Psychologisieren macht nur schlechte Laune

29. Jänner 2013, 17:45
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Im deutschen Raum wird dank der Hollywood-Verfilmung von "Driver" gerade US-Thrillerautor James Sallis entdeckt - ein Meister der harten, kargen, knappen Prosa

Wien - Ennio Morricone wird bis heute nicht froh darüber, dass er nicht zu den bedeutendsten und wagemutigsten klassischen Komponisten seiner Zeit gezählt wird. Er hat sich damit abzufinden, dass er als zwar essenzieller, aber doch zweckgebundener Lieferant von Soundtracks für Pferdeopern, Spaghettiwestern und Problemfilme hoch verehrt wird, die im Genre italienischer Kulturvereine in New York spielen. Frau und Kind daheim waren lästig. Neuer Wintermantel, Schulskikurs, Reifenprofil abgefahren. Erwachsenendinge. Ennio Morricone hat seine Schlüsse daraus gezogen und ist deshalb als Trostpflaster furchtbar reich geworden. Seine Musik findet er heute eh auch ganz passabel. Richtig stolz ist er darauf nicht.

Der US-amerikanische Autor James Sallis hat es früher auch jahrelang mit der seriösen Literatur versucht. Angeblich können sich seine zukünftigen Nachlassverwalter auf einiges unveröffentlicht Hochliterarisches in der Güteklasse Raymond Queneau oder Alexander Puschkin gefasst machen. Beide Autoren hat James Sallis übrigens ins Amerikanische übersetzt. Nebenher arbeitete er als Krankenpfleger auf Intensivstationen, Literaturkritiker, Jazzgitarrist und als Sachbuchautor. Unter anderem veröffentlichte er Biografien über Chester Himes, Jim Thompson und David Goodis. Er schrieb als ehemaliger Musiklehrer und Nebenerwerbsmucker Sachbücher zum Thema Gitarrenporno und dessen schönste Instrumente der Jazzgeschichte.

James Sallis entdeckte vor lauter Populärkultur und zu wenig Puschkin in seinem Leben dann doch auch jenen Schmutz und Schund, der ihn heute zumindest in Europa zum gemachten Mann macht. Spätestens sein harter, kleiner, schneller Krimi Driver, 2011 als Drive von Regisseur Nicolas Winding Refn mit Ryan Gosling verfilmt, wurde zum Welterfolg. Er kann nun in aller Bankguthabensruhe Creative Writing an der Universität von Phoenix, Arizona, unterrichten und weiter hübsche literarische Essays schreiben wie die unübersetzte Textsammlung Gently Into The Land Of The Meateaters.

Und James Sallis sieht der Zukunft gelassen entgegen. Nach einer zwischengeschobenen Fortsetzung namens Driver 2 im Vorjahr, die auf einem Angebot aus Hollywood beruhte, das er nicht ablehnen konnte, hat der 68-jährige Autor die letzten zwei Jahrzehnte genug geschrieben, um zumindest den deutschen Markt mit Erstübersetzungen im Halbjahrestakt zu beglücken. Gerade eben wird nach Der Killer stirbt ("The Killer is dying" ) und Driver 2 ("Driven") der erste Band einer sechsteiligen Reihe in deutscher Neuübersetzung vorbereitet, mit der Sallis im angloamerikanischen Krimigenre leidlich bekannt wurde. Im deutschen Raum ging er damit allerdings mit seiner Reihe über den afroamerikanischen Privatdetektiv Lew Griffinin Ende 1990er-Jahren unter. Nach den Großtaten des immer irrer und paranoider schreibenden Kennedy-Verschwörungspredigers James Ellroy lag die Szene in den ewig gleichen Gerichtssälen eines John Grisham darnieder. Katzen-, Feng-Shui-, Koch- und Wiener Stadtteilkrimi waren noch nicht erfunden. Die Zeit war noch nicht reif für heutige Kapazunder wie Daniel Woodrell, Donald Ray Pollock oder eben James Sallis.

Wie Woodrell und Pollock auch reduziert Sallis angesichts der anfangs beschriebenen Versuche, "ambitioniert" zu schreiben, auf das Allernötigste. Wenn ihn schon niemand mit Adjektiven lesen wollte, braucht er jetzt auch nicht mehr mit Füllwörtern und hoffärtigem Tand hausieren zu gehen. "Hart" und "knapp" und "karg" sind dann auch jene Vokabeln, die man in so gut wie jeder Besprechung eines Romans von James Sallis zu lesen bekommt.

Die Helden sind gebrochen, haben kaum Vergangenheit und Zukunft. Dinge können schiefgehen, weil eben auch in der Arbeitswelt eines Kriminellen unvorhergesehene Ereignisse eintreten können. Die Dinge gehen dann schief.

Dialoglastig sind die Bücher von Sallis auf jeden Fall. Die Gespräche verlaufen knapp, emotionslos und floskelhaft. Hier wird gearbeitet. Als Leser hat man keine Wahl. Man wird in diesen Sog hineingezogen, ohne einen blöd sympathischen Helden vorgesetzt zu bekommen. Niemand ist hier versoffen, geschieden und einsam und auf dem Weg in den körperlichen und seelischen Verfall, der wortreich an der Bar beklagt wird.

Der König mit dem Blues

In der Welt von Sallis beschränken sich soziale Kontakte auf Waren/Termin-Geschäftsanbahnungen, ein Kopfnicken an der Tankstelle und das Klicken eines Revolvers. Die Welt ist nicht schön, das Leben ist lästig. Eine bürgerliche Karriere geht gar nicht, fürs Singen braucht man Talent, fürs Boxen die Kraft, auch einmal einzustecken. Kriminell geht.

James Sallis wollte einst ein ernsthafter Schriftsteller werden. Jetzt macht er in Blut und Blues. Selten gibt es hier Akkordwechsel. Nur Dilettanten haben immerzu den Drang umzugreifen. James Sallis ist der König in einem Land, das er nicht wollte. Verlegt bei Liebeskind und DuMont. (Christian Schachinger, DER STANDARD, 30.1.2013)

  • US-Autor James Sallis, der Mann hinter "Drive".
    foto: karyn sallis

    US-Autor James Sallis, der Mann hinter "Drive".

  • Die Welt des James Sallis wird von Menschen ohne Ambition und soziale 
Kontakte bewohnt. Hier Ryan Gosling 2011 in der Verfilmung des Sallis-Romans 
"Driver", der im Kino zu "Drive" wurde.
    foto: film district, richard foreman/ap/dapd

    Die Welt des James Sallis wird von Menschen ohne Ambition und soziale Kontakte bewohnt. Hier Ryan Gosling 2011 in der Verfilmung des Sallis-Romans "Driver", der im Kino zu "Drive" wurde.

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