Wertvolle Hundertstel ins Ziel bringen

29. Jänner 2013, 20:10
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Analysieren Ökonomen sportliche Großereignisse, zeigt sich, dass die Bilanzen nach einem Event sich oft erheblich von den Prognosen für volkswirtschaftliche Folgeeffekte unterscheiden

Sobald ein Skispringer den Startbalken loslässt, müssen andere quasi den Rechenstab zur Hand nehmen - eine Mathe-Olympiade beginnt: Für jeden über oder vor den K-Punkt gesprungenen Meter gibt's Plus- oder Minuspunkte, bekanntermaßen kommen Haltungsnoten dazu, und seit 2010 auch die Wind- und Anlauffaktoren. Würden bei diesem Sport nicht längst Computergrafiker mit einer virtuellen Hilfslinie für die Fernsehzuschauer einspringen, könnte wohl niemand mehr dem Ausgang der Veranstaltung folgen.

Sportökonomen wie Erich Thöni stehen solche Linien, die Erfolg und Versagen so offensichtlich voneinander trennen, nicht zur Verfügung. Schwieriger noch: Die Summe der Faktoren für eine volkswirtschaftliche Gesamtbewertung von Großveranstaltungen ist deutlich höher als jene für die Benotung von Skispringern.

Dennoch hat Thöni, der mittlerweile vom Institut für Finanzwissenschaft an der Universität Innsbruck emeritiert ist, bereits mehrfach versucht, diesen Gesamtoutput - zuletzt auch für die Olympischen Jugend-Winterspiele 2012 in Innsbruck - zu messen. "Dabei ist gerade bei so einer Veranstaltung klar, dass sie nicht auf das ökonomische Potenzial allein abzielt", wie er betont. "Muss ich den volkswirtschaftlichen Nutzen abunabhängig vom Imagewert beziffern, kann ich nur zum Schluss kommen, dass das ein Nullsummenspiel war", bilanziert er.

Zudem unterstreicht er, dass die Gesamtkosten für sportliche Großevents nur selten transparent sind. Vor allem im Vorfeld der Veranstaltung müssten sich Wissenschafter bei ihren Prognosen auf lediglich kolportierte Summen stützen, die Investitionen in "die Infrastruktur" betreffen. Dabei würde oft nicht einmal klar unterschieden, wer worin investiert. Doch es mache in Hinblick auf die unterschiedlichen Geldgeber - also öffentliche Hand versus privat - bei der späteren Zuordnung eventueller Gewinne eben einen Unterschied, ob sie durch einen Bahnhofs- oder einen Hotelbau lukriert wurden.

Da Kosten, dort Nutzen

Die zweite unbekannte Variable, die Berechnungsmodelle als unsportliche Übung disqualifizieren kann, ist für Thöni das geografische Geltungsgebiet der Prognose: "Reden wir von der Stadt, vom Bundesland oder von der Nation, auf die der Event einen Effekt ausübt?", müsse man sich immer fragen. "Denn in der Regel sind diejenigen, die Kosten zu tragen haben, räumlich nur selten identisch mit den Profiteuren. Es sind freilich die Austragungsorte, die in jedem Fall einen überproportionalen Nutzen haben. Man könnte das demnach sogar einen indirekten Finanzausgleich nennen."

Als dritten Faktor für die glaubwürdige Berechnung von Mitnahmeeffekten nennt Thöni die Art des Großereignisses. So sei etwa die Unterscheidung in eine Weltmeisterschaft oder Olympische Spiele nicht nur eine reine Frage der Größenordnung, sondern auch zeitlich relevant: "Ausrichter von Olympia haben üblicherweise Vorlaufzeiten zwischen zehn und vierzehn Jahren. Diese im Vergleich zu einer WM eklatant längere zeitliche Komponente spielt bei der Beurteilung der volkswirtschaftlichen Effekte eine große Rolle."

Auch wenn Thöni die Arbeit von Kollegen nur ungern kommentiert, hält er allzu naturwüchsig daherkommende Annahmen oft für abenteuerlich: "2,7 Prozent touristisches Wachstum sowieso - und 1,8 Prozent zusätzliches durch die Ski-WM" wird etwa Schladming von einer aktuellen Studie bescheinigt. Als irritierend empfindet Thöni dabei aber nicht das Wagnis einer möglichst präzisen Prognose, auf das auch er sich schon oft einlassen musste. Wie so oft sind es die Quellen in wissenschaftlichen Arbeiten, die von Ministern abwärts ungenügend zitiert werden. Somit beruht auch der dezidiert WM-bedingte "andauernde Niveaueffekt" in Schladming letztlich "auf internationalen Erfahrungen bei erfolgreich durchgeführten Großereignissen, und er hängt auch von der Größe des untersuchten Gebietes ab." Ob sich der Wintersportort dabei also an Olympia in London misst oder am Zwölfaxinger Zeltfest, wird nicht ausgeführt.

Selbstanalyse sinnvoll

Da Prognosen aber immer die Handschrift ihrer Autoren tragen und also kommentierend sind, hält Thöni ein- zig und allein die Kombination aus Vorhersage und deren späterer empirischer Überprüfung für sinnvoll. " Hinterher wird allerdings viel zu selten nachgerechnet", gibt er zu bedenken. Der Idealfall für lernwillige Forscher sei demnach, die eigene Prognose zu analysieren: "Das haben wir etwa bei der Untersuchung der volkswirtschaftlichen Auswirkungen der Winteruniversiade 2005 in Innsbruck und Seefeld gemacht, erzählt Thöni.

So sei es für ihn überraschend gewesen, wie sehr die feststellbaren positiven Effekte einer Universiade auf den Tourismussektor unterschätzt wurden. Deutlich überschätzt hätte man hingegen das Potenzial der Freiwilligen, die kostenlos bei einer studentischen Olympiade mithelfen, sowie die Auswirkungen auf die Beschäftigung insgesamt. Zählt man den Tourismus nicht mit, konnten durch den Event deutlich weniger neue Arbeitsplätze geschaffen werden als zuvor angenommen.

Zu den meistuntersuchten Großereignissen zählen aber logischerweise nicht jene für alpine Randsportarten, sondern solche für den massentauglicheren Fußball. Und so bestätigt unter anderem eine Studie der volkswirtschaftlichen Auswirkungen der Fußball-WM 2006 in Deutschland durch das österreichische Forschungsinstitut SportsEconAustria, dass die Events und deren Effekte nicht verglichen werden sollten: Profitiert hat von dieser WM nämlich in erster Linie der Bausektor, wiewohl präzisiert wurde, dass nur sehr wenige neue Arbeitsplätze nachhaltigen Charakter hatten.

Kurz sichtbare Spuren

Alpinen Großereignissen wie einer Ski-WM bescheinigt Thöni allenfalls einen kurz-, bis mittelfristigen volkswirtschaftlichen Nachhall. Und doch relativiert er danach: "Die Betriebs- oder Volkswirtschaft ist zugegebenermaßen ein allzu enger Ansatz, um alle Effekte sportlicher Großereignisse zu erfassen."

Thöni erinnert sich an einen Vergleich, der 2012 in London gemacht wurde, wonach das einmalige Abhalten Olympischer Spiele ungefähr so wertvoll sei wie 36 Weltmeisterschaften. Für einen Volkswirt ist eine derartige Aufrechnung freilich der blanke Unsinn. Für einen Stadtvater, der den Imagegewinn sowieso von niemandem seriös kalkulieren lassen kann, mag sie von Wert sein. (Sascha Aumüller, DER STANDARD, 30.01.2013)

  • Mit dem ökonomischen Nutzen von Sportevents ist es wie mit dem Skispringen: Alle 
hoffen auf Rückenwind für eine gute Bewertung.
    illustration: fatih aydogdu

    Mit dem ökonomischen Nutzen von Sportevents ist es wie mit dem Skispringen: Alle hoffen auf Rückenwind für eine gute Bewertung.

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