Ägypten: Eine Epidemie der sexuellen Gewalt

31. Jänner 2013, 18:23
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80 Prozent der ägyptischen Frauen haben Erfahrungen mit sexueller Belästigung

Die Bezeichnung "sexuelle Belästigung" ist für das, was am vergangenen Freitag am Tahrir-Platz geschah, eine völlig ungenügende Bezeichnung. Sogar Uno-Menschenrechtskommissarin Navi Pillay - die den ägyptischen Behörden schweres Versagen vorwirft, aber wo hätten die nicht versagt - meldete sich zu Wort angesichts eines in Ägypten grassierenden Phänomens, das nur mehr schwer zu beschreiben ist. Ein Kommentar, der vor einigen Tagen in Egypt Independent dazu erschien, warnt die Leser und Leserinnen eingangs vor einem schwer zu verkraftenden Inhalt. Das ist er in der Tat.

Die Fakten sind schnell erzählt: Am vergangenen Freitag stand der Tahrir-Platz einmal nicht im Zentrum des Medieninteresses, es waren die Städte am Suez-Kanal. Auch in Kairo fanden jedoch große Demonstrationen statt. Dass bei diesen Veranstaltungen Frauen Ziel von sexuellen Aggressionen sind, ist nichts Neues - in die internationale Medienöffentlichkeit gelangen solche Vorfälle meist, wenn ausländische Journalistinnen betroffen sind. Aber am Freitag waren es eben keine einzelnen Vorfälle, sondern es war wie eine sich ausbreitende Epidemie: Mindestens 20 Frauen wurden schwerstens attackiert, die Dunkelziffer derer, die vielleicht etwas besser davongekommen sind oder die aus Scham schweigen, ist entsprechend groß.

Das Muster ist meist so, dass die Frau vom Kreis der Leute, mit denen sie auf die Demonstration gegangen ist (alleine tut das ja ohnehin keine mehr), getrennt und von Männern eingekreist wird: Das können dutzende sein. Es werden ihr dann nach und nach die Kleider vom Leib gerissen. Die Vergewaltigung erfolgt im Regelfall mit den Händen, wobei es am Freitag auch zu einer "echten" Gruppenvergewaltigung kam, und ein Mann verletzte die Frau auch mit einem Messer an den Genitalien. Es scheint, dass außenstehende Männer, die so etwas vielleicht nie vorhatten - die sogar zuerst als Helfer aufzutreten scheinen - plötzlich mitmachen. Andere schauen zu und befriedigen sich selbst. Es ist wie eine Massenpsychose. Eine Frau, der solches im November widerfuhr, schrieb angesichts der Ereignisse vom Freitag ihre Erfahrung auf (sie wird auch von Egypt Independent zitiert).

In ihrer Hilflosigkeit halten sich manche Ägypter und Ägypterinnen am Glauben fest, dass die Täter von dunklen Kräften organisiert und geschickt sind, die den Ruf der ägyptischen Revolution ruinieren wollen. Am Freitag wurde ja auf dem Tahrir-Platz gegen die Muslimbrüder und deren Verfassung demonstriert: Die Islamisten verweisen nun darauf, was für ein Gesindel sich auf dem Tahrir-Platz herumtreibt, wahrscheinlich meinen sie Täter und Frauen. Aber natürlich funktionieren solche Verschwörungstheorien nur bedingt: Denn es machen viel zu viele Männer dabei mit. Sie müssten ja nicht auf den "agent provocateur" hereinfallen, falls es einen solchen gibt.

Und natürlich ist das Phänomen nicht neu. Die Ägypterinnen haben immer darunter gelitten: ein voller Bus, kein Sitzplatz, und schon geht es los. Es ist eine Epidemie. Laut einer Studie des Ägyptischen Zentrums für Menschenrechte haben 80 Prozent der ägyptischen Frauen Erfahrungen sexueller Belästigung. So groß das Thema ist, so sehr wurde es immer systematisch heruntergespielt. Selbst das Wort "sexuelle Belästigung" wurde dafür lange nicht verwendet, sondern es war "muaksa", das ist, wenn sich junge Männer eben ein bisschen amüsieren wollen und herumspielen. Aber massenpsychotische Züge hatte es auch schon früher hin und wieder - einer fing damit an, und plötzlich breitete sich die Jagd auf Frauen auf halb Kairo aus, gefolgt vom Stillschweigen oder Dementis des Regimes. Aber die jetzige irrsinnige Gewaltbereitschaft der Männer ist neu.

Es haben sich auch bereits NGOs - selbstverständlich unter Mitarbeit vieler, von dem Phänomen entsetzter Männer - etabliert, die Vorfälle in Statistiken sammeln und in Kampagnen für mehr öffentliches Bewusstsein arbeiten. 2010 kam der Film "678" heraus, der die Geschichte von drei Frauen erzählt, die in unterschiedlicher Weise sexuelle Gewalt erfahren hatten. Auch Youtube kommt als Medium in den Kampagnen zum Einsatz - wobei man sich bei der psychischen Verfasstheit mancher potenzieller Täter fragen muss, ob das nicht kontraproduktiv ist, wenn sie so etwas sehen.

Natürlich wird auch über die Ursachen nachgedacht: Die meisten Frauen berichten, bei den Tätern würde es sich eindeutig um solche aus sozial schwachen Schichten handeln - sozialer Frust und Hass auf die Bessergestellten führt aber nicht etwa dazu, dass arme Frauen verschont werden. Islamische Kleidung schützt übrigens ebenfalls in keiner Weise vor Übergriffen - wenn es eine erwischt, die kein Kopftuch trägt, wird natürlich trotzdem dieser Umstand dafür verantwortlich gemacht. Wenn eine Niqab-Trägerin (mit Gesichtsschleier) zum Opfer wird, dann hat sie es so gewollt, weil ihre islamische Kleidung zu "eng" war - so zitiert BBC einen Teenager, der mit einer Gruppe von Freunden auf Frauen lauerte und sich auskunftsfreudig zeigte, ein Zeichen mehr, wie "normal" das alles ist. Die Täter werden immer jünger. Auch Übergriffe von Sicherheitskräften - einmal auch vor laufender Kamera - gegen Demonstrantinnen fanden statt. Die gynäkologischen Untersuchungen von Demonstrantinnen, die die ägyptische Armee veranlasste - um "echte" Demonstrantinnen von "Huren" zu unterscheiden: denn wer keine Jungfrau und unverheiratet ist, muss wohl eine solche sein -, gehören in eine andere Kategorie, sagen aber dennoch viel zum Thema aus.

  • Protestierende Frauen auf Kairos Tahrir-Platz
    foto: reuters/ghany

    Protestierende Frauen auf Kairos Tahrir-Platz

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