Dichten mit der Kraft des Rock 'n' Roll

30. Jänner 2013, 17:23
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Flankiert von einem wunderbaren Materialbuch bei Jung & Jung, illustriert das Wiener Theatermuseum das Werden des Bühnenautors Peter Handke (70). Besonders suggestiv erzählt die Schau "Die Arbeit des Zuschauers" über Starwerdung und Frisurentwicklung

Wien - Um ein Haar wäre er Jurist geworden, erzählt Peter Handke in einem Interview. Hätte ihn Siegfried Unseld nicht an das Verlagshaus Suhrkamp gebunden, er wäre womöglich zugrunde gegangen. Handkes Videoauftritt gehört zu den bequemer datierbaren Zeugnissen, die der Ausstellung Die Arbeit des Zuschauers: Peter Handke und das Theater im Wiener Theatermuseum ihre hohe Aussagekraft verleihen.

Es sind die Stationen von Handkes Haarpracht, die man auf Videofilmen und Schautafeln zuerst am gebanntesten verfolgt. Mit Handkes Auftritt vor der Gruppe 47 in Princeton ("Beschreibungsimpotenz!") lässt sich präzise der Stand der popkulturellen Dinge anno 1966 angeben. Eine zurückgenommene Schüchternheit versteckt sich hinter dicken Tönungsgläsern. Erst allmählich weicht der angedeutete Pilzkopf der " Matte".

Der Pop-Dichter aus Kärnten ist dabei, die Felder seiner schriftstellerischen Betätigung umzuwidmen. Dem "Realismus" als Herangehensweise gehört sein ganzer Widerwille. Handke misstraut der Illusionshörigkeit der Bühnenkünste. Das Theater, so Handke, würde immer nur eine "falsche Wirklichkeit" herstellen.

In Publikumsbeschimpfung verneint Handke das falsche Talmi. Vier Herren ohne Kostümierung schimpfen in den Zuschauerraum hinunter. Ihre Litaneien nehmen sich wie Formulartexte aus. Handke will - wie in Kaspar (1967) - die Theaterbesucher hellhörig machen für die Bewussstseinsdressur, die ihnen durch Sätze, die wie Befehle wirken, widerfährt.

Der Ursprung des Stilisten Handke geht auf das Rhythm-and-Blues-Geschrubbe der britischen Beat-Bands zurück: Seinen frühen Sprechstücken eignet die überrumpelnde Gewalt von Rock 'n' Roll. Im rechten Flügel der von Katharina Pektor im Verein mit Klaus Kastberger kuratierten, von Peter Karlhuber wunderbar gestalteten Schau gibt es das Pop- oder Stanley-Kubrick-Zimmer zu bestaunen.

Der Dichter als Zellengast

Umgedrehte Bühnenstellwände markieren dort die Zerstörung der Illusionsapparate. Handke selbst brabbelt schüchtern in der akustischen Glocke einer Fotoautomatenzelle. Bereits im Innenhof des Theatermuseums klebt eine Tapetenwand mit Pop-Art-Muster: Betrachter, die sich am Military-Look nicht stoßen, können wie auf einem Suchbild nach dem Vorhandensein von Handke-Pilzköpfen fahnden. Dann ist aber Schluss mit lustig. Mit dem Dünnerwerden von Handkes Haar nimmt das Werk des Solitärs eine beispiellose Wendung.

Mit Einsetzen der 1980er-Jahre setzt Handke plötzlich auf die Dauer, auf die stärkere Haltbarkeit seines Erzählens. Die Verzeichnung der Dingwelt gehört ab nun ebenso zum Kerngeschäft wie die Erkundung der eigenen Herkunftsgegend. Handkes Theatergedicht Über die Dörfer (1982) gerät in der Salzburger Uraufführungsregie von Wim Wenders zum Flop. Handkes Theater verwandelt sich in eine epische Unternehmung. Zusammenhänge stiftet ein Dichten, das sich um eine "Wahrheit" bekümmert, die stärker ausstrahlt als das tägliche Weltgeschehen.

Handke hofft, ab nun auch auf der Bühne das rechte "Zeitmaß" zu treffen. Im linken Saal der Ausstellung hängen Polaroids, verblasste Zeugnisse ruheloser Wanderungen. Im wirklichen Leben übernimmt Claus Peymann das Uraufführungsgeschäft. Stücke wie Das Spiel vom Fragen (1989) sind Vehikel zur Entschleunigung. Es naht das Zeitalter von Handkes Einlassungen zur Kriegskatastrophe auf dem Balkan.

Des Dichters Zorn richtet sich gegen alle Verlautbarungen, hinter denen er das uneingestandene Wirken von Ideologien vermutet. Handke wird streitbarer, auch dickköpfiger. Den Juristen hat er erfolgreich aus sich ausgetrieben.

Der Dramatiker bleibt ein irrlichternder Verwandter von Ferdinand Raimund: Er träumt von serbischen Einbäumen, in denen die Menschen nebeneinander Platz nehmen, um einträchtig in Friedensgewässer zu steuern. Im Wiener Theatermuseum wird eines heute 70-jährigen Unruhestifters gedacht. Man beschwört für ihn eine Welt herauf, in der Äpfel an Drähten von der Decke hängen. Die Haare raufen sich heute die anderen.   (Ronald Pohl, DER STANDARD, 31.1.2013)

Bis 8. Juli

  • Ikonische Schauwerte: Der junge, ebenso zornige wie analytisch begabte Peter Handke als Automatenfotoobjekt in den 1960ern.
    foto: literaturarchiv der önb, leihgabe widrich

    Ikonische Schauwerte: Der junge, ebenso zornige wie analytisch begabte Peter Handke als Automatenfotoobjekt in den 1960ern.

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