Das Phänomen Stronach

29. Jänner 2013, 18:29
237 Postings

Das Wirken des reichen Unternehmers in der Politik hat viel mit der Lage im Land zu tun - aber wenig mit den Inhalten, die der vitale ältere Herr einbringt

Wien - Es sind auffallend viele Menschen im Pensionsalter ins Haus der Musik gekommen, um "Das Phänomen Stronach" zu diskutieren - die Frage von Moderator Gerfried Sperl liegt daher auf der Hand: "Ist Frank Stronach der Hero der grauen Panther?"

 

Das Phänomen Stronach

 

Irritationen, die Stronach auslöst.

 

Der deutsche Psychologieprofessor Michael Schmitz hat da seine Vorbehalte, er vergleicht den Austrokanadier mit dem (wenig jüngeren) Karel Schwarzenberg: "Schwarzenberg nuschelt vielleicht, aber er ist ein intellektueller Kopf. Aber Stronach? Da fragt man sich: Ist das vielleicht nur eine großartige Inszenierung, hinter der doch nichts steckt?"

Schmitz analysiert das Phänomen als - weitverbreitetes - Kurzschlussdenken: Wenn jemand in einer bestimmten Phase in der Industrie erfolgreich war, dann wird ihm zugetraut, das auch heute noch zu sein; auch außerhalb der Industrie. Und das, obwohl die Methoden und Denkweisen, die zum Erfolg geführt haben, möglicherweise gar nicht mehr aktuell, gar nicht mehr erfolgversprechend sind. Nicht im angestammten industriellen Bereich, schon gar nicht in der Politik.

Die Politologin Kathrin Stainer-Hämmerle ergänzt diese Einschätzung noch um den Hinweis, dass ein Unternehmer anders denken müsse als ein Politiker: "Der Unternehmer muss einen Tunnelblick haben - aber das ist genau das Falsche für einen Politiker."

Vielen im Publikum gefällt Stronach dennoch, er ist ein Hoffnungsträger - wie auch der Meinungsforscher Werner Beutelmeyer aus einer aktuellen Umfrage seines Linzer Market-Instituts zitiert: Die Mehrheit der Österreicher schätzt an ihm vor allem, dass er "längst bewiesen hat, dass er ein sehr erfolgreicher Mann ist" - aber nur jeder vierte Wahlberechtigte leitet daraus auch ab, dass Stronach "glaubwürdig und unabhängig" wäre. Allerdings: Es sind gerade die älteren Befragten, die Stronach besondere Glaubwürdigkeit bescheinigen, in zweiter Linie auch ganz junge Wähler.

Beutelmeyer geht davon aus, dass sich das politische Spektakel immer mehr an Personen festmacht - "und da kommt ein älterer Herr, der sehr vital ist, nicht so wie der oberste Sowjet. Wenn er Journalisten anpatzt, macht er eine sehr gute Stimmung." 38 Prozent hielten Stronach wohl auch deshalb für unterschätzt.

Beutelmeyers Resümee: "Alter schützt vor neuen Ideen nicht."

"Das zeigt die Verzweiflung"

Es komme aber wohl darauf an, was das für Ideen seien, meint Stainer-Hämmerle: "Das zeigt doch die Verzweiflung der Österreicher auf der Suche nach neuen Angeboten. Der negative Aspekt ist, dass die Themen sehr alt sind, wie von Jörg Haider in den 1990er-Jahren: Anti-Privilegien, Anti-Establishment. In Kärnten steht der Spitzenkandidat Gerhard Köfer auf und sagt: 'Der Köfer, der traut sich was!' Das haben wir doch auch schon einmal gehört."

Sperl fragt nach, ob Stronach wohl bis zur Wahl "mit seinem geringen Vokabular" durchhalten werde - worauf Herbert Paierl, ehemaliger steirischer Landesrat aus der ÖVP mit besten Verbindungen zu Stronach in die Bresche springt: Er sei "ja nicht der Armenanwalt" Stronachs, aber er bitte die Herkunft des Austrokanadiers in der Oststeiermark, einer sehr benachteiligen Region, zu bedenken. Von dort habe er sich - ohne Hochdeutsch- und ohne Englischkenntnisse - nach Kanada aufgemacht. Und allein aus dieser Erfahrung heraus könne man ihm glauben: "In der Ausländerfrage ist er clean" - also kein Vergleich mit Haider.

Und dann kippt Paierl doch in die Verteidigerrolle - und klagt jene an, die sich über Stronach lustig machen, obwohl sie sonst darüber klagen, wie fad die heimische Politik wäre. Aber viele spürten doch: "Da ist einer, der etwas erreicht hat. In Österreich herrscht hohe Frustration - und was Stronach hat, das ist ein Umsetzungskonzept."

Ja, aber was will er denn umsetzen, fragt Stainer-Hämmerle nach: "Er steht stark für Veränderung, aber da würde ich gerne wissen: wohin verändern? Wenn man seine Website anschaut, ist das Programm eigentlich recht wirr. Seine Homepage ist ein bisschen sektenartig."

"Nur Allgemeinplätze"

Den Ball greift Schmitz gerne auf: "Wir haben von Stronach nur Allgemeinplätze gehört. Er sagt nicht, welche Staatsausgaben er streichen würde - und welche Klientel dann keine Zuwendungen mehr bekäme. Ich sehe bei ihm Persönlichkeitsmerkmale, die mich aus psychologisch-medizinischer Sicht irritieren. Mich irritiert, wenn jemand einen anderen zum Idioten stempelt, sobald kritische Fragen gestellt werden."

Beutelmeyer ist weniger irritiert, er warnt davor, Stronach zu unterschätzen - "die Leute wissen, dass er sich immer wieder aufgerappelt hat. Er ist ein Hoffnungsträger der Veränderung, zumindest des Anstoßes zur Veränderung." (Conrad Seidl, DER STANDARD, 30.1.2013)

  • Sozialforscher Beutelmeyer, Weggefährte Paierl, Psychologe Schmitz, 
Politologin Stainer-Hämmerle, Moderator Sperl - und ein Abwesender, der 
alle beschäftigt.
    foto: der standard/urban

    Sozialforscher Beutelmeyer, Weggefährte Paierl, Psychologe Schmitz, Politologin Stainer-Hämmerle, Moderator Sperl - und ein Abwesender, der alle beschäftigt.

  • Ansichten über Frank Stronach
    grafik: der standard

    Ansichten über Frank Stronach

Share if you care.