Tiefgang mit einem Schnulzenkönig

31. Jänner 2013, 18:14
3 Postings

Ein Theaterabend mit Roy-Black-Liedern erzählt auf erhebende Weise von Fremdbestimmtheit: "Dubistnichtallein" von Mara Mattuschka, Alexander Braunshör und Alexander Martos

Wien - Das Stück heißt Dubistnichtallein, und beklagenswerterweise ist das Gegenteil der Fall. In einem karg möblierten Tonstudio sucht ein Mann (Alexander Braunshör) nach Resonanz, nach einem Dialogpartner und findet nur sich selbst. Er singt in ein Mauerloch hinein und will hinterherkriechen. Ohne Erfolg. Es ist viel zu eng, was dahinterliegt, bleibt unergründet. Doch "es" spricht zu ihm, in Signalen und Melodien, in einer Stimme, die letztlich aus ihm selber kommt. Ein Schauplatz also wie gemacht für Schizophrenie oder die Frage: Wer bin ich? Eben: Wer aller spricht aus mir?

Mara Mattuschka (Regie), Alexander Martos (Dramaturgie) und Alexander Braunshör, die drei Autoren von Dubistnichtallein, zeigen hier einen Mann in einer Ausnahmesituation, in einer Zäsur seines Lebens, einem Innehalten, vielleicht in der Bildungskarenz. Er steht allein im Tonstudio, an dem deutlich der Schriftzug "Polydor" zu lesen ist (Bühne: Deborah Sengl), er horcht in sich hinein - und es kommt Roy Blacks Ganz in Weiß heraus.

Alexander (der Darsteller trägt keinen fiktiven Namen) nimmt sich überrascht, doch mit entschlossener Freude der Melodien an, die später immer wieder aus dem Lautsprecher strömen werden. An seinen eigenen Bewegungen ist erkennbar, dass sie mit ihm selber zu tun haben. Lässt er etwa den Kopf erschöpft auf die Tischplatte sinken, so ertönt wieder die Roy-Black-Romanze.

Später wird klar, dass sich dieses soeben in der Garage X als Koproduktion mit The Practical Mystery uraufgeführte Theaterstück die tragische Rolle des Schlagersängers Roy Black leiht, um von Fremdbestimmtheit zu erzählen. Die ungewöhnlichen Gedankengänge, aber vor allem das sensationelle Solo von Alexander Braunshör bringen dieses performative Selbstgespräch über die Maßen zum Strahlen.

Die Interessen von Roy Black stehen jenen von Gerhard Höllerich (so der bürgerliche Name des Sängers) gegenüber. Theatermacher René Pollesch würde sagen: "Die Interessen der Firma können nicht die Interessen von Heidi Hoh sein" (Heidi Hoh), sprich: Der Mensch mit seinen ureigenen Bedürfnissen steht jenen des Business entgegen. So auch bei Roy Black, dessen Plattenfirma Polydor ihn in die Rolle des Schnulzenkönigs zwang.

Mattuschkas Inszenierung versteht sich ganz außerordentlich auf die komische Tragik dieser Avatarisierung - sie choreografiert den etwas mehr als einstündigen Abend wie eine geschlossene Partitur und erzeugt eine Konzentration und Dringlichkeit, die im Spaßtheater von heute nicht mehr so oft spürbar wird.

Vor allem aber: Sie hat mit Braunshör einen Spitzendarsteller zur Verfügung, der Schauspiel wie Performance gleichermaßen auf sich vereint, der seinen Körper einerseits kühn wie ein Instrument einsetzt; er lässt es aber auch nicht an einer Charaktergebung dieser frohgemuten Ich-Figur mangeln. Und das alles, ohne auf dem Rücken von Roy Black herumzutrampeln. Im Gegenteil, neu moduliert, herausgelöst aus dem Dickicht von Easy Listening, erhält die Poetik der Liedtexte eine ganz eigene Wirkung.   (Margarete Affenzeller, DER STANDARD, 1.2.2013)

1. und 2. 2. sowie Termine im März

  • Auf der Suche nach Roy Black: Alexander Braunshör in "Dubistnichtallein" von The Practical Mystery in der Garage X.
    foto: yasmina haddad

    Auf der Suche nach Roy Black: Alexander Braunshör in "Dubistnichtallein" von The Practical Mystery in der Garage X.

Share if you care.