Schladming rutscht ins Minus

30. Jänner 2013, 18:48
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Die Steirer haben sich für die Ski-WM fein herausgeputzt. Sorgen macht Gemeinderat Hans-Moritz Pott aber das Danach. Die Gemeinde hat sich schwer verschuldet und fast alle Geldreserven aufgelöst. Öffentliche Gelder wird es in Zukunft kaum geben

Schladming - Den Schladmingern wird es in den nächsten Wochen wirklich nicht einfach gemacht, sich nicht im Mittelpunkt der (Ski-)Welt zu wähnen. Bald werden ins Zielstadion der Planai täglich fast 30.000 Fans strömen. Viele von ihnen ziehen abends weiter zur Showbühne am Hauptplatz, wo Medaillenzeremonien und Konzerte stattfinden. Im Zelt in der Gösser-Fan-Area finden 2300 Besucher Platz, auch das Steiermark-Dorf und der WM-Pavillon sind bereit. Und geladene Gäste finden in den exklusiven Locations Gösser-Alm, Tirol Berg, Österreich-Haus oder Pichlmayralm Unterschlupf.

Fein herausgeputzt hat sich der WM-Ort rechtzeitig zur Eröffnungsfeier am kommenden Montag. Der Schladminger Hans-Moritz Pott will aber die Fassade hinter dem neuen Anstrich kennen. Und die sieht er in den nächsten Jahren bröckeln. "Die Zukunft sieht düster aus", sagt Pott dem STANDARD. "Die Geldreserven der Gemeinde wurden wegen der WM fast zur Gänze aufgelöst, der Finanzspielraum hat sich eklatant verschlechtert. Öffentliche Förderungen für Projekte wird es in Zukunft kaum mehr geben."

Pott ist Anwalt, er leitet im Zentrum eine Kanzlei. Und Pott sitzt als Spitzenkandidat der Bürgerliste Schladming (BLS) im Gemeinderat. Ab 1995 diente er für zwei Perioden als Finanzreferent. Auch Pott hatte sich anfangs unter Bürgermeister Jürgen Winter (ÖVP) dafür eingesetzt, dass sich Schladming um die WM bewirbt - und dafür Geld in die Hand nimmt. "Aber es wurden viele Chancen nicht genutzt", sagt Pott. "Der Charakter der Stadt hat sich zum Negativen verändert."

Investitionen von 400 Millionen Euro

Dabei hat sich Schladming unter anderem mit neuem Bahnhof, Sportzentrum und Umfahrungsstraßen inklusive Lärmschutzwänden ein Facelifting verpasst. 400 Millionen Euro wurden investiert, der Großteil kam aus der öffentlichen Hand.

Spurlos sind die Investitionen aber auch am Gemeindebudget nicht vorübergegangen. Der Darlehensstand, berichtet also Bürgermeister Winter in den Schladminger "Stadtnachrichten", wird Ende 2013 fast 13,8 Millionen Euro betragen. Der Verschuldungsgrad ist von 7,85 Prozent im Jahr 2006 auf 13,83 Prozent geklettert. Ein Darlehen von sechs Millionen Euro soll aber noch vom Land Steiermark, das selbst mit den Finanzen kämpft und hunderte Millionen Euro einsparen muss, getilgt werden.

Auch bei den Gästebetten wurde aufgerüstet. Alleine 1200 Betten kamen 2011 dazu. Insgesamt gibt es 4300, fast genauso viele wie Einwohner. Gesetzt wird mehr auf Masse denn auf Klasse, nur ein einziges Hotel befindet sich in der Vier-Sterne-Kategorie, das Hotel Falkensteiner wurde für die WM neu errichtet. Das "Hotel Planai", dem ein Landhaus und ein Autohaus weichen mussten, ist ein Drei-Stern-Betrieb der schwedischen Hotelgruppe NR und für skandinavische Gäste reserviert. Die wird es freuen, dass der Après-Ski-Tempel Hohenhaus Tenne gegenüber zu finden ist. "Die Familienbetriebe in derselben Kategorie werden durch diese Billigschiene ausgehöhlt", sagt Pott. Hermann Gruber, Tourismuschef der Region Schladming-Dachstein, erwartet in den nächsten Jahren indes ein jährliches Nächtigungsplus von mindestens fünf Prozent. "Wir hoffen, dass auch die Wertschöpfung stimmt. Nächtigungen sind nicht alles."

Schwierig wird die Erhaltung des 16,2 Millionen Euro teuren "Congress Schladming", der während der WM als Presse- und später als Eventzentrum dient. Kongresse in die Obersteiermark zu holen, wird mangels Luxushotels und Schnellstraße eine Aufgabe. "Und die Schladminger Vereine können sich die Mieten im neuen Haus nicht leisten", sagt Pott. "Die muss man mit öffentlichen Mitteln wieder fördern." Eine Alternative gibt es nicht, der alte Stadtsaal wird zum Jugend- und Familiengästehaus umfunktioniert. Die Dorfjugend wird bei Quadratmeterpreisen bis zu 4000 Euro nicht unbedingt zum Bleiben angeregt. "Ein Einheimischer kann sich das Leben in Schladming bald nicht mehr leisten", sagt Pott. (David Krutzler, DER STANDARD 31.1.2013)

  • Schladmings Gemeinderat Hans-Moritz Pott kritisiert vergebene Chancen.
    foto:privat

    Schladmings Gemeinderat Hans-Moritz Pott kritisiert vergebene Chancen.

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