Breite, flächige Klangmagie

Simon Rattle und das Orchestra of the Age of Enlightenment im Wiener Musikverein

Wien - Apollinisch und heiter, göttlich-entrückt, fern aller Katastrophen und voller himmlischer Verklärung - solche Vorstellungen bestimmten das Mozart-Bild bis ins späte 20. Jahrhundert, ehe es selbst als verklärend deutlich gemacht und massiv in Frage gestellt wurde.

Pünktlich zu Mozarts 257. Geburtstag am 27. Jänner feierte es allerdings im Wiener Musikverein eine seiner gar nicht so ungewöhnlichen Auferstehungen, als Simon Rattle mit dem Orchestra of the Age of Enlightenment die letzten drei Symphonien (Es-Dur, KV 543; g-Moll, KV 550; C-Dur, KV 551) wiedergab.

Keine Frage: Ihr Musizieren war unverkennbar durch die Erkenntnisse der historisch informierten Aufführungspraxis grundiert, in Fragen der Phrasierung, Gestik, dynamischen Akzentuierung, Tempowahl etc. deutlich von deren Lehren bestimmt. Aber Rattle ist in seinem ästhetischen Empfinden doch zu stark von romantisierenden Sichtweisen geprägt, um ganz von ihnen absehen zu können: Auch Mozarts Musik begreift er zunächst einmal und vor allem als Klangmagie.

Er liebt das Satte, Breite, Flächige - und schien am Sonntag zuweilen mehr auf die Macht seine Körpersprache zu vertrauen, als dass er ausreichend auf die nötige Durchhörbarkeit geachtet hätte, sodass etliche wesentliche Linien nebulös blieben. Ebenso unklar war etwa auch, warum die vorgeschriebenen Wiederholungen einmal ausgeführt wurden, dann wieder nicht - eine Frage, die absolut nebensächlich sein könnte, hätte nicht das ganze Unternehmen den Beigeschmack entspannter Bequemlichkeit geatmet. Und der passte vor allem zum düsteren g-Moll-Werk ganz und gar nicht.

Malerische Lichtspiele

Dabei gab sich der Maestro meistens holdselig lächelnd, mitunter energisch auffahrend, was freilich nicht immer mit dem klanglichen Ergebnis korrespondierte: Das Klangbild bewegte sich vielmehr meist im temperierten Mittelmaß, manche heftige Bewegtheit erschien wie durch Watte ausgebremst, so gut wie jeder Kontrast wirkte gut verdaulich abgefedert.

Wo etwa der vierte Satz der C-Dur-Symphonie unmittelbar vor der Reprise plötzlich stillsteht und fast ins Bodenlose stürzt, klang das so, als hätte ein sogenannter Impressionist abendliche Lichtspiele beim malerischen Sonnenuntergang geschildert.

Dem allgemeinen Jubel tat dies alles freilich keinerlei Abbruch. (Daniel Ender, DER STANDARD, 29.1.2013)

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