"Live vom wilden Hund geschwärmt"

Interview29. Jänner 2013, 19:30
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Wer die Herausforderung im Sport sucht, geht oft mehr Risiko ein - Sportpsychologe Martin Kopp analysiert, was diese Menschen antreibt und welche Rolle Medien dabei spielen

STANDARD: Immer mehr Freizeitsportler stürzen sich auf ihren Skiern über nichtpräparierte Berghänge hinab und versuchen dabei, auch noch schneller als andere zu sein: Was treibt Menschen an, wenn sie beim Sport ihre Grenzen suchen und überschreiten?

Kopp: Unsere Gesellschaft ist sicherheitsorientiert, das Besondere ist verschwunden. Über solche Sportarten holen wir es uns zurück. Ob das Freeride ist oder eine Weltcup-Abfahrt, bei der man 150 km/h und mehr fährt und halb Österreich vor den Fernsehgeräten sitzt und staunt. Dabei muss man berücksichtigen, dass die Mehrheit dieser Berufs- oder Freizeitsportler ein für sie kalkulierbares Risiko eingeht und relativ genau weiß, was sie tut und wie weit sie gehen kann. Wir bestehen aber nicht nur aus einer kognitiven Ebene. Auch die gerade aktuelle Gefühlsfärbung beeinflusst unsere Risikobereitschaft.

STANDARD: Inwiefern?

Kopp: Jeder Sportler wird natürlich durch Umweltbedingungen wie Sonne oder einen gut zu befahrenden Schnee positiv beeinflusst. Auch andere Dinge können seine Gefühlsfärbung bestimmen: Wer gestritten hat, wird logischerweise eine Spur aggressiver auf dem Ski stehen. Wer verliebt ist, ist möglicherweise geistig nicht ganz bei der Sache. In beiden Fällen geht man vielleicht unbewusst einen Schritt weiter als in einer ausgeglichenen Stimmungslage. Wir wissen eigentlich noch verhältnismäßig wenig darüber. Wir wissen nur, dass viele Aktionen und Reaktionen beim Sport so schnell ablaufen, dass man danach gar nicht mehr genau weiß, wie es dazu kam. Man kennt ja die Unfallberichte von Skifahrern, die damit beginnen, dass sie nicht mehr wissen, warum sie so oder anders reagiert haben. Wir untersuchen diese spontane Note im Risikoverhalten von Kletterern - und stellen fest, dass diejenigen, die eine ausgeprägte Neugier besitzen, eher bereit sind, über Grenzen zu gehen. Wir nennen das "sensation seeking". Es ist ja eigentlich logisch. Wer den Kick braucht, sucht ihn sich ohne Angst vor möglichen Unfällen. Diese Menschen gehen nie die gleiche Route zweimal, sonst wird ihnen langweilig. Und wenn das doch sein muss, suchen sie die Herausforderung, indem sie die Strecke an-ders bewältigen, schneller und mit weniger Sicherheitsdenken im Hintergrund.

STANDARD: BaseJumper sind genau genommen auch Sportler, die nie die gleiche Route zweimal zurücklegen. Haben Sie auch das Risikoverhalten von Felix Baumgartner analysiert?

Kopp: Nein, wir haben seine Beweggründe für den Stratosphärensprung nicht studiert. Er wird wohl immer den Kick suchen. Im speziellen Fall waren die Sicherheitsvorkehrungen aber sehr groß und die Beweggründe, durch diesen Absprung sehr viel Geld zu verdienen, mindestens ebenso groß wie der Wunsch, etwas Besonderes zu erleben. Da ging es sehr stark um die Inszenierung eines Medienereignisses. Die Verschiebung des Absprungs, was natürlich sachliche Gründe hatte, hat das Interesse der Öffentlichkeit nur angestachelt.

STANDARD: Bei Skirennen ist das Risiko auch ein Teil der medienwirksamen Inszenierung. Ein Spitzenplatz nach einem wilden Ritt kommt gut an bei den Fernsehzuschauern . Reizt so etwas zur Nachahmung?

Kopp: Medien spielen natürlich eine sehr große Rolle, umso mehr, wenn es Sportarten sind, zu denen man als Zuschauer eine hohe emotionale Bindung aufbauen kann. Auto- oder Skirennen gehören dazu. Das kann zur Nachahmung anregen. Vor allem junge Männer erleben sich selbst beim Sport als unverwundbar und zeigen eine hohe Affinität zu riskanten Verhaltensweisen. Ihnen ist auch die Tragweite von dem, was sie tun, nicht immer bewusst.

STANDARD: Ist die Konsequenz daraus, dass Menschen, die ein höheres Risiko eingehen wollen, Nachhilfe in Mediennutzung brauchen?

Kopp: Die Verantwortung liegt schon auch bei den Medien selbst. Das Fernsehen müsste kritischer das Risiko im Spitzensport hinterfragen. Derzeit passiert das nur in Ansätzen. Stattdessen werden in Signations spektakuläre Szenen gezeigt, nicht das, worauf es im Sport wirklich ankommt. Unfälle sind ein großes Thema, mir fehlt aber mehrheitlich die Frage nach dem Warum. Man müsste fragen: Was ist da los? Warum stürzen so viele? Ist die Piste schlecht präpariert? Oder sind die Fahrer zu müde? Stattdessen kommt es fast zu einer Glorifizierung der waghalsigen Fahrten - unterstützt von Ko-Kommentatoren, die als Exskiläufer aus denselben Denkmodellen kommen und das auch vermitteln: Ein richtiger Bursch ist nur der, der ohne Rücksicht auf Verluste die Piste runterfährt. Bei Live-Übertragungen wird schnell einmal vom "wilden Hund" geschwärmt, der sich waghalsig herunterstürzt.

STANDARD: Welche Rolle spielt das Material beim Risikoverhalten?

Kopp: Wir wissen ja, dass es die Wettrennen auf hohem Niveau erst möglich macht. Zum Glück erhöht es bei Hobbysportlern die Risikobereitschaft nicht so stark, wie man es vielleicht annehmen könnte. In Umfragen, die wir auf den Skipisten machen, haben wir erfahren, dass die Leute mit Helm nicht schneller fahren als ohne. Dabei stellen wir auch fest, dass die Touristen, die nur einmal im Jahr in die Berge fahren, viel weniger über Sicherheit wissen, als die, die es sowieso gewöhnt sind, Ski zu fahren. Wir haben auch im Labor geprüft, ob das häufige Argument der Helmverweigerer - dieser schränke Sichtfeld und Hörvermögen ein - stimmt. Das Ergebnis war recht eindeutig: Optische Reize werden unvermindert wahrgenommen. Selbst Skifahrer, die mit einem nicht zu laut aufgedrehten iPod unterwegs sind, reagieren zeitgerecht auf periphere Reize. Wir unterschätzen da offenbar unsere Fähigkeiten. Derzeit laufen noch Studien zur Überprüfung der Hörfähigkeit mit und ohne Skihelme.  (Peter Illetschko, DER STANDARD, 30.01.2013)


Martin Kopp (45) stammt aus Wattens in Tirol und hat an der Uni Innsbruck Psychologie studiert. Er war nebenberuflich Volleyballtrainer und Sportjournalist und leitete von 2002 bis 2010 den Forschungsbereich Gesundheitspsychologie an der Med-Uni Innsbruck. Seither ist er Professor für Sportpsychologie an der Universität Innsbruck.

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    illustration: fatih aydogdu
  • Martin Kopp: "Das Besondere ist verschwunden. Über solche Sportarten holen wir es uns zurück."
    foto: uibk

    Martin Kopp: "Das Besondere ist verschwunden. Über solche Sportarten holen wir es uns zurück."

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