Ein Schönmädchenmaler wird taff

31. Jänner 2013, 18:40
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"Vorspiegelung" lautet der zweideutige Titel von Martin Schnurs Personale: Im Werk des Künstler wiegt Metaphorisches weniger schwer als malerische Herausforderungen, verrät er beim Atelierbesuch

Wien/Klosterneuburg - Seine Kompositionen vergleicht Martin Schnur gerne mit jenen der Musik, wo harte, weiche, scharfe Töne unmittelbar aufeinandertreffen. Er selbst spiele auch gerne mit dem Kontrast von abstrakter, geometrischer Fläche zur natürlichen Form. Die liegenden, in sich selbst versunkenen Figuren seiner raumgreifenden Gemälde, seine nackt auf dem Boden Dahingestreckten vergleicht Schnur mit einer Horizontalen.

Es sind für ihn kompositorische Elemente, die er mit zwei waagrechten Elementen einer skulpturalen Arbeit aus den frühen 1990er-Jahren in Verbindung bringt, als er mit Säure auf Blei "malte". "Das ist ein Ordnen, wie bei der Farbfeldmalerei", sagt der 1964 im steirischen Vorau geborene Künstler. Ein "Herumschieben von abstrakten Formen", wie es auch Kandinsky gemacht hat.

Die große Spannung, die er mit den harten Schnitten und Kanten, mit seinen Raumverschachtelungen erzeugt, ist es vielmehr, die Schnur interessiert. Und "gar nicht so sehr das Symbolische". Dennoch ist er sich der Metaphorik und interpretatorischen Breite bewusst, die seine Gemälde mit ihren oft melancholisch oder dramatisch wirkenden Hauptfiguren auslösen: Es öffnen sich Fenster in andere Bildebenen, Räume durchdringen einander und lassen jedes noch so realistische Motiv ins Surreale abdriften. So etwa ein chinesischer Fischer auf einem gerade fertiggestellten Bild im Atelier. Das Foto dazu fand Schnur in einer Zeitung: "Seine Haltung beim Auswerfen des Netzes, das brackige Wasser, dieser Unort einer Schutthalde faszinierte mich." Die Wurfbewegung endet nun nicht im Netz, sondern in einer riesigen, horizontal ins Bild ragenden irrealen Spiegelscherbe.

Auch in der Ausstellung im Essl Museum begegnet man immer wieder dem Motiv des zerbrochenen Spiegels oder Scherben, die das Licht stets anders brechen, zusätzliches Funkeln in sonnendurchflutete Waldstücke zaubern oder die Wasserfläche kitzeln. Effekte, die sich während der Pressekonferenz in Klosterneuburg, einem sonnigen Frühlingstag mitten im Winter, wunderbar steigern. Das Zersplittern vom Form hätte ihn bereits bei den Kubisten und Futuristen interessiert. Natürlich, gesteht Schnur, wisse er vom Symbol des eitlen Narziss, der sein Spiegelbild im Wasser betrachtet, aber als Maler liebe er die Spiegelung eben mehr aus anderen Gründen: "Das Licht ist noch immer eine malerische Herausforderung. Es lässt mich nicht los."

"Vorspiegelung" heißt die Schau, die Bilder aus den letzten fünf Jahren präsentiert; das Bild "Abwehr #2" mit dem 2006 nicht nur Schnurs Spiegelleidenschaft, sein Modellieren mit Licht begann, sondern auch - nach einer Ausstellung im Augarten Contemporary - die Leidenschaft der Essls für seine Malerei, fehlt allerdings. Der Titel der Schau sei zwar eher deskriptiv gemeint, aber irgendwie könne man seine nicht-existenten Landschaften auch als falsche Tatsachen begreifen, sagt Schnur. Es ist alles eine Frage der Perspektive.

Die Vielansichtigkeit ist charakteristisch für Schnur, der eigentlich bei Joannis Avramidis Bildhauerei studiert hat; und bei Skulptur geht es schließlich immer auch um Multiperspektive und Raum. Wie aus dem Bildhauer Schnur ein Maler wurde, erklärt dies allerdings noch nicht.
„Herr Schnur, Sie sind ein Maler. Aber das wissen Sie noch gar nicht", habe Wilfried Skreiner, der ehemalige Direktor der Grazer Neuen Galerie 1993 zu ihm gesagt, erinnert sich Schnur und klingt dabei wie Marlon Brando in "Der Pate". Skreiner, der sich sehr für die junge Kunst stark gemacht hat, habe immer so geredet wie ein Mafiaboss, erklärt Schnur. Damals habe er widersprochen, er sei doch eigentlich Bildhauer. Aber Skreiner ließ sich nicht beirren: "Das wird schon noch, glauben Sie mir". Und er sollte recht behalten.

Fenster, Szenen, Welten

Die Schlepperei der schweren Skulpturen hätte ihn irgendwann genervt und obendrein verkauft es sich schlechter als Malerei, scherzt er lachend. Trotzdem: "Die Maler habe ich immer beneidet", sagt Schnur, der bereits als Kind Maler werden wollte. Aber auf der Kunstgewerbeschule am Grazer Ortleinplatz gab es nun einmal keine Malereiklasse und so schien Schnurs Bildhauerkarriere besiegelt. Viel später jedoch, Jahre nach dem Studiumabschluss an der Wiener Akademie der bildenden Künste, habe er irgendwann selbst gemerkt, dass die meisten seiner Skulpturen wandgebunden oder flächig waren. Etwa das heute verschollene Objekt "Ostende. Blick nach England", das ein Stück Wandfläche rahmt und - so Schnur - "alles offenlässt".

Inspiriert hat ihn dazu ein Gestell an der belgischen Küste, ein Hinweis auf einen zum Fotografieren geeigneten Aussichtspunkt. Man sah von dort zwar nichts als Meer und den Horizont, trotzdem war es der ideale Ort, um einfahrende Schiffe besonders pittoresk ins Bild zu setzen.

Für seine Rahmen und Bild-im-Bild-Kompositionen haben ihn aber nicht etwa Comics oder gar Computer-"Windows" formal inspiriert. Schnur vergleicht sie eher mit alten Kinoplakaten oder Split-Screens in Filmen der 1960er-Jahre. Szenen und Welten, die sich ineinanderschieben, ähnlich wie bei klassischen Gemälden: "Vorne sitzt ein Mensch, eine Madonna oder ein Bauernbub - ganz egal - und hinter einem Vorhang oder einem Fenster öffnet sich der Blick hinaus in die Welt."

Für Schnur, der als Bildhauer eher reduziert und abstrakt gearbeitet hatte, stand außer Frage, dass seine Malerei figurativ werden würde, obwohl die gegenständliche Malerei damals gar nicht so angesagt war. "Aber die New Yorker Museen waren auch zu jener Zeit voll von super figurativen Maler, wie Eric Fischl oder Wayne Thiebaud".

Schnur liebt die alten Meister: Caravaggios Lichtdramatik, Tiepolos Farbgestaltung und grandiosen Raumstaffelungen. Aber "am liebsten habe ich Velázquez.Ich bin ein Würstel gegen den. Aber gefallen, darf er mir ja trotzdem". Über dessen "Las Meninas" (1656) las er in seiner "Maler-Bibel" von Carl Justi, einem Kunsthistoriker des 19. Jahrhunderts, Velázquez hätte die Figuren nur als Staffage für das Licht gebraucht. Die Idee, dass malerische Fragen schwerer wiegen als jene des Motivs (immerhin sind eine Königstochter und Hoffräulein dargestellt) imponiert ihm. Die Illusion von Raum und Licht ist neben dem „Inkarnat" und der Darstellung von "Fleischlichkeit" auch das, was Schnur in der Malerei immer wieder reizt und herausfordert.

Von den Alten Meistern, ein Ausdruck den Schnur gar nicht mag ("Was zählen die paar Jahrhunderte im Universum?"), hat er sich aber noch mehr abgeschaut: etwa das Malen auf Kupferplatte. Im Prado entdeckte er ein kleines, weniger bekanntes Bild von Goya und stellte fest, dass es auf Kupfer gemalt ist. Auch "Die Flucht nach Ägypten" (1609), jene berühmte Mondnacht von Adam Elsheimer, ist auf Kupfer gemalt. "Und so bin ich da heineingestolpert". Das Malen auf dem Halbedelmetall taucht im 17. Jahrhundert relativ plötzlich auf; man schätzte damals - im Vergleich zur Leinwand - die Unempfindlichkeit und Langlebigkeit des Bildträgers und insbesondere die leuchtende Farbwirkung am Metall. Der Bildträger saugt nicht, daher wirkt das Ganze porzellanartig, ähnlich wie Emaille, erklärt Schnur seine Faszination für das Material. Im Vergleich zur grundierten Leinwand könne obendrein die oft fleckige Kupferplatte bereits inspirierend sein. Und manchmal scheint in Schnurs Bildern auch die Farbigkeit des Metalls durch die Ölschichten hindurch.

Was ebenfalls durchblitzt, ist die Freude eines Bildhauers am Haptischen, die Freude am nicht herkömmlichen Material. Zum Tragen kommt sie auch in der neuen Objektserie "Display", die den Maler und den Bildhauer Schnur vereint.

Auch für die jüngste malerische Werkserie der "Autonomen" malte Schnur auf Kupfer. In der Serie überschreiten seine u. a. vom Arabischen Frühling inspirierten Protagonisten die akkurat gezogenen Bildgrenzen; die Bildräume verschwimmen plötzlich mehr als sonst und lassen die interpretativen Freiheiten nochmals mit einem durchgehen: Da will man im Grenzübertritt der Figuren, symbolisch das Aufsprengen des restriktiven gesellschaftlichen Raumes erkennen. Manche von ihnen, so etwa der über eine Barrikade springende "Autonome #3", erinnert in seinem eleganten Schweben sogar an eine Figur aus einer barocken Apotheose, ähnelt in der nahezu tänzerischen Pose einem auf einer Wolke sitzenden Heiligen.

Die "Autonomen" zeigen also eine radikalere Seite des "Schönmädchenmalers aus Wien". Mit dieser Selbstbeschreibung reagiert Schnur inzwischen selbstironisch auf Vorwürfe, seine Frauenakte würden haarscharf am Kitsch vorbeischrammen. Ist sein Naturalismus einfach zu schön, zu idealistisch, zu ungebrochen? Ihm gefalle das Schöne eben, schmunzelt er, und daher nehme er solche Vorwürfen eben in Kauf. "Ich scheiß drauf und mache es trotzdem." Und fügt dann doch hinzu: "Die neuen Bilder sind aber schon etwas schärfer. Ich will ja nicht nur schöne Bilder zeigen."      (Anne Katrin Feßler, Langassung, DER STANDARD, 1.2.2013)

Bis 9. 6.

  • In Martin Schnurs Serie der Autonomen überschreiten seine vermummten Protagonisten Grenzen verschiedener Art: "Autonomer #2", (2012).
    foto: daniela beranek

    In Martin Schnurs Serie der Autonomen überschreiten seine vermummten Protagonisten Grenzen verschiedener Art: "Autonomer #2", (2012).

  • Im Bildhauer schlummerte ein Maler: Martin Schnur.
    foto: daniela beranek

    Im Bildhauer schlummerte ein Maler: Martin Schnur.

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