Venedig, völlig ungeschminkt

3. Februar 2013, 14:54
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Der Maskenbauer Mario Belloni hat gerade viel zu tun: manchmal mit bekannten, immer mit verhüllten Gesichtern

Tom Cruise hat eine gekauft. Und eine zweite zum Wechseln. Obwohl er gerade nicht von feindlichen Agenten gejagt wurde und womöglich Tarnung gebraucht hätte. Es surrte weit und breit keine Filmkamera, kein Scheinwerfer strahlte, niemand rief "Klappe" und keiner "Action". Der Mann aus Hollywood war ganz privat in Venedig und wollte einfach nur ein paar Masken haben. Nicht irgendeine aus der Wühlkiste mit winzig kleinem " Made in China"-Schriftzug auf der Rückseite, auch keine von den Billigdingern aus Albanien, die den Markt gerade überschwemmen, sondern eine handgemachte. Eine von Mario Belloni, der schon für Stanley Kubrick gearbeitet hatte.

Und so ging er über ein Dutzend Brücken, bog dreimal falsch ab, verlief sich, fand zurück, versuchte es erneut und schlüpfte schließlich durch die schmale Tür ins kleine Geschäft im Dorsoduro-Viertel, wählte aus, zahlte mit Kreditkarte und verschwand wieder im Gewühl der Gassen. Vor allem aber freute er sich so über die Shopping-Ausbeute, dass er Signore Belloni noch schnell ein Autogramm daließ. Es hängt heute gerahmt im Schaufenster. Dabei hatte Venedigs Maskenmann gar nicht gewusst, mit wem er es zu tun hatte, bis die Kreditkarte ins Spiel kam ...

Mario, der Schichtarbeiter

Mario Belloni lacht heute darüber, wenn er die Anekdote erzählt und zugleich kaum aufschaut. Mit Tempo klebt, knickt und walzt er Wollfilzpapier, legt es Schicht über Schicht auf einen Rohling, bis daraus eine dieser schmalen Masken geworden ist, die man vor Augen und Nase befestigt. Solche, die fast nie das ganze Gesicht bedecken.

Sie sind der Inbegriff des stillen Karnevals von Venedig, wo es nicht ums Tanzen und Singen, um Umzugswagen und Zuckerlregen geht, sondern eher ums Künstlerische, ums Sinnliche, ums Verkleiden, ohne sich in eine konkrete greifbare Rolle zu begeben. Es geht um die Ästhetik des Augenblicks. Und wie immer in dieser dem Untergang geweihten Stadt mit ihren wiederkehrenden Überflutungen und den Palazzi auf maroden Stelzen im Wasser der Lagune an der nördlichen Adria auch um Melancholie, um Schwermut.

Wer in Venedig den Karneval mitfeiert, einen Tag lang mit glitzerndem Umhang und Rüschenhemd und vor allem der Maske über die Rialto-Brücke, den Markusplatz und vorbei am Dogenpalast Richtung Canal Grande flaniert, der geht nicht als Pirat oder Cowboy oder Clown, sondern als Phantom; als flüchtiger Moment, als Gruß aus einer anderen Zeit, der alle Einordnung dem Betrachter überlässt.

Ideen aus den Achtzigern

"Unsere Masken", sagt Mario Belloni, "befeuern die Fantasie. Sie lassen beiden Raum für ihre Gedanken: dem Betrachter und jenem, der sie trägt." Und dann sagt er das: "Dabei ist unser Karneval heute eigentlich eine Erfindung. Eine schöne Idee aus der Gegenwart." Und tatsächlich ist erst zu Beginn der 1980er-Jahre eine Tradition gezielt wiederbelebt und auf die Faschingstage zugespitzt worden, um eine Touristenattraktion für die auslastungsschwache Zeit zu schaffen, ehe der Frühling beginnt und die Urlauber sich wieder für die Stadt mit dem Markuslöwen im Wappen zu interessieren begannen. Die kühne Idee wurde schnell zum Riesenerfolg - auch zum Vorteil von Leuten wie Mario Belloni, die in traditioneller überlieferter Technik Masken mit Hakennase, spitzem Mund und geschwungenen Augenbrauen erschaffen und an Bemalerinnen weiterreichen, die daraus mit feinem Pinsel kleine Kunstwerke vollenden - jedes ein Unikat.

Aus der Luft gegriffen ist die Idee mit Fasching und Masken gleichwohl nicht. In Venedig war es gerade im 17. und 18. Jahrhundert Sitte, sich während der Zeit von Oktober bis in den Frühling hinein zu maskieren - erst beim Theaterbesuch, später auch auf den Straßen. Bei den Besuchen des Spielcasinos war es sogar Vorschrift, das Gesicht zu verbergen und so wenigstens einen Hauch von Zweifel über die eigene Identität zu legen.

Dabei befestigte man die Masken, indem sie unter die Vorderkante des Hutes geschoben wurden. Fremde erkannte man daran, dass sie im Reflex zum Gruß den Hut anhoben - woraufhin ihre Maske prompt herunterfiel. Einheimische nickten zum Gruß nur leicht mit dem Kopf, um hinter ihrem Sichtschutz verborgen zu bleiben.

Der Zauber endete jäh mit der Herrschaft der Habsburger über Venetien. Sie verboten jedwede Maskerade, und der Brauch geriet bis zur Wiedererweckung vor kaum mehr als einer Generation in Vergessenheit. Was einst fast ein halbes Jahr lang praktiziert wurde und nicht unmittelbar etwas mit den Faschingstagen zu tun hatte, kulminiert nun stets vor Aschermittwoch.

Allenthalben gehen Menschen mit Masken durch die Stadt, drehen sich Phantome auf den Brücken über die zahllosen Kanäle vor den Augen der zufälligen Betrachter. Und sie zeigen sich den Fotoapparaten - schließlich könnte einer davon Tom Cruise gehören. Oder einem Phantom. Es ist ein flüchtiger Moment, einer voller Zauber.

Harlekin nach Dienstschluss

Ob der Maskenbauer eine Lieblingsmaske hat? Belloni lacht. "Den Harlekin mit Hakennase." Wann er sie trägt? "Nur nach Dienstschluss", sagt er und lacht wieder. "Nie in der Werkstatt. Und nicht an den Faschingstagen." Bei seiner Arbeit lässt er sich über die Schulter schauen, zeigt Fremden als einer der Letzten, wie sie nach alter Tradition selbst Masken bauen und bemalen können. Sogar Kurse bietet er inzwischen an.

Und hat der Maskenmann einen Traum, ein Ziel für die Zukunft? Jetzt überlegt er kurz, schaut auf, fährt sich mit der rechten Hand durch den Kinnbart. "Umziehen, die Wohnung verlegen". Sagt er. Vom lauteren Castello-Viertel in das stillere, verwinkelte Dorsoduro-Viertel, wo auch Geschäft und Werkstatt sind. "Und in Venedig wohnen bleiben natürlich. Für immer."

Besuch aus Hollywood war übrigens neulich wieder da: Diesmal kam Leonardo di Caprio. Weil er die Unterschrift von Tom Cruise im Schaufenster gesehen hat. Was dieser mitgenommen habe, wollte er wissen. Und kaufte sogleich ebenfalls beim Maskenbauer ein. Er ließ einen unterschriebenen Zettel da, der nun auch aushängt - als Werbung, falls mal wieder einer aus Hollywood kommt. (Helge Sobik, DER STANDARD, Album, 2.2.2013)

  • Masken
 wie dieses aufwändig colorierte Modell erzielen trotz großer Konkurrenz
 aus dem Ausland noch vierstellige Erträge. Einfache Handarbeit ist 
selbst in und aus Venedig bereits ab 35 Euro zu haben.

    Masken wie dieses aufwändig colorierte Modell erzielen trotz großer Konkurrenz aus dem Ausland noch vierstellige Erträge. Einfache Handarbeit ist selbst in und aus Venedig bereits ab 35 Euro zu haben.

  • Kurse im Maskenbau mit Mario Belloni bei Ca' Macana, Dorsoduro 3172, www.camacana.com.
Weitere Infos: Italienische Zentrale für Tourismus Enit

    Kurse im Maskenbau mit Mario Belloni bei Ca' Macana, Dorsoduro 3172, www.camacana.com.

    Weitere Infos: Italienische Zentrale für Tourismus Enit

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