EU-Datenschutz: Wir sind empört

Blog | Sarah Spiekermann
29. Jänner 2013, 10:26
  • Spiekermann über die Brüssler Privacy Declaration.
    foto: sarah spiekerman

    Spiekermann über die Brüssler Privacy Declaration.

Ein Ruf nach Brüssel, um dem Bürgerschutz eine Stimme zu verleihen

Gerade ist in Brüssel die weltweit wichtigste Konferenz zum Thema elektronische Privatsphäre vorbei gegangen, CPDP (Computers, Privacy and Data Protection). Wissenschaftler und Verbraucherschützer, Behörden und Unternehmen aus der ganzen Welt tauschten sich darüber aus, wie es um den Datenschutz in Europa und weltweit bestellt ist.

Gesprächsthema Nummer 1 war die Tausendschaft an Lobbyisten (insbesondere aus den USA finanziert), die derzeit mit Hochdruck daran arbeitet, dass die neue europäische Datenschutzverordnung, die von der europäischen Kommission vorgelegt worden ist, verwässert wird. Das Lobbyziel ist, den heutigen europäischen Datenschutz abzuschwächen, um derzeitig fragwürdige Geschäftsmodelle rückwirkend zu legitimieren, die auf der Nutzung von persönlichen Daten aufbauen. Aus Empörung über diese Praktiken wurde im Rahmen der Konferenz von Teilnehmern die 'Brussels Privacy Declaration' verfasst und veröffentlicht. Nun sollen in ganz Europa tausende von Unterschriften gesammelt werden, um dem Bürgerschutz eine Stimme zu verleihen. Ich erlaube mir, die Declaration hier in Deutsch zugänglich zu machen.

Brüssler Privacy Declaration

Der Erhalt der Privatsphäre ist ein fundamentales Menschenrecht, was heute weitläufig ignoriert wird.
Wir sind darüber empört.

Wir sind empört,

  • da wir, die Bürger Europas, mittlerweile in hunderten von Datenbanken registriert sind, weitestgehend ohne unser Wissen und ohne unsere Zustimmung
  • da über 1200 Firmen sich darauf spezialisiert haben, mit unseren persönlichen Daten zu handeln, weitestgehend ohne unser Wissen und ohne unsere Zustimmung
  • da wir jedes Mal wenn wir im Internet surfen von über 50 Firmen bei jedem Click beobachtet werden, weitestgehend ohne unser Wissen und ohne unsere Zustimmung
  • da wir permanent von Algorithmen eingeteilt und beurteilt werden und dann entsprechend unseres Wertes von Firmen gut oder schlecht behandelt werden, weitestgehend ohne unser Wissen und ohne unsere Zustimmung
  • da die Stimme und Ängste europäischer Bürger (im Hinblick auf diese Praktiken) derzeit ersetzt werden durch die Meinung von Lobbyisten.

Vor diesem Hintergrund rufen wir die Mitglieder des Europaparlaments und und die Regierungen der europäischen Mitgliedsstaaten an, unser Recht auf Privatsphäre zu stärken.

Wir erwarten, dass die neue europäische Verordnung zum Datenschutz folgende Rechte garantieren wird:

  • Der Schutz aller persönlichen Informationen, inklusive der Identifier von Hard- und Software
  • Die Anerkennung, dass jeder europäischer Bürger das Recht darauf hat, effektive Kontrolle über seine persönlichen Daten auszuüben
  • Explizite, starke und informierte Zustimmung zur Verarbeitung persönlicher Daten
  • Abschaffung der Koppelung der Dienstnutzung mit der Verwendung von persönlichen Daten (keine 'take-it-or-leave-it' Praktiken mehr)
  • Transparenz der Datenverarbeitung und Praktiken der Datenweitergabe
  • Garantie einer 'echten' Datenmitnahme (zu anderen Anbietern), um den Wettbewerb zwischen diesen zu fördern, den ‚Lock-in' zu reduzieren und informationelle Selbstbestimmung zu erreichen
  • Starker Schutz vor geheimer Profilbildung über Bürger, offline wie online
  • Effektive Entschädigungen und Sanktionen durch Firmen und Regierungen, die das Gesetz nicht befolgen
  • Die Zukunft Europas braucht ein Recht auf Privatsphäre und wir müssen dieses fundamentale Recht jetzt verteidigen.

Wenn Sie diese Erklärung unterschreiben wollen, dann senden Sie bitte eine E-Mail an sign@brusselsdeclaration.net mit ihrem Namen, Land und Beruf. Danke! (Sarah Spiekermann, derStandard.at, 29.1.2013)

Sarah Spiekermann ist Professorin an der Wirtschaftsuniversität Wien, wo sie dem Institut für BWL und Wirtschaftsinformatik vorsteht. Seit mehr als zehn Jahren lehrt und forscht sie zu sozialen Fragen der Internetökonomie und Technikgestaltung.

Link

CPDP

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22 Postings

Und wie aktuell wichtig dieser Artikel ist, erkennen wir jetzt noch viel besser!!!
Juni 2013.....

http://brusselsdeclaration.net/

Irgendwie bin ich mir nicht ganz sicher, was die CPDC mit der Brussles Privacy Declaration zu tun hat. Hab vergebens versucht auf der CPDC homepage auch nur irgendeine Information über die Brussels Privacy Declaration zu finden und auch bei der BPD homepage taucht die CPDC nicht auf...
Hier auf jeden Fall der direkte Link zur Declaration:
http://brusselsdeclaration.net/

Zu Spät...

"The declaration is no longer open to new signatories. If you are interested in the reform of the European privacy rules, please visit the European Campaign Portal for the Data Protection Reform. http://www.privacycampaign.eu/"

Na klar.
Als Arbeitend und Studierender der nicht gleich alles liest & abarbeitet kommt man ja immer zu spät.
Aber ist ja nichts weltbewegendes, sons hätten uns schon unsere Politiker gewarnt. Also bloß keinen Stress.

sponsored by...

hat vielleicht jemand vor dem signen den Link zur CPDP aufgerufen?
Da springen einem schon auf der Startseite die Sponsoren an, ua Facebook, Google und Microsoft als 'Platinum-Sponsors'.
Also die drei schlimmsten Datenschleudern der Welt, die mit Verarbeitung und Verkauf von Nutzerdaten nicht unerhebliche Geldsummen einnehmen, finanzieren freiwillig eine Zusammenkunft die versucht das eigene Geschäftsmodell einzubremsen?? Ich verstehe...
Diese Farce wird von mir sicher NICHT gesigned.

Also ich habs geshared und gesigned... Sinnvoller als Kinderfotos auf Facebook... ;)

Wenn man sicherstellen will dass niemand mehr in der EU moderne Dienstleistungen anbietet dann ist das sicher eine super Strategie.

Auf die "moderne Dienstleistung", nicht persönlich freigegebene Kundendaten bei entsprechenden Firmen kaufen zu können, würden viele gerne verzichten.

ja, ich kann mich erinnern..

in der zeit, wo noch nicht daten von allem und jedem durchs netz geschwirrt sind, so vor ca. 20 jahren, da wurden auch kaum dienstleistungen angeboten.
man konnte damals ja nichtmal eine wurstsemmel so ohne weiteres kriegen.

wenn moderne dienstleistungen davon leben, dass sie meine daten zu geld machen, will ich da mitreden können.

meine Daten

können die ruhig haben. Die dürfen sich halt dann nicht wundern wenn ich mir mal die ihren hole.

Löblich.

Nur die über 50 Firmen dürfen sich bei mir mit Adblock & Ghostery herumschlagen.
Wesentlich wichtiger wäre mir ein Addon namens VDS-Block.
Und ein zweites namens USA-Block.

Betreffend Firmenbeurteilung ist übrigens Ghostery ein guter Ansatz, man lese es so: Je mehr Tracking-Cookies desto geringer die Vertrauenswürdigkeit.

hilft ihnen bei schattenprofilen von facebook leider ah nix.

"EU" und "Datenschutz" in einer gemeinsamen Überschrift?!?

sign@brusselsdeclaration.net mit ihrem Namen, Land und Beruf

und wie schaut's da mit Datenschutz aus?

Privacy statement ( http://brusselsdeclaration.net )

The website is hosted by Bits of Freedom in The Netherlands. All email addresses and names of signatories collected via this website are used solely for the purpose of adding signatories to the list. We delete all e-mailaddresses permanently after updating the list. For any further information please contact us via sign@brusselsdeclaration.net.

Gut!

Vielen Dank! Finde ich übrigens sinnvoll, gleich mit alternativen Policies ein gutes Vorbild zu demsonstrieren, wie man Massen bewegen kann, ohne Netzwerke zu instrumentalisieren und Dateschutzmissbrauch zu betreiben.

ich glaub sie können die daten, die diese deklaration über sie hat, auch gerne einsehen.

Gesprächsthema Nummer 1 war die Tausendschaft an Lobbyisten (insbesondere aus den USA finanziert), die derzeit mit Hochdruck daran arbeitet, dass die neue europäische Datenschutzverordnung [...] verwässert wird

Wie geht das überhaupt, dass diese Menschen darauf Einfluss nehmen? Bzw. was wäre denn die Entscheidungsgrundlage, wenn es dieses Lobby-Pack nicht gäbe?

Es fällt mir so schwer zu glauben (auch wenn es die Realität sein mag) dass da keine "sachliche" Entscheidung gefällt werden kann, bzw. sich alle Verantwortlichen zuplappern lassen.

Die meisten EU-ParlamentarierInnen glauben das sind Agenten. Um sie zu überführen, nehmen sie deren Geld und stimmen in ihrem Sinne ab.

Hier das n, welches unter dem bild fehlt

Herzlichen Dank für diesen Beitrag, Sie sprechen hier ein sehr wichtiges und hochaktuelles Thema an!

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