Mehrsprachig im Häfn

31. Jänner 2013, 10:17
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In Gefängnissen werden viele Sprachen gesprochen, doch Dolmetschdienste fehlen. Mitinsassen müssen beim Übersetzen helfen

Jeder zweite männliche Österreicher wird statistisch betrachtet mindestens einmal im Leben strafrechtlich auffällig - und handelt es sich um wenig gebildete, in armen Verhältnissen lebende Männer, ist die Wahrscheinlichkeit noch höher, mit dem Strafgesetz in Konflikt zu geraten. Eine gute Verteidigung hilft da, wenn es darum geht, die Beschuldigtenrechte im Strafverfahren zu wahren.

Ebenfalls vonnutzen ist das Beherrschen der deutschen Sprache: Die Justiz ist der Tatsache, dass Österreich ein mehrsprachiges Land ist, noch nicht gewachsen. Zwar werden im Gericht Dolmetscherinnen beigezogen, wenn das notwendig ist - doch ein Dolmetschstudium ist für dafür nicht zwingend erforderlich. Im Vorverfahren sind die Lücken noch größer: Übersetzungshilfen fürs Gespräch mit dem oder der VerteidigerIn werden nicht finanziell unterstützt - es sei denn, man erhält Verfahrenshilfe.

Dass Menschen im Rechtssystem benachteiligt werden, weil sie nicht Deutsch sprechen, wurde in den letzten Jahren immer wieder Anlass für Kritik. Nur wenig Beachtung fand jedoch der Bereich des Strafvollzugs: Österreichs Gefängnisse sind Orte der Mehrsprachigkeit. Da im Strafvollzug auf diesen Umstand aber zu wenig Rücksicht genommen wird, gehören Sprachbarrieren zum Alltag.

Mitinsassen springen ein

Derzeit zähle man bis zu 110 Nationalitäten in Österreichs Gefängnissen, sagt Peter Prechtl, Leiter der Vollzugsdirektion. Zwar bedeutet das nicht, dass es Verständigungsschwierigkeiten geben muss - die Staatsbürgerschaft sagt noch wenig über die Sprachkompetenzen aus. Viele NichtösterreicherInnen leben seit Jahren im Land und sprechen fließend Deutsch, andere wiederum können sich mit dem Gefängnispersonal problemlos auf Englisch verständigen.

Wer jedoch weder Deutsch noch Englisch spricht, hat es schwer: Er oder sie ist auf andere Gefangene angewiesen, die als Spontandolmetscher aushelfen oder beim Ausfüllen von Formularen behilflich sind. Denn bei der Ausbildung der Justizwache wird zwar Englisch gelehrt, doch andere Sprachen haben keine Bedeutung. Mehrsprachigkeit ist bei der Einstellung von BeamtInnen kein Vorzugskriterium.

Zwar werden in manchen Vollzugsanstalten Deutschkurse für Gefangene angeboten, Weiterbildungsangebote für die Justizwache in häufig auftretenden Sprachen wie Russisch oder Bosnisch/Kroatisch/Serbisch gibt es aber nicht. "Wenn sich jemand dafür interessiert, unterstützen wird das", sagt Vollzugsdirektor Prechtl - alles hängt also von der Eigeninitiative der JustizwachebeamtInnen ab.

Kommunikationsschwierigkeiten im Strafvollzug können dazu führen, dass die Gefangenen ihre Rechte nicht wahrnehmen können. Das führt schon einmal dazu, dass ein lang erwarteter Besuch nicht empfangen wird, weil der Insasse das Wort "Besuch" in der konkreten Situation nicht richtig einordnen kann. 

Hausordnung wurde übersetzt

In manchen Bereichen hat die Justiz aufgeholt: So liege beispielsweise die Hausordnung der Gefängnisse in 18 Sprachen auf, sagt Prechtl. Auch das Suizid-Screening, ein Fragebogen zum Austesten des Selbstmordrisikos aller Gefangenen, gibt es laut Prechtl in mehreren Sprachversionen.

Für Amtshandlungen und Einvernahmen seien zudem beeidete Dolmetscher vorgesehen, sagt Prechtl. Das sind jedoch Ausnahmesituationen im Gefängnisalltag. Im laufenden Betrieb hingegen sind die Gefangenen auf sich selbst gestellt. "Da helfen die Mitinsassen aus", sagt Prechtl.

Dass das keine optimale Lösung ist, liegt auf der Hand: Einerseits sind nicht alle, die zwei Sprachen einigermaßen verstehen können, auch in der Lage, angemessen zu übersetzen. Andererseits gibt es sensible Situationen - etwa beim Arzt oder der Psychologin -, in denen das Dolmetschen durch MitinsassInnen zu einem gravierenden Eingriff in die Privatsphäre wird. Dazu kommt, dass in manchen Anstalten vieles schriftlich kommuniziert werden muss: Für den Antrag auf ein Telefonat muss dann ein Formular ausgefüllt werden, das in strengem Amtsdeutsch abgefasst ist.

"Dass es Probleme gibt, muss man schon sagen", meint Prechtl, "aber irgendwie kommt man immer zusammen."

Strukturell gebe es Aufholdbedarf. Doch die Strafvollzugsanstalten seien sich des Veränderungsbedarfs bewusst, meint Afrikawissenschaftlerin Gabriele Slezak, die zum Thema Sprache im Strafvollzug wissenschaftlich forscht. Wichtigstes Ziel wäre laut Slezak, mehr Sensibilität für Mehrsprachigkeit zu schaffen: Allein damit und mit der Bereitschaft aller Beteiligten, voneinander ein paar Wörter in den jeweils anderen Sprachen zu lernen, wäre schon viel erreicht. (Maria Sterkl, derStandard.at, 31.1.2013)

  • Wer weder Deutsch noch Englisch spricht, hat es im Gefängnis schwer, zu seinen oder ihren Rechten zu kommen
    foto: dpa/oliver berg

    Wer weder Deutsch noch Englisch spricht, hat es im Gefängnis schwer, zu seinen oder ihren Rechten zu kommen

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