Kunstschnee, Alm und Landwirtschaft

29. Jänner 2013, 19:16
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Der Umwelthistoriker Robert Groß will in seiner Dissertation die Auswirkungen offenlegen, die der Wintertourismus auf das gesellschaftliche Gefüge, die regionale Wirtschaft und den Naturraum in Vorarlberg hatte - und nach wie vor hat

Der Skitourismus in Vorarlberg ist heute selbstverständlicher Teil der regionalen Wirtschaft und Identität. Doch ging dies nicht ganz friktionsfrei vor sich, wie Robert Groß in seiner umwelthistorischen Aufarbeitung der Entwicklung des Wintertourismus im Ländle bereits feststellen konnte. Bergbauerndörfer vom Arlberg bis zum Bregenzerwald wurden in den vergangenen achtzig Jahren zu Skigebieten. Dies wurde nicht immer und von allen begrüßt.

Erste Belege für diese Tatsache fand Groß bereits, als er sich in seiner Diplomarbeit mit dem Skigebietszusammenschluss Mellau/Damüls befasste. Ab den 1920er-Jahren begann der Wintersport in Vorarlberg die dörfliche Ordnung zu verändern und stieß dabei auf Widerstand.

Der Aufbau touristischer Infrastruktur war zunächst als Mittel gegen die Entvölkerung peripherer Gebiete gedacht. Fremdenverkehr sollte ein Zubrot ermöglichen, wo Landwirtschaft das Auskommen nicht sicherte. Damit geriet das Kräftefeld zwischen Bauern, Kirche, Wirtschaft und Politik in Bewegung.

Im Rahmen des FWF-Projekts "Alpine Skiläufer und die Umgestaltung alpiner Täler im 20. Jahrhundert", geleitet von Verena Winiwarter, will er nun mit seiner Dissertation am Institut für soziale Ökologie weiter in die Tiefe gehen. Und nachzeichnen, wie sich Stoffflüsse, Energieströme, Landschaft und Gesellschaft verändert haben. Im ersten von drei Jahren Laufzeit suchte Groß nach nationalen und internationalen Einflussgrößen in Politik und Wirtschaft, hob Statistiken, Fotos, Prospekte, Zeitungen, Predigten, Landkarten etc. aus. "Der Flächenbezug war ein wichtiger Filter", sagt der gebürtige Wolfurter. "So konnte ich in den Archiven den Bogen von einer deutschnationalen Bewegung bis zum Marshallplan und von Wien bis Washington spannen." Drei Entwicklungsschübe machte er fest. Ab den 1920er-Jahren wirkten Devisenmangel, Weltwirtschaftskrise und aufkeimender Deutschnationalismus als Treiber, ab den 1950er-Jahren vor allem das European Recovery Programm (ERP) und ab den 1970er-Jahren das Aufkommen einer Naturschutzbewegung.

Die Umweltgeschichte der Alpen und die Wirkung des Tourismus auf diesen Naturraum sind wissenschaftlich noch unterbelichtet. "Gerade der intensive Wintertourismus ist für den ländlichen Raum inzwischen in vieler Hinsicht bestimmend. Für ihn werden Landschaften geformt, soziale Systeme wandeln sich, vom Bauern zum Kellner, von der Bäuerin zur Gastwirtin. Wir wollen verstehen, wie diese Transformation begonnen hat, das gibt auch für die Planung wichtige Anregungen", sagt Projektleiterin Verena Winiwarter.

Glaube und Geld, Biotope und Bauern

Groß machte starke Wechselwirkungen zwischen Glaube und Geld, Biotopen und Bauern fest. Etwa durch die Analyse der Tourismuswerbung im Wandel der Zeit. Mit dem Wintersport kamen nämlich neben der schönen Landschaft auch Menschen ins Bild. Ab den 1950ern erhielten auch Raupenschlepper und Liftstützen den Status von Sehenswürdigkeiten. Mit der Weihe solcher Anlagen sorgten Pfarrer für die Integration technischer Errungenschaften in das Glaubenssystem.

Viele Ski-Gemeinden sind verschuldet, weil Lifte mit günstigen ERP-Krediten gebaut wurden, die teure Infrastruktur rundum aber selbst gestemmt werden musste. Verbaute Biotope machen Groß aber weniger Sorgen, als die Fernwirkungen in den Bereichen Verkehr sowie Ver- und Entsorgung.

Nun will er mit Fallstudien in drei Gemeinden, die für ihn verschiedene Ausgangspunkte repräsentieren, in die Tiefe gehen: Schruns ist ein mittelgroßes Skigebiet, das verkehrstechnisch günstig liegt. Lech ist ein großes, exklusives Skigebiet, das schon in den 1930ern international gut besucht war und als Vorbild wirkt. Damüls ist "Nachzügler", weil es bis in die 1950er keine wintersichere Straße gab. Geplant ist zudem eine Befragung der Bauern, wie sie die Veränderungen durch den Tourismus wahrnehmen. Groß will jedenfalls vom Freund-Feind-Schema wegkommen: "Ich will die Veränderungen offenlegen. Kritische Tourismusforschung holt alle Akteure ins Boot." (Astrid Kuffner, DER STANDARD, 30.01.2013)

  • Artikelbild
    illustration: fatih aydogdu
  • Tourismusforscher Robert Groß.
    foto: nils unger

    Tourismusforscher Robert Groß.

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