"Der Antifeminismus ist ein Scheinriese"

30. Jänner 2013, 07:00
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AntifeministInnen sind laut ExpertInnen eine kleine widersprüchliche Gruppe - Die Universität Linz ist selbst von antifeministischen Anwürfen betroffen

Seit mehr als zehn Jahren treibt der Antifeminismus sein Unwesen im Internet. Nun, wo sich AntifeministInnen und radikale Väterrechtler auch im realen Leben organisieren und ein gleichstellungsorientierter Konsens auch in Mainstreammedien aufbricht, reagieren die Sozialwissenschaften darauf.

Vergangene Woche debattierten SoziologInnen, ÖkonomInnen, JuristInnen und Medienvertreterinnen gemeinsam mit Frauenministerin Heinisch-Hosek über die Effekte von Antifeminismus an der JKU Linz. Der etwas sperrige Titel "Zwischen Gleichstellungserfolgen und Antifeminismus. Zwiespältige Tendenzen in der Modernisierung der Geschlechterverhältnisse" legte bereits nahe, dass es keine einfachen Antworten auf die Frage gibt, wo die Geschlechterpolitik aktuell steht.

Antifeministen: Kein Wissen, nur Hass

Eine sehr brauchbare Einordnung lieferte die deutsche Soziologin Ilse Lenz in ihrem Beitrag. Sie verwies darauf, dass der Antifeminismus in seiner aktuellen Ausprägung keine Bewegung im herkömmlichen Sinne sei. Tatsächlich handle es sich um einen "Scheinriesen", der es durch gezielte mediale Inszenierungen schaffe, seine Inhalte in der Öffentlichkeit zu platzieren. So waren die neopatriarchalen Tendenzen im Übergang vom 19. auf das 20. Jahrhundert im deutschsprachigen Europa viel stärker und einflussreicher als diese gut vernetzte aber kleine Gruppe an AntifeministInnen. Zentrales Merkmal der zeitgenössischen AntifeministInnen sei ihre absolute Unkenntnis dessen, was gehasst werde: der Feminismus und meist auch die Frauen im Allgemeinen.

Lenz grenzte den Antifeminismus, der widersprüchlich argumentiere und sich unterschiedlichsten Denkströmungen wie dem Rechtsradikalismus und dem Neoliberalismus bediene, stark von einer tatsächlich erstarkenden Meinungslage ab, die sie als "Geschlechtskonservatismus" bezeichnete. Dieser sei von einer traditionellen und naturalistischen Sicht auf Geschlechterverhältnisse geprägt und wesentlich gefährlicher als die zusammenhangslose Argumentation der AntifeministInnen.

Pohl: Männlichkeit schon immer krisenhaft

Der deutsche Männlichkeitsforscher Rolf Pohl erläuterte die aktuelle Debatte über die Krise der Männlichkeit. Diese ist in seinen Augen ein Allgemeinplatz, weil Männlichkeit in seiner präsenten Vorstellung von Durchsetzungskraft, Autonomie und Stärke immer schon "krisenhaft" gewesen sei. Von der "Misere der Buben" distanzierte er sich zwar, doch auch Pohl diagnostizierte Buben ein spezielles Problem: Einerseits werden sie immer noch darauf geeicht, herausragend, autonom und leistungsstark zu sein, andererseits werden die Chancen für junge Menschen am Arbeitsplatz immer geringer. Dieser Zwiespalt treffe Buben derzeit in einem anderen Ausmaß als Mädchen.

Neuwirth: Familienrecht im 21. Jahrhundert angekommen

Rechtshistorikerin Karin Neuwirth widmete sich in ihrem Vortrag den Neuerungen im Familienrecht, die ab Februar zum Tragen kommen (siehe dazu auch das Interview "Jetzt können Väter sagen: Ich will auch".) Ihr Resümee: Das Familienrecht habe mit der angestrebten Gleichbehandlung von Vater und Mutter den Sprung ins 21. Jahrhundert geschafft, während die Organisation der Arbeitswelt weiterhin im 19. Jahrhundert verharrt.

Heinisch-Hosek warb für Männer-Bündnisse

Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek appellierte als Gast bei der Podiumsdiskussion an die modernen Männer, sich in Bündnisse mit der aktuellen Frauenpolitik einzulassen. Es gehe darum, jungen Männern neue Rollenbilder vorzuleben, die sie gegen Hassreden und Extremismen immun machen.

Praktizierter Antifeminismus an Uni Linz

Mitanlass für die Tagung waren auch Vorkommnisse, die sich in an der JKU Linz selbst ereignet haben. Seit zwei Jahren agitiert der Ring Freiheitlicher Studenten (RFS Oberösterreich) gegen die Genderlehre an der Universität. In Linz ist diese verpflichtend in alle Curricula der Universität festgeschrieben, also auch in den Wirtschaftswissenschaften und den naturwissenschaftlichen Fächern. Diese Verpflichtung im Rahmen von drei ECTS-Punkten (also eine Lehrveranstaltung) ist den RFS-Studierenden ein Dorn im Auge. Sie agitieren seit 2011 vor den Gender-Lehrveranstaltungen und plakatierten bei den ÖH-Wahlen gegen "Genderwahn" und die "Theorien des geschlechtlichen Einheitsmenschen" an der Universität. Den gewünschten Wahlerfolg hat diese Aktion zwar nicht gebracht, doch das hindert die Studierenden nicht daran, bei den diesjährigen ÖH-Wahlen erneut mit diesen Slogans aufzutreten.

Weitere Auseinandersetzung

Die Tagung zum Thema Antifeminismus in Linz war eine erste wissenschaftliche Auseinandersetzung zur Problematik in Österreich. Ersichtlich wurde, dass über das Wesen der AntifeministInnen inzwischen viel bekannt ist, der Umgang mit ihren Forderungen und die Ursachen für diese Radikalisierung aber weitere Auseinandersetzung nötig macht. In Wien ist für Mitte des Jahres eine Enquete der 20.000 Frauen zum Thema geplant. (Ina Freudenschuß, dieStandard.at, 30.1.2013)

Zur Tagung "Zwischen Gleichstellungserfolgen und Antifeminismus. Zwiespältige Tendenzen in der Modernisierung der Geschlechterverhältnisse" wird eine Tagungsdokumentation erscheinen. Weitere Informationen beim Institut für Frauen- und Geschlechterforschung an der Universität Linz

  • "Colossus" lautet der Titel dieses Bildes, das lange Zeit dem Pinsel des spanischen Malers Francisco de Goya y Lucientes zugeschrieben wurde. Tatsächlich hat es Asensio Julia gemalt.
    foto: apa/epa/victor lerena

    "Colossus" lautet der Titel dieses Bildes, das lange Zeit dem Pinsel des spanischen Malers Francisco de Goya y Lucientes zugeschrieben wurde. Tatsächlich hat es Asensio Julia gemalt.

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