Gehört die Zukunft den McDoctors?

Gastkommentar6. Februar 2013, 17:20
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Die Freiheiten der Ärzte als Vertreter der freien Berufe werden zunehmend beschnitten. Schuld daran sind auch die Mediziner selbst

Ärzte gehören zur Gruppe der freien Berufe. Deren Angehörige erbringen ihre Leistungen persönlich, eigenverantwortlich und fachlich unabhängig im Interesse ihrer Auftraggeber. Doch das stimmt zunehmend weniger. Einerseits sind Ärzte mit Kassenordinationen schon jetzt Erfüllungsgehilfen der Krankenkassen, und von der Pharmaindustrie gesponserte Studien haben zur Etablierung verbindlicher Diagnose- und Therapierichtlinien geführt, die ein eigenverantwortliches Handeln des Arztes zwar nicht verbieten, aber aus rechtlicher Sicht gefährlich machen.

Andererseits gehen die Bestrebungen der EU dahin, medizinische Leistungen als Dienstleistungen im freien Binnenmarkt zu deregulieren. Hinzu kommt die organisatorische und politische Entmachtung der Ärzte durch die kürzlich beschlossene Gesundheitsreform, deren Text der Gesundheitsminister als "gesundes Arbeitspapier" bezeichnet. Die Entstehung dieser Reform ist ein beispielloser Schulterschluss von Bund, Ländern und Krankenkassen gegen die Ärzteschaft, die vor und nach der Ärztekammerwahl hauptsächlich mit sich selbst beschäftigt war.

Gleichschaltung und Überwachung

Das heraufdräuende Szenario dieser "Reform" erinnert an George Orwells "1984" oder Benjamin Steins "Replay". Im Falle des Gesundheitswesens ist das Überwachungssystem nicht der "Große Bruder" oder der "freiwillig" implantierte UniCom-Chip, sondern die Elektronische Gesundheitstakte. Teil der Strategie ist nämlich die hinter dem Killerargument der Kostenreduktion und Qualitätssteigerung verborgene Gleichschaltung und Überwachung der ärztlichen Heilkunst.

"Unrentable" Ordinationen sollen im Falle der Nachbesetzung keine Kassenverträge mehr bekommen, und Ärzten, die sich zu intensiv mit ihren Patienten befassen und solcherart die Zielvorgaben nicht einhalten, könnten künftig die Kassenverträge entzogen werden. Frustrierten, weil als Massenware abgefertigten Patienten wird die "Fluchtmöglichkeit" hin zu Spitalsambulanzen oder Wahlärzten verbaut. Spitalsambulanzen seien zu teuer, heißt es, und den Wahlärzten wird mittels beinahe unerfüllbarer Auflagen durch Hygieneverordnung und Medizinproduktegesetz die Führung einer Ordination finanziell und organisatorisch massiv erschwert.

Der Einfluss der Medizinkonzerne

Was in Österreich droht, ist anderswo bereits teilweise realisiert. Sowohl die Produktionsstätten (Kliniken, Ambulatorien und Ordinationen) als auch die Arbeitskräfte (Ärzte) stehen zunehmend unter dem Einfluss von Medizinkonzernen. In Amerika gibt es Firmen, die für Ärzte als Franchisegeber fungieren, und in Deutschland kaufen Medizintechnikfirmen Kliniken und Praxen auf.

Für manche Mediziner klingt dieses Szenario vielleicht sogar verlockend: Man bietet die Leistungen der "Dermatology Inc."-Speisekarte an, verwendet die "Fresenius"-Ingredienzien und muss sich als "McDoctor" keine Gedanken mehr machen. Der Irrtum wäre fatal, denn die Verantwortung bleibt beim Mediziner. Und so haftet er für allenfalls verschuldete Kunst(!)fehler auch weiterhin. Denn die Gewinne werden industrialisiert, das Risiko bleibt individualisiert.

Diese auch für Patienten gefährliche Entwicklung kann, wenn überhaupt, nur durch eine starke, geeinte Ärztekammer und die Solidarität der Bevölkerung, die wir Ärzte wiedergewinnen müssen, verhindert werden. (Andreas Schindl, derStandard.at, 6.2.2013)

Andreas Schindl (geboren 1968) hat Medizin in Wien und Photobiologie in Italien studiert. Er ist derzeit niedergelassener Hautarzt in Wien und im Referat für Kammerreform der Wiener Ärztekammer tätig.

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