Evolutionsforscher fordert artgerechte Menschenhaltung statt Temporausch

30. Jänner 2013, 11:56
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Das Gehirn hat sich seit 30.000 Jahren kaum verändert und ist mit dem steigenden Tempo der Gesellschaft überfordert, sagt Franz M. Wuketits

Jeder vierte Mensch in einem westlichen Land ist psychisch krank. Oft handelt es sich um durch Stress bedingte Krankheiten und Depressionen. Kein Wunder, sagt der österreichische Evolutionsforscher Franz M. Wuketits in seinem neuen Buch "Zivilisation in der Sackgasse". Es werde ja auch dem Einzelnen immer mehr Leistung und Tempo abverlangt - sowohl im Beruf als auch im Privatleben. Das überfordert. Er plädiert daher für eine "artgerechte Menschenhaltung".

Ein Großteil der Menschen lebe heute in den Megastädten der Erde auf engstem Raum anonym zusammen, sagt der Autor gegenüber derStandard.at. Deshalb die Analogie zur Massentierhaltung, die er "aber auf keinen Fall ideologisch positioniert" wissen will. Die Evolution des Menschen umfasse rund fünf Jahrmillionen. Die längste Etappe dieser Entwicklung verbrachte der Mensch als Jäger und Sammler in kleinen sozialen Gruppen. Die sogenannte "technische Zivilisation" entstand dagegen in vergleichsweise wenigen Jahren.

Keine pessimistische Zivilisationskritik

Es sei zwar unangebracht, das beschwerliche und daher meist kurze Leben unserer Ahnen zu romantisieren. Doch unser Denken, Handeln, Fühlen und Wollen sei von diesen Vorfahren geprägt, sagt der Evolutionsforscher: "Unser Gehirn hat sich seit mindestens 30.000 Jahren nicht nennenswert verändert. Verschiedene Ergebnisse weisen daher darauf hin, dass wir an das Tempo unserer Zivilisation, an das Leben in anonymen Massengesellschaften nicht angepasst sind." Es sei daher an der Zeit, wieder auf den "Steinzeitmenschen in uns Rücksicht zu nehmen".

Das ist nichts Neues, das Buch will jedoch auch keine pessimistische Zivilisationskritik an einer untergehenden Gesellschaft üben. Denn in jeder Epoche habe es Kritiker gegeben, die an ihrer Zeit etwas auszusetzen hatten, mit den Lebensumständen unzufrieden waren und sich eine "bessere Welt" wünschten, so der Autor. Wuketits will vielmehr den Widerspruch aufzeigen zwischen dem, was der Mensch seiner eigenen Natur zufolge ist, und dem, was ihm heute abverlangt wird.

Gefühl der Sinnlosigkeit

Der Wissenschaftler nennt vier Phänomene, die die Fehlentwicklung seiner Meinung nach vorantreiben. Erstens die Regulierungswut, durch die jedes Detail unseres Lebens vorgegeben wird. Das Individuum gibt also bereitwillig seine Mündigkeit auf, da es angenehmer ist, weniger Verantwortung tragen zu müssen. Zweitens waren die Menschen noch nie so versessen auf Innovationen. Damit einher geht als dritte Fehlentwicklung die Ideologie des grenzenlosen Wachstums, womit auch die Nummer vier, die Beschleunigung, vorangetrieben wird.

Das Tempo, das in der Arbeit abverlangt wird, steigt stetig. E-Mails werden auch nach Dienstende noch beantwortet, wenn der Berg an Arbeit zu groß wird, werden Überstunden gemacht. Gleichzeitig empfinden immer mehr Menschen ihre - meist unzureichend bezahlte Arbeit - als sinnlos. Das stellt sie in ein paradoxes Spannungsfeld zwischen dem subjektiven Gefühl der Nutzlosigkeit auf der einen und der Ausbeutung auf der anderen Seite. Wirtschaft und Politik würde dagegen aber keine Hilfe leisten - die Folge ist Verdrossenheit.

Moderner Mensch im Tempodrom

Das alles spiele sich in einem Umfeld ab, in dem sich niemand mehr Zeit lassen oder genügend Zeit nehmen dürfe. Der Autor zitiert den Münchner Philosophen Karlheinz Geißler, der von einem Tempodrom spricht. Dort habe das Wohlbefinden keinen Platz mehr. Dieses Wort sei überhaupt veraltet, man spreche nur noch von Wellness, schreibt Wuketits und kritisiert, dass dieses Wort schon "in Verbindung mit Fitness auf der sprachlichen Ebene jenen Ungeist charakterisiert, dem wir überall begegnen".

Ein Sinnbild für unsere beschleunigte Zeit ist für Wuketits der "Coffee to go". Die angenehmere Alternative sei es doch, sich ein paar Minuten hinzusetzen und den Kaffee in Ruhe zu genießen. Dabei habe man unter Umständen Zeit für ein paar eigene Gedanken. Die Zeit des gepflegten Müßiggangs ist vorbei, klagt Wuketits, nicht umsonst gelte der Begriff "Bummelstudent" mittlerweile als Schimpfwort.

Raus aus der Sackgasse

Wuketits übt jedoch auch Kritik an allen, die sich auf das Spiel einlassen: Wie betäubt würden sie eine dubiose Ideologie des Fortschritts mitmachen und gar nicht wahrnehmen, dass sie damit weder die eigenen Bedürfnisse befriedigen noch ihre Arbeit besser erledigen. Denn in der Eile steige bekanntlich auch die Fehlerquote. Wer dann schlussendlich ausgebrannt sei, lasse das seine berufliche Umgebung besser gar nicht wissen, denn er werde sonst als "nicht mehr voll einsatzfähig" abgestempelt.

Ein einfaches Rezept für die Entschleunigung hat Wuketits nicht. Er plädiert für Selbstverantwortung und Zivilcourage jedes Einzelnen und für eine Rebellion gegen den Konsumwahn: "Der mündige Bürger, der sich nicht alles diktieren lässt, spielt eine herausragende Rolle." Ratsam sei es daher, ein selbstbestimmtes Leben zu führen und sich nicht allem anzuschließen, was Wirtschaft und Politik vorgeben. (Julia Schilly, derStandard.at, 30.1.2013)

Franz M. Wuketits wurde 1955 im Burgenland geboren. Er studierte Philosophie, Zoologie, Paläontologie und Wissenschaftstheorie an der Uni Wien, seit 1980 lehrt er dort am Institut für Philosophie mit Schwerpunkt Philosophie der Biowissenschaften. Weiters hat Wuketits Lehraufträge und Gastprofessuren an der Universität Graz, der TU Wien und der Universität der Balearen in Palma de Mallorca. Seit 2002 ist er Vorstandsmitglied des Konrad-Lorenz-Instituts für Evolutions- und Kognitionsforschung im niederösterreichischen Altenberg, daneben wissenschaftlicher Beirat mehrerer Institutionen und Gesellschaften und in Fachzeitschriften wie "Biological Theory", "La Nuova Critica" und "Ludus Vitalis". Wuketits hat rund 40 Bücher und mehr als 420 weitere Veröffentlichungen verfasst und ist Herausgeber von 15 Sammelbänden.

Franz M. Wuketits
Zivilisation in der Sackgasse

Plädoyer für eine artgerechte Menschenhaltung
Mankau Verlag
280 Seiten, 19,95 Euro

  • Der Geschwindigkeitsrausch unserer Gesellschaft kann krank machen. Evolutionsforscher Franz M. Wuketits zeigt in seinem Buch "Zivilisation in der Sackgasse" den Widerspruch 
zwischen der Natur des Menschen und dem, 
was ihm heute abverlangt wird, auf.
    foto: istock photo/rafael ramirez lee

    Der Geschwindigkeitsrausch unserer Gesellschaft kann krank machen. Evolutionsforscher Franz M. Wuketits zeigt in seinem Buch "Zivilisation in der Sackgasse" den Widerspruch zwischen der Natur des Menschen und dem, was ihm heute abverlangt wird, auf.

  • "Setzen Sie sich hin und genießen Sie Ihren Kaffee, anstatt einen Coffe to go zu kaufen", lautet der Tipp des Autors für mehr Wohlbefinden.
    foto: mankau verlag

    "Setzen Sie sich hin und genießen Sie Ihren Kaffee, anstatt einen Coffe to go zu kaufen", lautet der Tipp des Autors für mehr Wohlbefinden.

  • Neben Wirtschaft und Politik nimmt der Philosoph in seinem Buch aber auch all jene in die Kritik, die der Fortschrittsideologie hinterherhecheln würden.
    foto: mankau verlag

    Neben Wirtschaft und Politik nimmt der Philosoph in seinem Buch aber auch all jene in die Kritik, die der Fortschrittsideologie hinterherhecheln würden.

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