Erleichterte Zugänge zur Erkenntnis

29. Jänner 2013, 20:03
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Mathematiker wollen mit neuen Konzepten große Verlage ausbremsen, die mit Zeitschriften riesige Gewinne machen - Und in Österreich stehen die geistes- und sozialwissenschaftlichen Magazine vor einem Umbruch

Timothy Gowers hat endgültig genug. Deshalb will er seinen harten Worten vor einem Jahr nun Taten folgen lassen. Anfang 2012 hatte der Mathematiker der Universität Cambridge und Träger der Fields-Medaille - vergleichbar mit dem Nobelpreis für Mathematik - zu einem viel beachteten Boykott der Zeitschriften des britisch-niederländischen Verlags Elsevier auf.

Damit legte es sich der Forscher mit einem der traditionsreichsten und mächtigsten Verlagsmultis der Wissenschaft an. Elsevier machte mit seinen rund 2000 Zeitschriften (dazu zählen so einflussreiche Fachblätter wie Cell, The Lancet oder Physics Letters) einen Umsatz von rund drei Milliarden Dollar und zuletzt einen Gewinn von mehr als einer Milliarde. Das sind Profite, von denen auch Apple & Co nur träumen können.

Auf Kosten der Steuerzahler

Zustande kommen diese Gewinne vor allem auf Kosten der Steuerzahler: Die 250.000 bei Elsevier verlegten Artikel werden zum Gutteil von öffentlich finanzierten Forschern verfasst, überwiegend von ebensolchen gratis begutachtet und dann zumeist von Universitätsbibliotheken angekauft.

Gowers Vorwurf: Der Verlagsmulti untergrabe durch seine aggressive Preispolitik - Zeitschriftenabos können schon einmal mehr als 20.000 Euro kosten - die Zugänglichkeit von Wissen. Bis dato haben mehr als 13. 000 Wissenschafter seinen Boykottaufruf unterzeichnet und erklärt, nicht mehr in Elsevier-Magazinen zu publizieren und für diese auch keine Tätigkeit als Gutachter oder Herausgeber auszuüben.

Vor wenigen Tagen legte Gowers nun zum ersten Jahrestag seines Boykottaufrufs nach und bewirbt zwei allerdings auf die Mathematik beschränkte Alternativen zum von Elsevier und anderen Giganten wie Springer Science+Business Media oder Wiley-Blackwell beherrschten Fachzeitschriftenmarkt: Zum einen präsentierte der Mathematiker die gratis und frei zugängliche (Open Access) Zeitschrift Forum of Mathematics, die mit etlichen Fachgrößen als Herausgeber aufwartet. Zum anderen bewirbt Gowers eine neue Initiative seines Kollegen Jean-Pierre Demailly, die über die Mathematik hinaus Wellen schlagen könnte.

Zeitschrift ohne Verlag

Demailly, Mathematiker an der Universität Grenoble, will eine Reihe von Fachjournalen gründen, die auf Artikeln des Server arXiv.org beruhen, auf dem vor allem Physiker, Mathematiker, Astronomen oder Informatiker noch nicht begutachtete Rohversionen ihrer Studien hochladen. Mehr als 800.000 wissenschaftliche Artikel lagern derzeit frei zugänglich auf dem unter anderem von der Cornell University betriebenen Server. Wenn es gelingt, die besten Texte nach Fachgebieten auszuwählen und seriös zu begutachten, dann könnte man damit die Verlagsriesen ausbremsen.

Falk Reckling, Zeitschriften-Fachmann des österreichischen Wissenschaftsfonds FWF, verfolgt diese letzten Entwicklungen am heiß umkämpften wissenschaftlichen Verlagsmarkt mit Interesse und hofft auf einen Erfolg dieser Open-Access-Projekte. Schließlich ist es dem FWF und etlichen anderen öffentlichen Wissenschaftsförderern in Europa ein Anliegen, neue Erkenntnisse möglichst gut verfügbar und leicht zugänglich zu machen.

Immerhin rund ein Drittel der wichtigeren wissenschaftlichen Zeitschriften hat mittlerweile Open Access. Zu den erfolgreichsten Journalen, die längst nur noch elektronisch erscheinen, zählen die der Public Library of Science (PLoS) in San Francisco. Open Access bedeutet, dass nur der Zugriff auf alle erschienenen Artikel einer Zeitschrift frei und gratis ist.

Die Kosten für den Begutachtungsprozess und für die Aufbereitung der Texte tragen entweder direkt Forschungsstätten oder Fachgesellschaften (bei etwa 70 Prozent aller Open-Access-Zeitschriften) oder die Autoren. Deren Anteil - im Schnitt rund 700 Euro - wird im Normalfall von Förderorganisationen wie dem FWF übernommen, die auch schon das Projekt dazu förderten.

Der FWF beschränkt sich freilich nicht nur auf die passive Förderung von Open Access. Nach der etwas überraschenden Streichung der Zeitschriftenförderung durch das Wissenschaftsministerium (BMWF), von der vor allem Fachblätter der Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften (GSK) betroffen sind, sollen nun Anreize zur Gründung von Open-Access-Zeitschriften gesetzt werden.

Bis dato gibt es in Österreich rund 150 einschlägige Fachperiodika, denen die geringe Basisfinanzierung von zumeist nur 1000 bis 4000 Euro gestrichen wurde. "150 Fachblätter sind für ein kleines Land wie Österreich sehr viele Zeitschriften", sagt Reckling, "die meisten waren auch bisher einfach unterdotiert, um international sichtbar zu sein." Deshalb will der FWF gemeinsam mit dem BMWF nun nach niederländischem Vorbild einige wenige, möglichst innovative und interdisziplinäre Open-Access-Zeitschriftenprojekte mit 500.000 Euro Anschubfinanzierung für drei Jahre unterstützen.

Heiß diskutierte Initiative

Die umstrittene Streichung der bisherigen Zeitschriftensubventionen und die Open-Access-Ausschreibung, die noch bis zum 1. April läuft, haben prompt zu Protesten der GSK-Community geführt. Professoren beklagten in einem Leserbrief in der Presse, dass für 150 wissenschaftliche Zeitschriften unwiderruflich das Totenglöckchen läute.

Anders sieht Thomas König, wissenschaftlicher Berater von ERC-Präsidentin Helga Nowotny, die Initiative: Er hofft, dass sie eine "längst fällige Infrastrukturanpassung" bringen könnte. Die in den neuen, interdisziplinären Open-Access-Zeitschriften veröffentlichten Artikel aus dem Bereich GSK könnten mit den neuen Medien einem sehr viel größeren Personenkreis zur Verfügung stehen als bisher.

Und womöglich kann ja auch die mediale Berichterstattung über die GSK auf diese Weise verbessert werden: Die Wissenschaftsredaktion des Standard erhielt in den letzten Jahren eine einzige der rund 150 GSK-Zeitschriften kommentarlos per Post zugeschickt. Alle anderen Fachblätter machten nicht einmal durch E-Mails auf ihr Erscheinen und oder ihre Inhalte aufmerksam. (Klaus Taschwer, DER STANDARD, 30.01.2013)

  • Rund 150 gedruckte Fachzeitschriften in den Geistes-, Sozial- und 
Kulturwissenschaften müssen künftig ohne Basissubvention auskommen. Stattdessen 
sollen innovative und interdisziplinäre Open-Access-Journale eine 
Anschubfinanzierung erhalten.
    foto: standard/christian fischer

    Rund 150 gedruckte Fachzeitschriften in den Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften müssen künftig ohne Basissubvention auskommen. Stattdessen sollen innovative und interdisziplinäre Open-Access-Journale eine Anschubfinanzierung erhalten.

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