Propublica-Reporter: Aufdecker-Journalismus ist eine bedrohte Art

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  • T. Christian Miller ist seit 2008 bei Propublica aktiv. Mittwoch und Donnerstag spricht der preisgekrönte Reporter  in Wien über investigativen Journalismus.
    foto: christian t. miller

    T. Christian Miller ist seit 2008 bei Propublica aktiv. Mittwoch und Donnerstag spricht der preisgekrönte Reporter in Wien über investigativen Journalismus.

T. Christian Miller über die stiftungsfinanzierte Aufdeckerplattform Propublica, Daten-Apps zur Leserbindung und den eigenwilligen Typus des investigativen Journalisten

T. Christian Miller arbeitet als Senior Reporter für die 2007 gegründete Journalismus-Plattform Propublica. Die spendenfinanzierte Redaktion hat auf ihrer Suche nach neuen Arbeits- und Präsentationsformen für investigativen Journalismus bereits zweimal den Pulitzerpreis gewonnen. Im Skype-Interview sprach Miller mit derStandard.at über wegbrechende Ökosysteme, Wettbewerb in der Branche und das meistgenutzte Werkzeug der prominenten Website.

derStandard.at: Was unterscheidet Propublica von traditionellen Medienunternehmen?

Miller: Erstens ist Propublica eine von wenigen Non-Profit-Organisationen, die investigative Nachrichten publizieren. Wir werden allein durch Spenden unterstützt - das ist im krisengeschüttelten Journalismus ein neues Modell. Zweitens ist es für einen Propublica-Reporter nicht ungewöhnlich, über mehrere Monate an einer Geschichte zu arbeiten. Der dritte große Unterschied ist, dass wir zusammenarbeiten. Normalerweise sind Nachrichtenorganisationen sehr wettbewerbsorientiert. Bei Propublica versuchen wir, so viele Leute wie möglich auf eine Geschichte anzusetzen. Wir arbeiten gleichzeitig mit mehreren Zeitungen oder einer Kombination aus Zeitung, TV- und Radiostation.

derStandard.at: Propublica-Reportagen wurden bereits zweimal mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet. Ist es schwierig, bei so viel Qualitätsanspruch den Hunger einer Website zu stillen?

Miller: Das ist ein wirklich schwieriger Balanceakt. Sobald eine Reportage fertig ist, verbreiten einerseits unsere Partner die Geschichte, andererseits kann man auf unserer Website die vollständige Version inklusive etwaiger Daten-Apps und -Visualisierungen nachlesen. Um auch zwischen den Veröffentlichungen Leser auf unsere Website zu bringen, versuchen wir mit unseren Kernreportern aktuelle investigative Geschichten anderer zu betreuen oder in Form kurzer Postings Hintergründe zu erklären. Außerdem nutzen wir unsere Website zur Leserbindung.

derStandard.at: Verstärkt der regelmäßige Einsatz von Daten-Apps den Kontakt zum Publikum?

Miller: Die Daten-Apps sind die am stärksten genutzten Elemente auf unserer Website. Wir sehen darin einen Schlüssel für investigativen Journalismus der Zukunft. Um ein Beispiel zu nennen: Die Pharma-Reportage "Dollars for Docs" über Ärzte, die Geld bekommen, um bestimmte Medikamente zu verschreiben, war an sich eine einmalige Geschichte. Aber die Leser kommen immer wieder auf unsere Seite zurück, um über die App ihre eigenen Ärzte zu überprüfen. Zudem können sich andere Nachrichtenorganisationen Informationen aus den Apps holen, um diese für lokale Geschichten zu nutzen. Der Einsatz dieses Instruments hängt natürlich von der Geschichte ab: Eine Untersuchung der Bombenanschläge in Mumbai braucht keine Daten-Applikation.

derStandard.at: Sie kommen aus dem traditionellen Zeitungsgeschäft. Sehen Sie dort eine Zukunft für die Finanzierung von investigativem Journalismus?

Miller: So viel kann ich sagen: Das Propublica-Modell wird investigativen Journalismus in Zeitung und Fernsehen nicht ersetzen können. Dafür ist nicht genug Spendengeld im Umlauf. Unsere Redaktion beschäftigt 30 Journalisten. Damit könnten wir nicht einmal einen kleinen Teil der "New York Times" oder der "Washington Post" füllen. Die Bandbreite wird weiter zurückgehen, nicht mehr alle Zeitungen werden investigativen Journalismus anbieten. Man darf als Journalist und Bürger nicht die Hoffnung auf ein Geschäftsmodell verlieren, das traditionellen Journalismus mit neuen Formen vermählt. Derzeit sieht man jedenfalls einen Rückgang.

derStandard.at: Wer kann diese Lücke füllen?

Miller: Die interessantesten Versuche findet man derzeit im Bürgerjournalismus, der sich vermehrt die Kraft der vielen zunutze macht, wie bei der Analyse von Guttenbergs Doktorarbeit. Auch wir haben damit Versuche angestellt, aber wenn es darum geht, dem Pfad des Geldes zu folgen, braucht es individuelle investigative Recherche. Einen Ersatz für traditionelle Modelle habe ich diesbezüglich noch nicht gesehen. In der Zukunft werden wir wahrscheinlich Geschichten von Organisationen wie Propublica lesen, manche Geschichten werden aus dem Bürgerjournalismus kommen, manche von individuellen Bloggern und manche von traditionellen Journalisten. Daraus gilt es ein stabiles Fundament für Nachrichtenreportagen zu bauen.

derStandard.at: Wie kommen Sie zu Ihren Themen?

Miller: Ich unterscheide zwei Arten. Manchmal gibt es nur zwei bis drei Leute, die wissen, was in einem Raum passiert ist. Genau da braucht es einen investigativen Journalisten, der Zugang zu diesen Leuten hat und die Quellen entwickelt. Die zweite Art ist öffentlich: Jeder kann das Problem sehen, aber keiner setzt das Puzzle zusammen.

derStandard.at: Sind investigative Journalisten eigentlich von Natur aus eigenbrötlerisch oder gibt es ein weltweites Netzwerk, in dem man sich gegenseitig unterstützt?

Miller: Ich glaube, dass es in der Vergangenheit keine zugeknöpfteren Journalisten gegeben hat als die investigativen Reporter. Sie haben alleine gearbeitet, mussten ihre Quellen erschließen und schützen und gingen sehr vorsichtig und eifersüchtig mit Informationen um. Auch heute gibt es noch viel Geheimhaltung in diesem Geschäft. Propublica hingegen versucht Informationen zu teilen. Natürlich besteht immer das Risiko, dass man ein geheimes Dokument einer Zeitung zeigt und diese die Geschichte dann auf eigene Faust schreibt. Das ist aber bisher aufgrund eines ungeschriebenen Ehrenkodex noch nicht passiert.

derStandard.at: Wäre es eine Option, dass mehrere Zeitungen gemeinsam investigative Recherchen finanzieren?

Miller: Ich erinnere mich, dass sich bei der US-Präsidentschaftswahl 2000 mehrere Zeitungen zusammengetan haben, um die umstrittene Auszählung in Florida eigenständig zu untersuchen. Das war eine höchst ungewöhnliche und seltene Situation. Es ist auch schon passiert, dass sich zwei private Medienhäuser wie ABC News und die "New York Times" die Recherchekosten geteilt haben. Manchmal finanzieren vier oder fünf Medien gemeinsame eine Umfrage, deren Ergebnisse sie miteinander teilen. Propublica kann sicher die Richtung weisen, aber ich glaube, dass dieses Modell am besten crossmedial funktioniert, weil dabei niemand im Reichweitenrevier des anderen wildert.

derStandard.at: Worüber werden Sie in Wien sprechen?

Miller: Ich werde über Propublica und das dahinterstehende Geschäftsmodell sprechen und über investigativen Journalismus als bedrohte Art. Das geeignete Ökosystem verschwindet, aber wie kann man es ersetzen? Wir wissen nicht, ob wir einen neuen Dschungel oder ein neues Meer bauen sollen, damit dieses Tier wieder leben kann. Entweder versuchen wir diese Spezies wieder gesund zu bekommen, oder wir werden für immer etwas sehr Wichtiges verlieren. (Tatjana Rauth, derStandard.at, 30.1.2013)

T. Christian Miller ist seit 2008 Senior Reporter bei Propublica. Zuvor war er elf Jahre bei der "Los Angeles Times". Außerdem arbeitete er für den "San Francisco Chronicle" und die "St. Petersburg Times".

Veranstaltungshinweis
"An Endangered Species: Investigative Journalism under Threat": Anita Zielina, stellvertretende Chefredakteurin von DER STANDARD und derStandard.at, diskutiert mit T. Christian Miller über internationale Herausforderungen, Trends und Finanzierungsmodelle für investigativen Journalismus. Mittwoch, 18 Uhr, Presseclub Concordia, Bankgasse 8, 1010 Wien. Am Donnerstag, 31. Jänner, hält Miller ein Seminar über investigativen Journalismus, ebenfalls veranstaltet vom fjum_forum journalismus und medien wien.

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