Biedermeier mit Ausblick: Rückzug in die gläsernen vier Wände

3. Februar 2013, 17:00
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Wer sich Architekten leistet, will Hochwertiges - Architektur zeigt Tendenzen in der Gesellschaft auf

Große Wohnräume und viel Glas - so kann man momentan einen Architekturtrend bei Wohnhäusern zusammenfassen. Dass das eine Auswirkung auf die Menschen hat, die in solchen Häusern wohnen, glaubt Günter Katherl vom Wiener Architekturbüro Caramel: "Wenn man offener wohnt, dann wird man ein bisschen weltoffener." Auch Christian Stummer vom oberösterreichischen Architekturbüro "Two in a Box" sieht Architektur im gesellschaftlichen Kontext und erkennt hinter dem Bedürfnis, hochwertig zu wohnen, eine Art neues Biedermeier. 

Große Räume

Für "Two in a Box" stehen die Bedürfnisse der Kunden über den jeweiligen Trends in der Architekturszene. Der Wunsch nach großen Wohnräumen ist für das Ottensheimer Unternehmen aber auf jeden Fall ersichtlich. "Da geht es um neue Wohnbedürfnisse", erklärt Stummer. Früher seien Wohnzimmer, Küche und Esszimmer streng getrennt gewesen. Dafür habe man mehr Platz gebraucht als für einen einzigen großen Raum. Diese neue Art der Planung hat also durchaus ihre Vorteile.

Günter Katherl von Caramel fasst das Planen von größeren Räumen unter dem Begriff Großzügigkeit zusammen. "Das hat nichts mit Größe zu tun", stellt er klar. Viel eher gehe es darum, besser mit der zur Verfügung stehenden Fläche umzugehen. Diese Großzügigkeit in der Planung lasse sich nicht nur durch größere Wohnräume, sondern auch durch den Einsatz von viel Glas erzielen: "Dadurch wird das Wohnen transparenter und man hat den Eindruck, dass man größer lebt", erklärt Katherl. Nichts sei nämlich schlimmer, als wenn sich die Leute in ihren Häusern von der Umgebung abriegeln.

Doppelte Wirkung von Glas

Im Trend zu mehr Glas im Wohnbereich erkennt Christian Stummer ein wachsendes Bedürfnis der Menschen nach mehr Aussicht. Auch die Homebase der Architekten von "Two in a Box" in Ottensheim ist ein Beispiel dafür: Die Büros sind durch Glaswände getrennt, der Aussicht nach draußen steht ebenfalls nichts im Weg. Dadurch spüre man das Draußen, so Stummer.

Auch die energietechnischen Vorteile von Fenstern seien nicht zu verachten: Während Fenster früher in der Architektur wärmetechnisch problematisch waren, seien sie heute - richtig platziert - ideal für passives Heizen.

Ausreichend Stauraum wichtig

Für Katherl sind kleinere Nebenräume eine logische Konsequenz aus dem Konzept des offenen Wohnens: "Die Fläche muss man sich ja irgendwo wieder holen." Wichtig sei aber, ausreichend Rückzugsbereiche für die einzelnen Familienmitglieder einzuplanen. "Da kann ich dann die Tür zuknallen und mich reinhocken." Diese Bereiche seien aber nur sehr klein und als eine Art "Kuschelecke" geplant.

Wohin also mit jenen Dingen, die sich im Lauf der Jahre so ansammeln? "Lagerräume werden leider oft von Architekten vergessen", räumt Katherl ein. Eine der ersten Fragen beim Planen müsse daher immer sein: "Was und wie viel haben Sie zu verstauen?"

Dass Menschen auch in Zukunft viel "Zeug" besitzen werden, davon ist Christian Stummer trotz Trends wie zunehmender Digitalisierung überzeugt. Lager- und Abstellräume seien daher nach wie vor wichtig. "Was es aber nicht mehr gibt, ist die Speis, in der man früher 20 Kilo Kartoffeln gelagert hat."

Kein Keller

Die Frage ist jedoch, wie viel Stauraum wirklich benötigt wird: Viele Kunden würden sich bei der Planung ihres Hauses anfangs einen Keller wünschen. Wozu sie einen Keller brauchen, wissen sie manchmal selbst nicht einmal, erzählt Katherl: "Ein Keller kostet wahnsinnig viel Geld. Die Frage ist, ob es das wert ist." Bei geschickter Planung sei der Stauraum nicht Teil eines Raumes, sondern es gebe einen Kleiderschrank oder einen Abstellraum. "Diese Flächen sind dann dafür dimensioniert, was man wirklich braucht."

Nachteile des offenen Wohnens

Ein Vorurteil gegenüber großen, offenen Wohnbereichen entkräften beide Architekten: Die Küche in der Mitte des Wohnbereichs sei geruchstechnisch kein Problem. "Vor zehn Jahren gab es immer zwei Fragen: 'Stinkt es da nicht im ganzen Haus? Und wer putzt mir die Fenster?'", erinnert sich Katherl. Das höre man heute kaum mehr. Einerseits, weil die meisten Küchen ohnehin einen Dunstabzug haben. Und andererseits, weil die Küche als Mittelpunkt des familiären Lebens die Menschen begeistert: "Da sieht einer beim anderen, wie toll es ist, dass einer kocht und alle anderen rundherum stehen und dann vielleicht mitkochen", weiß Katherl.

Veränderungen der Gesellschaft

Diese Aufwertung der Küche sei darauf zurückzuführen, dass Kochen heute eine andere Bedeutung hat als früher: Es gehe dabei mittlerweile um mehr als das Herstellen von Essen. Auch Christian Stummer erkennt eine Veränderung des Stellenwerts der Küche: "Diese wird immer mehr zur Designwelt. Viele Küchen gibt es nur zum Herzeigen." Allgemein entwickle man sich weg von der reinen Wohnwelt und hin zu einer Erlebnis- oder Wohlfühlwelt.

Das werde auch an der Planung von Bädern und Schlafzimmern ersichtlich: Beide hätten sich zu regelrechten Wellnessoasen entwickelt. Auch bei der Badezimmerplanung sei Offenheit wichtig, meint Günter Katherl: "Warum muss man sich da wegsperren?"

Hochwertige Materialien

Wer es sich heute leistet, einen Architekten für die Planung des Hauses zu beschäftigen, der legt laut Stummer oft auch großen Wert auf hochwertige Materialien: Die Böden wünsche man sich häufig aus Holz oder Stein. Die Kunden von "Two in a Box" würden auch immer umweltbewusster: Der Trend gehe weg vom Kunststoff und wieder hin zu gediegenem Material.

Hinter diesem Bedürfnis nach hochwertigem Wohnen glaubt Christian Stummer eine Art neues Biedermeier zu erkennen: "Man zieht sich in die eigenen vier Wände zurück und gestaltet sich dort eine heile Welt."

Architektur als Gesellschaftspolitik

Nur ein Bruchteil der Österreicher lässt sich übrigens das Haus von einem Architekten planen. Der Glaube, dass Hausbauen dadurch unleistbar wird, ist weit verbreitet. Gegen diesen Fehlglauben kämpfen die Architekten von Caramel: Hausbauen mit einem Architekten soll nämlich im Idealfall billiger sein als ohne die Hilfe eines Fachmanns.

Die oft fehlende Planung durch Architekten hat Konsequenzen: Das typische österreichische Einfamilienhaus ist für Katherl nämlich "kleinkariert" und besteht aus vielen kleinen Räumen. Dabei fehle es an Offenheit und Weitblick: "Es gibt da schon gewisse Befürchtungen, dass das im Kopf etwas auslöst." Er ist überzeugt davon, dass Architektur auch eine gesellschaftspolitische Aufgabe hat: "Es ist unglaublich, wie viel man erreichen kann mit einem Haus, das ein bisschen anders aussieht." (Franziska Zoidl, derStandard.at)

  • Ein Haus, dass nicht dem klassischen Musterhaus entspricht, kann viel bewirken.
    foto: two in a box

    Ein Haus, dass nicht dem klassischen Musterhaus entspricht, kann viel bewirken.

  • Größere Wohnräume und er Einsatz von Glas erzeugen ein Gefühl von Großzügigkeit und Freiraum.
    foto: otto hainzl

    Größere Wohnräume und er Einsatz von Glas erzeugen ein Gefühl von Großzügigkeit und Freiraum.

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