"Zero Dark Thirty": Endlich am Ziel und doch völlig ausgebrannt

29. Jänner 2013, 17:31
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US-Regisseurin Kathryn Bigelow erzählt in ihrem kontroversen Drama von der Suche nach Osama Bin Laden: Ein Film über die Verhärtung einer Heldin und ihres Landes

Wien - Der Tote ist der meistgesuchte Terrorist der Welt. Ein Zeuge wird eilig herbeigeholt, um die Identität des Mannes zu bestätigen: Er ist Osama Bin Laden. In den Szenen unmittelbar davor spult sich ein genau durchkoordinierter nächtlicher Angriff ab, der auch das eine oder andere Missgeschick mit sich bringt. Die Laserpointer der Waffen des US-Militärs richten sich auf das Grundstück im pakistanischen Abbottabad, wo der Al-Kaida-Chef zurückgezogen mit seiner Familie lebt. Der Sturm des Gebäudes läuft geradezu mechanisch ab, Stock um Stock wird erobert, Menschen schreien und fallen zu Boden.

Dieses Ende ist das einzige, präzise durchchoreografierte Action-Stück in Kathryn Bigelows "Counter-Terrorism"-Drama Zero Dark Thirty. Bemerkenswert, wo die für The Hurt Locker, ihren Kriegsfilm über Bombenentschärfer von 2008, Oscar-prämierte Regisseurin doch eine Spezialistin für dieses spannungsgeladene, männerdominierte Genre ist; eine Kompetenz, die sie nun nur punktuell nutzt - für den Militärcoup, mit dem Obama 2011 seinen Wahlkampf eingeleitet hat.

Zum anderen ist dieser Ausgang der Entwicklung der Geschichte angepasst: Bigelows Drehbuchautor Mark Boal und sie selbst haben an dem Stoff bereits gearbeitet, als der Terrorist plötzlich vom Geheimdienst aufgespürt wurde. Ein Film, der von der Jagd auf einen Mann erzählt, der über die Jahre immer mehr zu einem Phantom wurde, geriet nun zu einem Drama, an dessen Ende eine - wiewohl nüchtern betrachtete - Auflösung stand. Und diese sind seit jeher dazu da, die davor wirksamen Konflikte aufzuheben.

Mit dem "neuen" Ende hat sich Zero Dark Thirty aber auch eine noch immer nicht ausgestandene Debatte um seine Darstellung der Ereignisse eingehandelt. Die Kritiker, unter ihnen US-Senatoren, stürzen sich vor allem auf die Folterszenen am Anfang des Films (die von den Behörden euphemistisch "erweiterte Befragungstechniken" genannt wurden), die keineswegs die erwünschten Ergebnisse im Kampf gegen den Terror gebracht hätten; Bigelow rechtfertigte sich in der L. A. Times damit, dass die Darstellung von Folter nicht gleichbedeutend sei mit der Billigung derselben. Es sei ihr zudem "unlogisch" erschienen, die Rolle von Folter beim Geheimdienst zu ignorieren.

Man wird darüber nicht so schnell einig werden, geht es hier doch auch um eine Frage von Realismus und die Grenzen der Darstellbarkeit. Ob Bigelow tatsächlich eine Normalisierung der Folter bewirkt und in ein moralisches Vakuum taucht, wie der Philosoph Slavoj Zizek im Guardian geschrieben hat? Tatsächlich spart sie die abstoßende Brutalität der Verhöre des US-Agenten (Jason Clarke) nicht aus; auch die zynisch-herablassende Haltung gegenüber dem gefolterten Informanten Ammar (Reda Kateb) kommt deutlich zum Ausdruck.

Zero Dark Thirty will insgesamt fraglos auf den moralischen Verfall hinaus, der sich als eine Folge von 9/11 in die Politik gemischt hat. Dem heroischen Gestus manchen Hollywoodfilms über moderne Kriegsführung ist er fern. Maya, die von Jessica Chastain (The Tree of Life) sachlich-unterkühlt verkörperte Agentin, befindet sich zu Beginn des Films das erste Mal auf einem der "Black Sites" der CIA und kämpft angesichts der Folter mit der Selbstbeherrschung. Über die Dauer des Films macht sie allerdings eine Verwandlung durch, sie wird zu einer dieser charakteristischen Bigelow-Heldinnen, die sich durch ein beinahe suchtartiges Verhältnis zu ihrem Job auszeichnen und dabei einen stählernen Willen an den Tag legen, der auch die Männer in ihrer Nähe zum Verstummen bringt.

Politische Wetterlagen

Doch der Determinismus, mit dem Maya ihre Verfolgung Bin Ladens aufnimmt, ist keineswegs einer, der zu schneller Identifikation einlädt, auch wenn man mit ihrer Kaltschnäuzigkeit sympathisiert ("I'm the motherfucker, who found this place ... Sir", sagt sie gegenüber dem CIA-Chef). Bigelow zeichnet das durchaus differenzierte Porträt einer Frau, die eben auch ein Fall von Déformation professionnelle ist: Maya bewegt sich innerhalb von Strukturen, die immer wieder Einflüssen politischer Wetterlagen unterliegen - ihre Suche nach einem Phantom hat im Laufe der Zeit immer weniger Priorität.

Zero Dark Thirty erzählt so auch mehr von der Unmöglichkeit zu handeln denn von Bestimmtheit und Durchsetzungskraft. Seine Schleifen und Wiederholungen mögen manchen Zuschauer verwundern. Dies veranschaulicht Bürokratien, die immer wieder zum Aufschub von Entscheidungen führen. Sei es ein Präsident, der sich stärker auf Beweise als auf Mutmaßungen stützen will, sei es menschliches Versagen, das einen den entscheidenden Hinweis übersehen lässt - Maya ist in ihrer Suche so verfangen, dass sie irgendwann den Grund ihres Tuns aus den Augen verliert.

Am Ende ist der meistgesuchte Terrorist tot. Die Resonanz ist verhalten. Wie die Heldin, das mag die Gleichung des Films sein, ist auch die Nation ein wenig ausgebrannt. Zero Dark Thirty ist ein kaltblütiger Film, der uns die Antwort darauf, ob es dies alles wert war, selbst überlässt. (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD, 30.1.2013)

Ab Freitag im Kino

  • Eine Frau, die sich auf ihrem Weg irgendwann ziemlich alleine fühlen muss: 
Jessica Chastain spielt in "Zero Dark Thirty" Maya, die Agentin mit dem Auftrag, 
den Staatsfeind Nummer eins aufzuspüren.
    foto: upi

    Eine Frau, die sich auf ihrem Weg irgendwann ziemlich alleine fühlen muss: Jessica Chastain spielt in "Zero Dark Thirty" Maya, die Agentin mit dem Auftrag, den Staatsfeind Nummer eins aufzuspüren.

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