336 Jahre altes Schulzeugnis im Staatsarchiv Gotha entdeckt

2. Februar 2013, 11:49
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Späterer evangelischer Theologe und Pädagoge August Hermann Francke besuchte als 13-Jähriger die Classis Selecta

Schulzeugnisse aus dem 17. Jahrhundert sind eine ausgesprochene Rarität und heute in nur geringer Anzahl erhalten. Umso mehr freuten sich daher Experten über einen aktuellen Fund im Thüringischen Staatsarchiv Gotha: Wissenschafter von der zur Universität Erfurt gehörenden Forschungsbibliothek Gotha entdeckten dort bei ihren Vorbereitungen zur Ausstellung "Gotha macht Schule. Bildung von Luther bis Francke" das Schulzeugnis von August Hermann Francke (1663-1727), dem Begründer der heute unter seinem Namen firmierenden Franckeschen Stiftungen in Halle.

Dass die Schulzeugnisse dieser Zeit im Staatsarchiv archiviert werden, war zwar bekannt, aber nach Francke wurde noch nie konkret gesucht. Die Schulzeugnislisten aus der Zeit ermöglichen einen tiefen Einblick in die noch weitgehend unerforschte deutsche Schulgeschichte des 17. Jahrhunderts, die wesentlich vom Herzogtum Sachsen-Gotha unter Herzog Ernst dem Frommen mit innovativen Bildungskonzepten geprägt worden ist.

Ein 13-Jähriger unter Erwachsenen

Francke verbrachte fast seine gesamte Kindheit und Jugend in Gotha. Lange Zeit privat zu Hause unterrichtet, besuchte er erst 1676 im Alter von 13 Jahren und auch nur für ein Jahr das Gothaer Gymnasium. Er kam sogleich in die Classis Selecta, der damals höchsten Klasse am Gymnasium. Hier war er der jüngste Schüler und musste sich mit Schulkameraden messen, die überwiegend 20 Jahre und älter waren. Das entdeckte Jahresabschlusszeugnis von 1677 lässt einen Blick auf seine Leistungen zu: Sein moralisches Verhalten und seine Auffassungsgabe wurden als gut bezeichnet.

Seine Kenntnisse in Hebräisch und Griechisch waren im Unterschied zu seinen Latein-Kenntnissen stark verbesserungsfähig. Auch seine Leistungen in den Bereichen "Neues Testament" und "Kirchengeschichte" wurden als nur durchschnittlich bewertet. In Ethik und Physik bekam er dagegen gute Noten. Insgesamt zeigt das Zeugnis einen Schüler, der sich in der höchsten Klasse wacker geschlagen hat. Warum er die Schule bereits nach einem Jahr wieder verließ, lässt sich nicht mehr klären.

Die soziale Struktur eines Gymnasiums

Der Fund ergänzt die reichhaltigen Bestände von Handschriften aus dem alten Gothaer Gymnasium. Mit ihnen kann die Entstehungsgeschichte des modernen Schulwesens im 17. und frühen 18. Jahrhundert für den Thüringer Raum sehr detailliert nachgezeichnet werden. Die alten Zeugnislisten des Gothaer Gymnasiums, die bis 1641 zurückreichen, sind hierbei ein unverzichtbares Instrument für Milieustudien. Mit ihnen kann die soziale Struktur eines Gymnasiums untersucht werden, das unter Andreas Reyher zu einer Musterschule mit einer weit über Thüringen hinausweisenden Bedeutung avancierte. (red, derStandard.at, 02.02.2013)

  • Die Zeugnisliste der Classis Selecta am Gothaer Gymnasium aus dem Jahr 1677.
    foto: thsta gotha

    Die Zeugnisliste der Classis Selecta am Gothaer Gymnasium aus dem Jahr 1677.

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