Popularität von Facebook-Flirtseiten wächst an Schulen

30. Jänner 2013, 09:52
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"Spotted" hilft jungen Leuten, ihre Schüchternheit zu überwinden - wird aber auch für Stalking und Mobbing missbraucht

Wien - Haben Sie auch schon erlebt, dass eine attraktive Person an Ihnen vorbeigegangen ist, die Sie gerne kennenlernen würden, doch im letzten Moment verlieren Sie den Mut, diese Person anzusprechen? Ein neuer Trend soll nun jedem eine zweite Chance nach einem verpassten Flirt geben: "Spotted" verbreitet sich im sozialen Netzwerk Facebook wie ein Lauffeuer.

Das Prinzip ist simpel: Sobald eine Person eine begehrenswerte Person sieht, verfasst der Suchende eine Nachricht inklusive Personenbeschreibung auf der dementsprechenden Spotted-Seite. Dort wird die Anfrage von den Betreibern der Seite anonym gepostet. Infolgedessen kann sich derjenige, der sich angesprochen fühlt, in den Kommentaren bemerkbar machen oder eine Nachricht an den Administrator verfassen, der wiederum die Nachricht weiterleitet.

Hier eine beispielhafte Kostprobe, gefunden auf der Seite "Spotted: Vienna": "DREAMGIRL GESICHTET!!!! Du bist blond und hast bezaubernde blaue Augen, du hast einen dunkelroten Schal und eine schwarze Moncler-Jacke (nicht glänzend) getragen. Ich hab dich richtig angestarrt, und erst als du vorbeigegangen warst, merkte ich, dass meine Zunge die ganze Zeit heraushing ;) (...) Ich würde dich echt gern näher kennenlernen und alles erforschen, was hinter deiner schönen Fassade liegt.?"

Nach nur einem Monat zählt die "Spotted: Vienna"-Seite 5200 Likes auf Facebook. Am beliebtesten scheint der Facebook-Flirt unter Studenten zu sein: Die "Spotted: University of Vienna"-Seite verfügt über knapp 14. 000 Likes. Jeden Tag steigt die Anzahl der Fans - und somit auch die Chance, die gesuchte Person zu finden. Der Grund für den scheinbar unaufhaltsamen Spotted-Hype ist für Medienexperte Peter Plaikner klar: Spotted sei eine willkommene Möglichkeit, seine Schüchternheit zu überwinden.

Sexistische Postings

Auch an Schulen erfreut sich Spotted großer Beliebtheit. Die Spotted-Seite des Technologischen Gewerbemuseums kann bereits 563 Likes aufweisen, die Seite der Höheren Lehranstalt für wirtschaftliche Berufe Steyr gar 825 Likes. An kleineren Schulen stellt sich vor allem die Frage, ob die Anonymität gewahrt bleibt.

In Österreich haben sich mehrere Spotted-Netzwerke gebildet, die sich um die Administration der Facebook-Seiten kümmern. Das wohl größte besteht aus einem siebenköpfigen Team. Sie betreiben eigene Seiten für jede Landeshauptstadt sowie Seiten, die sich auf vergebene Flirtchancen im Nachtleben Wiens ("Spotted: Nightlife Vienna") oder den Zügen der ÖBB (" Spotted: ÖBB") spezialisiert haben. 45.000 bis 50.000 Likes kann dieses österreichweite Netzwerk bis dato vorweisen, weiß Niko Nather, einer der Administratoren. "Würde ich die Seiten alleine betreiben, wäre es ein Vollzeitjob", sagt der 23-Jährige, der dafür aus reinem Interesse einen Großteil seiner Freizeit opfert. Rund 200 Nachrichten verarbeitet das Spotted-Team täglich, wovon ungefähr 75 Prozent veröffentlicht werden. Die restlichen 25 Prozent bestehen aus offensichtlichen Fakes oder beinhalten zu wenig Information, um die richtige Person zu finden.

Woher der Trend genau kommt, ist schwer zu sagen. Auch Deutschland und vor allem England sind im Spotted-Fieber. Die beliebteste Spotted-Seite kommt allerdings aus Irland: "Spotted: On Dublin Bus" hat knapp 35.000 Fans.

So positiv es auch ist, über ein soziales Netzwerk im Handumdrehen eine ansprechende Person zu finden, die man am Tag zuvor mit offenem Mund angestarrt hat - es gibt auch negative Aspekte. Durch böswillige Kommentare oder bewusst falsche Verlinkungen von Klassenkameraden bietet Spotted eine willkommene Spielfläche sowohl für Cyber-Mobber als auch für sexistische Äußerungen einzelner User. In einigen Fällen werden auch die Persönlichkeitsrechte der Betroffenen verletzt, weiß Plaikner.

Außerdem erzeuge das Suchen nach einer bestimmten Person per detaillierter Personenbeschreibung den Eindruck von Stalking, sieht auch Niko Nather ein. Trotzdem sei das Spotted-Prinzip nicht mit Stalking zu vergleichen: Hat man eine Person "gespotted", heiße das nicht, dass diese Person verfolgt, sondern ausschließlich, dass sie gesehen wurde, verteidigt er den Facebook-Trend.

Trotz aller Bedenken scheint die Idee zu funktionieren: Rund 80 Prozent der Suchenden finden laut Nather die gesuchte Person. Wenn Sie also das nächste Mal der Mut beim Flirten verlässt, wissen Sie, wo Sie suchen müssen. (Philipp Koch, DER STANDARD, 30.1.2013)

  • Der Spotted-Hype macht auch vor Schulen nicht halt: Facebook-Seiten (wie die Spotted-Seite der HLW Steyr auf dem Screenshot links) sollen potenzielle Paare zusammenführen. In einigen Fällen werden dabei die Persönlichkeitsrechte der Betroffenen verletzt.
    foto: screenshot

    Der Spotted-Hype macht auch vor Schulen nicht halt: Facebook-Seiten (wie die Spotted-Seite der HLW Steyr auf dem Screenshot links) sollen potenzielle Paare zusammenführen. In einigen Fällen werden dabei die Persönlichkeitsrechte der Betroffenen verletzt.

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