. Der frühe Montagmorgen beginnt mit einem Problem, das nur ein Witzbold handfest nennen würde. Montagmorgen, das ist ungewöhnlich, aber zweifellos besser als am Nachmittag. Erstens sind alle Mitarbeiter frisch vom Wochenende, und wenn nicht frisch, dann zumindest aufmerksam, weil sie gerade erst umgeschaltet haben, von Frei- auf Arbeitszeit. Veränderungen fördern die Konzentration, der Trott lässt sie ersterben. Deshalb steht Frau Doktor Guttmann manchmal mitten im Tippen auf und stellt sich ein paar Minuten ans Fenster. Das gönnt sie sich, voller Selbstbewusstsein, denn davon profitiert selbst ihre ohnehin erstklassige Arbeit.

Zweitens ist am Tagesanfang noch Luft nach hintenraus, nicht wahr? An den meisten Nachmittagen, und gerade am Wochenbeginn, sind die Zeitpläne ins Uneinholbare verrutscht, und wenn sich die ersten Patientinnen beschweren, reagieren einzelne Mitarbeiter nicht mehr so elastisch, wie sie es dank all der kostspieligen Schulungen eigentlich sollten. Sie sind bestrebt, weitere Verzögerungen möglichst schnell aufzulösen, die verkniffenen Gesichter im Warteraum vor Augen und den eigenen Blick flehend auf die Feierabend-Ziellinie gerichtet.

Möglichst schnell ist hier jedoch keine Option. Denn dieser Özkan würde womöglich abhauen, er scheint ja bereits kurz davor zu sein. Wir brauchen ihn aber, buchstäblich einen Teil von ihm. Und seine Frau liegt noch im Aufwachraum.

Das wäre schade, denkt Heike Guttmann und nippt an ihrem Tee. Wo sie bei Özkans Ehefrau gerade zehn prachtvolle Eizellen erwischt hat! Eine Ausbeute, für die andere viel Geld zahlen würden, wenn man auch das mit Geld beeinflussen könnte. Was man leider nicht kann. Özkans Frau heißt übrigens Klopfer und ist so deutsch wie Heike selbst. Özkan ist Aktienanalyst oder Finanzberater oder etwas in der Art, er hat nicht die Spur eines Akzents und ist um Klassen integrierter als sein Name. Dass die Frau ihren Nachnamen behalten hat, darf als Beweis gelten. Das ist immer noch eher selten in deutsch-türkischen Verbindungen, die aber, auch das muss man sagen, mehrheitlich in den unteren Schichten zu finden sind.

Wozu Klopfer/Özkan definitiv nicht gehören. Heike glaubt sich zu erinnern, dass die Klopfer Juristin ist, keine Anwältin, das nicht, aber Juristin in irgendeinem Betrieb. Im ersten Gespräch vor einigen Wochen ist Heike nichts Besonderes aufgefallen, sie schienen vernünftig und harmonisch, aber bitte, die Männer bekommt man danach kaum mehr zu Gesicht.

Sie sieht die Hiobsbotin an, eine Neue aus Niedersachsen, bleich wie Kalbfleisch, die in der Tür steht und nervös die Hände knetet. Frau Baukes, verwenden Sie ruhig mal ein bisschen Make-up, sagt sie freundlich, oder bloß Rouge, für die frische Gesichtsfarbe. Heike ist dafür bekannt, dass sie ein Auge auf das Aussehen der medizinischen Assistentinnen hat. Sie selbst ist mit Abstand das Mondänste, was diese Klinik zu bieten hat, obwohl das nicht allen gefällt. Sie fragt sich ja öfter, wieso Gynäkologinnen im Durchschnitt aussehen wollen wie Biobäuerinnen oder wie diese Dörrpflaumen von Pastorinnen. Ob es nicht genügt, dass die meisten Hebammen so aussehen. Und in welchem Beruf man als Frau eigentlich modisch sein darf. Ob das nicht ein durch und durch deutsches Phänomen ist. Denn die französischen Ärztinnen und Richterinnen sind oft sexy bis dahinaus ...

Zurück zu Herrn Özkan. Er weigert sich, seinen Becher vollzumachen. Er hat es sich anders überlegt. Aber seine Frau hat er, vollgepumpt mit Hormonen, vorher ungerührt dem Anästhesisten übergeben. Und das alles gleich am Montagmorgen. Heike zwinkert der blassen Baukes zu, bei der man in Zukunft noch überprüfen muss, ob sie überdurchschnittlich schwitzt, und trällert: Ich kümmere mich!

Sie schwebt durch den Flur und die Milchglastür, auf der "Eingriffe, Labor, Zutritt nur für Mitarbeiter" steht. Auf dem Rückweg, mit Herrn Özkan im Schlepptau, der eventuell einen Blick für ihre schlanke Gestalt oder ihre hohen Hacken hat, was ihn beruhigen und auf andere Gedanken bringen könnte, denkt sie daran, wie schwer manchen Kollegen diese Gespräche fallen. Immer wieder ist davon die Rede, Rufe nach Supervision und Erfahrungsaustausch, mich belastet das.

Heike muss beinahe verbergen, wie wenig sie das belastet. Ursprünglich wollte sie Biologin werden, nicht unbedingt Ärztin. Deshalb fehlt ihr wohl der Hang zum Missionarischen, der wegen der Dickköpfigkeit der Schäfchen so oft an schmerzhafte Grenzen stößt. Sie will niemanden zu etwas überreden oder von etwas abhalten. Die Folgen seiner Entscheidungen muss jeder selbst tragen. Sie macht einfach ihre Arbeit: Diagnose, Therapie und Schluss. Sie hat keine Angst vor Menschen, und es ist wohl die empathische Angst oder die ängstliche Empathie der Ärzte, aus der manche Patienten den Freibrief zum Ausflippen ableiten. Bei ihr flippen fast nie welche aus. Sie weinen, gut, aber das tun viele hier. Die anderen strahlen, nach jahrelangem Kampf, und schreiben später rührende Dankesbriefe, beklebt mit Störchen, Schnullern und Herzchen, aus denen die Babyfotos nur so purzeln. Die Freudentränen überwiegen, insgesamt. Ein schöner Beruf. Wie so oft im Leben überwiegt das Positive. Die, bei denen gar nichts klappt, werden im Lauf der Jahre stiller, als würden sie innerlich verglühen. Man gewöhnt sich wirklich an alles, hat ihr eine dieser Aschefrauen einmal tonlos anvertraut, man gewöhnt sich sogar an die Fehlgeburten.

Zurück in ihrem Zimmer, bietet sie Herrn Özkan Tee an. Ein gusseisernes Kännchen steht auf dem Stövchen. Er könnte auch Kaffee bekommen, den müsste sie allerdings bringen lassen. Wie Sie möchten, schmeichelt sie, wir haben Zeit, wir nehmen uns gerne Zeit für Sie, denn das ist ja keine Nebensächlichkeit, über die wir hier reden müssen. Özkan nickt mit zusammengepressten Lippen, und Heike spürt, dass ihm sein Verhalten plötzlich peinlich ist. Das ist gut, ein Mann will sich nicht als Pferd sehen, das vor dem Hindernis laut wiehernd scheut, womöglich mit Schaum vor dem Mund und quellendem Augenweiß. Das ist eher weiblich, vom Bild her. Männer dagegen sind Durchbeißer, Soldaten, eisern und schweigsam bis in den Tod. Aber Männer sind nicht Heikes Spezialgebiet, sondern Follikeldurchmesser, Endometriumstärken, Gerinnungsparameter, Vorkernstadien. Schwangerschaften nur in den allerersten Wochen, Fruchthöhle, Dottersack, Herzfrequenz. Wenn da alles in Ordnung ist, wünscht sie den werdenden Müttern eine schöne Schwangerschaft und schickt sie zurück zu ihren niedergelassenen Ärzten.

Sie stützt die Ellenbogen auf ihren beinahe leeren Schreibtisch, legt die Fingerspitzen vor dem Gesicht zusammen und beginnt mit dem Satz: Eine Kinderwunschbehandlung ist für alle Paare eine vielfach belastende Situation, Betonung auf "alle". Özkan starrt auf den Boden, sein Mund zuckt, und Heike braucht keine zwanzig Minuten, um ihn zurückzuführen auf den rechten Pfad, über die cremefarbenen Spannteppiche vor den Männer-Raum, wo Frau Baukes schon mit dem Becherlein wartet, voller Bewunderung für sie, die gutgelaunte Dompteuse Heike Guttmann.

Es war nur ein medizinisches Missverständnis, relativ leicht aufzuklären, obwohl die Lage des Paares erst mal prekär bleibt. Er habe mit seiner Frau gestritten, hat er hervorgepresst, er müsse sich das Ganze noch einmal überlegen. In der Zwischenzeit könnten Frau Klopfers Eizellen doch eingefroren werden. Heike hat ihm geduldig erklärt, dass man unbefruchtete Eizellen nicht einfrieren kann, auch wenn das für ihn vielleicht nicht logisch klinge. Aber sie seien eben sehr viel weniger robust als befruchtete. Alle unsere Techniken sind auf befruchtete Eizellen ausgelegt, hat Heike gesagt und nicht gesagt, dass es sich schließlich nicht um Äpfel und Birnen handelt. Stellen Sie sich diese befruchtete Eizelle wie ein kleines Kraftwerk vor, sie will sich teilen und wachsen, beide Teile sind zusammengetroffen, Vater und Mutter, das ist wie ein Stromkreis, Plus-Minus, und da friert man sie ein. Sie überwindet den Schock des Einfrierens und Auftauens mit dem Wunsch, weiterzuwachsen, sie ist in ihrer vitalen Bewegung nur vorübergehend aufgehalten. Sozusagen. Diese Energie hat die bloße Eizelle nicht. Bildlich gesprochen. Obwohl wir durch das Auftauen auch Embryonen verlieren. Am aussichtsreichsten ist immer der frische Zyklus. Sagen alle Statistiken.

Als diese Dinge geklärt waren, redete sie ihm doch noch ins Gewissen. Das war sie sich als Frau schuldig. Frau Klopfer und er hätten die Entscheidung zu dieser Behandlung gewiss nicht leichtfertig getroffen? Also sollte eine vorübergehende Meinungsverschiedenheit am Wochenende ... Und so weiter. Er hat nicht mehr viel gesagt. Ihrem Gefühl nach hat den Ausschlag gegeben, dass vor jedem Embryotransfer ohnehin noch einmal beide Unterschriften eingeholt werden müssen. Dass sich Frau Klopfer also nicht hinter Herrn Özkans Rücken einen Embryo abholen kann, für den er später Unterhalt zahlen muss. Vorausgesetzt, dass es schiefläuft mit der Beziehung und gleichzeitig gut für die Statistik von Heike Guttmann. Alles schon einmal dagewesen, deshalb alles gesetzlich geregelt, bis in die unwahrscheinlichste Verästelung. Zu der der Fall Özkan nun gehört. Die arme Frau Klopfer. Und das war also Heikes Wochenbeginn.

Es folgen drei Ultraschalle, da lässt sich Zeit gutmachen. Heike entschuldigt sich bei jeder Patientin damit, dass ein Paar eine längere Beratung gebraucht habe, denn mit einem medizinischen Notfall wie in anderen Arztpraxen darf man hier keinesfalls argumentieren. Hier gibt es keine Notfälle. Menschen, die sich den Zeugungsakt von Biologen entziehen lassen müssen, die des ganzen Mythos von erfüllendem Sex und daraus folgender Frucht der Liebe bereits verlustig gegangen sind, wollen sich noch weniger krank fühlen als die meisten anderen. Jeder ärztliche Anschein muss so weit wie möglich vermieden werden. (...)

Reichlich Kundschaft

Nach den ersten beiden Ultraschallen hat sie die Wartezeit auf fünfzehn Minuten heruntergedrückt, das ist wiederum fast zu kurz, um ernst genommen zu werden. Sie steht auf und tritt ans Fenster. Lennart hält heute sein Deutschreferat, man darf ja gespannt sein, was da herauskommt. Er ist ein schlauer Junge, aber für Sprachen hat er kein Faible. Warum die Zehntklässler im einundzwanzigsten Jahrhundert mit Maria Stuart traktiert werden, bleibt ihr ohnehin ein Rätsel. Besonders die fünf Aufstiegstürken in seiner Klasse, was die wohl später mit Schiller anfangen sollen?

Sie ruft zu Hause an und erinnert Frau Jänicke an die Fußballtrikots. Frau Jänicke beruhigt sie, sie hat bereits daran gedacht, sie zu waschen und zu bügeln, das geht in Lauras Team reihum. Die anderen Mütter stöhnen, aber Heike hat auch dafür Frau Jänicke, denn dafür, unter anderem, arbeitet sie sich ja in der Klinik den schmalen Arsch ab.

Die Mädels haben morgen Nachmittag ein Freundschaftsspiel in Spandau. Haben Sie die Trikots nachgezählt, fällt Heike ein. Frau Jänicke gibt zu, dass sie daran nicht gedacht hat. Wie viele es sein müssen, weiß Heike nicht genau. Elf Spielerinnen, ein paar Ersatzleute, sagen wir, sechzehn? Zählen Sie nach und melden Sie sich, wenn es entscheidend weniger sind, bittet Heike und legt auf.

Sie geht zurück an den Computer und ruft die Akte der nächsten Patientin auf. Frau Molin, die sich endlich zur IVF entschlossen hat. Heike kennt sie seit fast zwei Jahren. So lange trödelt sie herum, um mit ihrem verbliebenen Eileiter auf natürlichem Weg schwanger zu werden. Heikes Erfahrung ist, dass Patientinnen mit derart kritischen Eileiterschwangerschaften, wie Frau Molin sie laut OP-Bericht gehabt hat, oft auch einen zweiten unbrauchbaren Eileiter haben. Man kann leider nicht reinschauen, in die Eileiter. Es gibt selbstverständlich Gegenbeispiele, Frauen, die erst an einer EU halb verblutet sind und später mit der anderen Seite noch eine Handvoll gesunder Kinderchen bekommen haben. Man weiß es eben nicht. Die Molin klammerte sich lange an die Bemerkung ihres Operateurs von damals, dass ihr linker Eileiter völlig normal ausgesehen habe, während der rechte, wo das Malheur passiert war, an mehreren Stellen mit dem Dünndarm verwachsen gewesen sei, vermutlich Narbengewebe nach einer Blinddarmoperation im Kindesalter. Aber ein Eileiter muss frei schwingen können, sonst kommt die Eizelle nicht hindurch, die nur von Härchen weitergetragen wird, winzigen Härchen, die wogen wie ein Weizenfeld im Wind.

Wenn man bedenkt, dass der Mensch zum Mond fliegt, sind seine Eileiter erstaunlich fehleranfällig konstruiert. Das lässt sich wahrscheinlich nur evolutionär erklären, mit der steinzeitlichen Horde, wo die absurd arbeitsintensive Brut von den Kinderlosen mitbetreut wurde, weshalb nicht jedes weibliche Wesen unbedingt selbst Nachwuchs haben muss. Erst letztens hat ein Forscher in einem Aufsatz die provokante Frage aufgeworfen, wofür Frauen eigentlich so alt werden, wo sie doch mehr als die Hälfte ihres Lebens reproduktiv nutzlos sind. Die Antwort: Großmütter! Unentbehrlich bei der Aufzucht der Enkel und vermutlich als sozialer Kitt für alle anderen.

Heike hat die Zyklen dieser Molin ein paar Monate lang gutmütig gescreent, denn hier, in dieser Klinik, gibt es keinen Druck auf die Patientinnen. Niemand wird, anders als in mancher kleineren Praxis, alternativlos in Richtung IVF gedrängt, sie haben reichlich Kundschaft, auch aus dem Ausland, Frauen von Scheichs, reiche Russinnen, Chinesinnen und so weiter. Deshalb sind sie Marktführer in der Hauptstadt, wegen des internationalen Rufs ihres Klinikleiters und weil sie groß genug sind, um gelassen zu sein.

Wie sich gezeigt hat, hat die Molin noch ein paar andere Probleme als den gesprengten Eileiter. Der Schleimhautaufbau ist nicht grandios, da rutscht ein befruchtetes Ei vielleicht glücklich durch, findet aber nicht ausreichend Nest in der Gebärmutter vor. Eine Zeitlang musste sie sich mit Östrogenpflastern bekleben. Und dann reifen die Eizellen meistens auf der falschen Seite, da, wo die Molin keinen Eileiter mehr hat. Ich hab geglaubt, das geht abwechselnd, hat sie nach mehreren Versuchen verzweifelt ausgerufen, im einen Monat rechts, im anderen links, und Heike hat geantwortet: Ja, davon wird ausgegangen, aber man hat, außer in Fällen wie Ihrem, ja selten Anlass, das zu überprüfen.

Die Wahrheit ist: Wir haben von manchem zwei, weil wir Ersatz brauchen, Nieren, Lungenflügel, Arme, Beine, Augen. Wenn eins ausfällt, ist noch das andere da. Aber wenn der linke Eierstock nicht richtig funktioniert, ist es natürlich ungünstig, rechts keinen Eileiter mehr zu haben.

Als ausnahmsweise ein Follikel auf der linken Seite zu sehen war, trat keine Schwangerschaft ein. Im Molin'schen Alter, Mitte dreißig, passiert das statistisch gesehen nur drei Mal im Jahr. Mit nur einem Eileiter halb so oft. Mit einem zeitweise inaktiven Eierstock geht es praktisch gegen null. Das hat Heike ihr so nicht gesagt. Gesagt hat sie: Frau Molin, Sie verlieren Zeit. Nach all den Erkenntnissen, die wir in den letzten sechs Monaten gewonnen haben, muss ich Ihnen zur IVF raten. Da hatte sie Tränen in den Augen. Es fällt manchen schwer, vom natürlichen Weg abzuweichen. Während es inzwischen vereinzelt andere, oft ziemlich Junge, gibt, die ohne wahrnehmbaren Grund kommen, drei Monate lang nicht schwanger geworden, und schon sitzen sie erwartungsfroh da. Als ob die Generation Wunschkaiserschnitt bei Kinderwunsch automatisch die gleichnamige Klinik aufsucht, so, wie sie das Smartphone-Navi befragt, wenn sie keinen Supermarkt findet.

Heike lächelt, sie mag Frau Molin. Frau Molin interessiert sich für die Zusammenhänge, die medizinischen und die gesellschaftlichen. Sie plaudern manchmal ein bisschen. Frau Molin ist Fernsehjournalistin oder etwas Ähnliches, jedenfalls intelligent und reflektiert. Wenngleich sie ihren eigenen Fall sehr schwer zu nehmen scheint, noch schwerer als andere. Ein Zeichen für Ehrgeiz. Es sind die Ehrgeizigen, die sich besonders gedemütigt fühlen, wenn es mit dem Kinderkriegen nicht klappt. Weil sie meinen, alles können zu müssen, vor allem etwas so kreatürlich Banales wie schwanger zu werden. Aber Mitte dreißig, meine Güte. Das wird bestimmt etwas, selbst wenn es noch ein bisschen Zeit, Geld und Nerven kosten mag.

Wie geht es Ihnen, fragt Heike, die Down-Spritze gut vertragen? Sie schiebt ein paar Papiere hin und her. Frau Molin kämpft in der Ecke mit einem Schuh, sie ist oft ein wenig hektisch, will sich schnell aus- und anziehen. Sie erzählt, dass die Blutung nicht eingetreten ist. Heike horcht auf. Frau Molin plaudert weiter, in dem Beipacktext, den sie natürlich genau gelesen hat, stehe, dass nach dieser Spritze die Blutungen schwächer würden und schließlich aufhörten. Heike lacht: Nach Langzeitgabe, meine Liebe, aber nicht nach einem Mal! Frau Molin legt die Stirn in Falten, der nächste Stein auf ihrem Weg zum Kind, ohne Blutung kein Behandlungsbeginn, das hat sie wohl schon befürchtet.

Heike findet die Schwangerschaft auf Anhieb. Schauen Sie, sagt sie sanft und dreht den Monitor in Richtung Liege, eine schöne Fruchthöhle, hier der Dottersack. In einer Woche werden wir den Herzschlag sehen können. Frau Molin ist sprachlos, bleich, verwirrt. Als sie wieder angezogen ist, sitzt sie auf dem Stuhl vor Heikes Schreibtisch und nickt wie betäubt zu Heikes Terminvorschlag. Heike schreibt Uhrzeit und Datum auf ein gelbes Post-it und klebt es auf den Patientenausweis. Sonst wird das wohl nichts. Jetzt freuen Sie sich doch ein bisschen, sagt sie aufmunternd.

Da bricht das Drama aus der Molin heraus. Sie scheint den Beipacktext des Medikaments geradezu auswendig gelernt zu haben, oder sie hat, was wahrscheinlicher ist, die Möglichkeit einer spontanen Schwangerschaft zumindest in Betracht gezogen und nachgelesen, was dieses Papier dazu zu sagen hat. Eine Schwangerschaft muss vor Anwendung des Präparats unbedingt ausgeschlossen werden ... Verdachtsfälle von Epilepsie im Kleinkindalter ... Heike beruhigt: Aber nicht doch, Frau Molin! Solche Schwangerschaften kommen öfter vor, als Sie denken. Der letzte Fall hier bei uns ist inzwischen vier Jahre alt, kerngesund und heißt, wenn ich mich recht erinnere, Lea-Sophie!

Frau Molin braucht heute also ebenfalls längere Beratung. Sie will jetzt genau wissen, wie es überhaupt möglich ist, dass ihre Hirnanhangdrüse blockiert und sie dann dennoch schwanger wurde. Es war andersherum, wirft Heike ein, aber die Molin redet in ihrer Aufregung einfach weiter. Wo in der Schwangerschaft diese Hormone, die dort produziert werden, doch noch mehr gebraucht werden als sonst, oder hat sie da etwas falsch verstanden? Ich vernichte den gesamten Dünger, und gerade dann wächst der Baum? Was für ein Baum kann das noch werden?

Heikes Handy vibriert, sie zieht es heraus und drückt den Anruf weg. Frau Jänicke. Zu wenige Fußballtrikots? Oder etwas anderes? Vor zwei Jahren ist Lennart auf dem Schulweg von einem arabischen Jugendlichen angegriffen und ausgeraubt worden, er musste, unverletzt, aber furchtbar erschrocken, von der Polizeidienststelle abgeholt werden. Sie betrat gerade den OP zur Punktion, die Patientin war bereits narkotisiert, was nicht hätte passieren dürfen, ein übereifriger Anästhesist, sie drückte den Anruf weg. Manfred war in der Vorstandssitzung, der Junge hat eine halbe Stunde lang niemanden erreichen können. War das schlimm? Es war das Schlimmste, was bisher passiert ist, und Lennart selbst hat es bestimmt längst vergessen. Nicht den Überfall, aber die Unerreichbarkeit seiner Eltern.

Als Frau Molin, versorgt mit einem Rezept für reichlich Gelbkörperhormone und Begriffen wie Flare-up-Effekt, die sie zu Hause im Internet noch genauer studieren kann, geht, tritt Heike wieder ans Fenster. Sie hat einen schönen Blick, im Vordergrund ein Stück Parkplatz, dahinter die Bäume, die alte Parkanlage. Grün beruhigt, und flimmernde Blätter haben etwas angenehm Hypnotisches. Frau Jänicke hat fünfzehn T-Shirts, aber nur vierzehn Hosen zu vermelden. Heike sagt ihr, dass sie es gut sein lassen soll, und erinnert an den Fisch in der Tiefkühltruhe, der jetzt dringend herausgenommen werden muss. (Eva Menasse, Album, DER STANDARD, 2./3.2.2013)

Eva Menasse, geboren 1970 in Wien, war zunächst Redakteurin beim österreichischen Nachrichtenmagazin "Profil" und später bei der " Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Sie lebt seit 2003 als Publizistin und freie Schriftstellerin in Berlin. Nach ihrem Debütroman "Vienna" und dem Erzählband "Lässliche Todsünden" erscheint am 14. Februar ihr drittes Buch und neuer Roman "Quasikristalle" im Verlag Kiepenheuer & Witsch.

  • "Nach all den Erkenntnissen, die wir in den letzten sechs Monaten gewonnen 
haben, muss ich Ihnen zur IVF raten."
    foto: reuters/kacper pempel

    "Nach all den Erkenntnissen, die wir in den letzten sechs Monaten gewonnen haben, muss ich Ihnen zur IVF raten."

  • Eva Menasse.
    foto: apa/georg hochmuth

    Eva Menasse.

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