Ein Sieg mit langen Schatten

Kommentar |

Timbuktu - Wien und retour: Realpolitik gesucht, Parteigeplänkel gefunden

Es ist ein Wendepunkt dieser Militärintervention: Mit dem Fall Timbuktus kontrollieren die Franzosen und ihre malischen Hilfstruppen die wichtigsten strategischen Punkte in Nordmali. Die einzige größere Stadt, die islamistische Milizen am Montagabend noch teilweise hielten, war Kidal an der Grenze zum Niger. Auch ihre vollständige Eroberung war nur noch eine Frage der Zeit.

Die Interventionsstreitmacht hat schnell Erfolge erzielt und wichtige Ziele erreicht: Die Eroberung Bamakos durch die Islamisten wurde verhindert. Die Franzosen haben die militärischen Kapazitäten der Milizen geschwächt, bisher ohne bekannte größere Schäden unter der Zivilbevölkerung. Eine Rinne ist gelegt, über die afrikanische Unterstützungstruppen in die Zentren des Nordens einsickern können. Viele Tuareg haben dem Vernehmen nach inzwischen begriffen, dass ein eigenständiger Tuareg-Staat in Nordmali ins Reich der Illusionen gehört. Und nicht zuletzt ist die Einheit der islamistischen Front gesprengt: Zumindest ein Teil der Kämpfer der Ansar-al-Dine-Milizen gab sich zuletzt verhandlungsbereit.

Völlige Vertreibung kann gar nicht gelingen

Nur das, was Frankreichs Präsident François Hollande in der Begründung für die Mission auch hat anklingen lassen, nämlich die völlige Vertreibung der Islamisten aus Nordmali, ist bisher nicht gelungen - und kann gar nicht gelingen. Das Gebiet ist der Fläche nach weitaus größer als Frankreich und de facto unkontrollierbar. Es ist ein Leichtes für die "Al-Kaida im Maghreb" und die "Bewegung für die Einheit und den Jihad in Westafrika", sich nach Algerien und in den Niger abzusetzen - und bei Gelegenheit wiederzukommen.

Für diese Hardcore-Ideologen, Schmuggler und Kriminellen (oft in Personalunion) muss eine Lösung gefunden werden, die über die Grenzen Malis hinausreicht. Entweder es besteht der politische Wille in der Region und in den westlichen Hauptstädten, sie zu verfolgen und zu stellen. Oder man einigt sich mit ihnen auf einen Deal, der ihnen ihre Geschäfte im Waffen-, Frauen- und Drogenhandel erlaubt im Abtausch gegen eine relative Stabilität in der Region.

Sicherheitspolitik in Wien

Weil Letzteres durchaus unschön ist, wird Europa (und nicht nur Frankreich) wohl lange versuchen müssen, seine unmittelbare Interessensphäre mit finanzieller und auch militärischer Aufbauhilfe zu stabilisieren. An diesem Punkt kommt auch Österreich, da nützt alle immerwährende Neutralität nichts, ins Spiel. Denn über die Sicherheit Wiens wird dieser Tage auch in Mali entschieden, von Timbuktu ist es nicht weit bis zur Löwelstraße und in die Lichtenfelsgasse.

Es wäre also hilfreich, nach der unglückseligen Wehrpflichtabstimmung aus den am Boulevard ausgehobenen Schützengräben zu steigen und eine echte sicherheitspolitische Debatte zu führen. Dass das, dem Parteiengeplänkel nach zu schließen, nicht passiert, ist nicht nur bedauerlich. Denn innenpolitische Jihadisten vergessen leicht, dass es auch noch ein höheres Interesse gibt als jenes von Parteizentralen im Wahlkampf. Sicherheitspolitik, das könnte man am Beispiel vieler EU-Staaten lernen, ist möglichst aus kurzsichtiger Parteipolitik herauszuhalten.

Mali wäre eine neue Gelegenheit, das zu üben und überdies zu klären, ob Österreich denn nun tatsächlich willens ist, etwas zur gemeinsamen europäischen Sicherheits- und Verteidigungspolitik beizutragen. Aber auch diese Gelegenheit wird ungenützt verstreichen. Leider. (Christoph Prantner, DER STANDARD, 28.1.2013)

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    20 Postings

    ich persönlich schätze ja menschen, gruppen, gesellschaften und staaten, die gerne dort dabei sind, wo frieden gemacht wird und nicht dort, wo man krieg macht.
    offenbar sehen viele das anders.

    Da eine endgültige Lösung

    dem Menschenrecht widerspricht wird man sich mit den "Schatten" noch länger rumschlagen müssen. Und meine Sicherheit wird sicher nicht in Mali verteidigt werden....

    Die USA haben einst San Francisco

    in Saigon "verteidigt" (erfolglos), mittlerweile wurde Deutschland am Hindukusch "verteidigt" (ebenfalls erfolglos) und nun soll unverdrossen Österreich in Mali "verteidigt" werden?

    Vergleichen wir die US-Strategie in Afrika mit jener der Chinesen: die bauen fleissig und kostengünstig Straßen, Eisenbahnlinien und Flugplätze in Afrika und sichern sich so Rohstoffquellen.

    Die USA und ihre Satelliten hingegen werben mit Bomben, Raketen, Drohnen und wild um sich schießenden Söldnern für Demokratie und Freiheit.

    Beteiligen muss Österreich sich an der US-Methode keineswegs.

    Mal sehen, wer langfristig mehr Erfolg hat. Ich tippe nicht auf die USA.

    "Denn über die Sicherheit Wiens wird dieser Tage auch in Mali entschieden, von Timbuktu ist es nicht weit bis zur Löwelstraße und in die Lichtenfelsgasse."

    peinlich. die immer gleichen lügen, unsere sicherheit würde am hindukush, in bagdad, in tripolis oder in timbuktu entschieden.
    dort wird nicht über "sicherheit" entschieden sondern über einflusszonen und interessen. mit dieser kindergartenaussage ernten Sie vielleicht bei fanatischen antimoslems, kriegshetzern und naiven menschen applaus, die immer noch glauben, WIR brächten demokratie.
    und genau deren applaus erntenSie auch im forum hier, wie ich sehe.
    gratuliere: pouplismus brav abgeschaut. offenbar haben Sie solches nötig.
    letztklassiger kommentar.

    Das arge an diesem Gerde ist ja eigentlich...

    ... das man solche 'Parolen' ja alle schon mal gehört hat.. soviel anders haben die gar nicht geklungen damals...

    Die Rote Bedrohung BLA BLA BLA...
    Verteidigen des Vaterlandes in Afrika BLA BLA BLA
    Wir brauchen mehr Lebensraum / Resourcen BLA BLA BLA

    ich denke jeder weiß welche zeit ich meine...

    Heute hört und ließt man oft:

    Die anderen sind ja alles nur böse ungebildete (untermenschen?) und den Westen hassende Terroristen BLA BLA BLA

    Und das rechtfertigt jeden krieg aktuell...

    Schade nur, dass die Mehrheit in Mali denkt

    Frankreich bringt ihnen so etwas wie Sicherheit und (vielleicht) Demokratie wieder.

    http://www.guardian.co.uk/world/201... tervention

    Die verlogene linke Mentalität besteht doch immer darin, immer besser zu wissen wer böse ist und wer sich gefälligst von Islamisten zu unterdrücken lassen hat, damit er sein humanistisches Gewissen her zeigen kann.

    so ist es.
    das heißt ja nicht, daß man der NATO beitreten oder in irgendwelche völkerrechtswidrigen kriege eintreten sollte. aber beteiligung von z.b. sanitäts- oder kochpersonal an von der UNO genehmigten militäraktionen erscheint mir vom europäischen solidaritätsgedanken her durchaus sinnvoll und angebracht bzw. auch mit der neutralität vereinbar.

    ... von der UNO genehmigt ... ???

    Ist dies so in Mali? M.W.n eben nicht! Wenn nicht, dann ist auch die logistische, organisatorische oder medizinische Unterstützung einer Konfliktpartei ganz einfach die einseitige Beteiligung an einem bewaffenten Konflikt. Und so - inhaltlich wie formal - nicht vereinbar mit der verfassungsmäßigen Neutralität!

    Auch - und eben erst recht nicht - wenn ein oder mehrere andere EU-Staaten Teil des Konflikt sind!!!

    dann informieren sie sich mal! der einsatz im mali ist vom UNO-sicherheitsrat genehmigt worden - und das sogar mit 15:0 stimmen.

    Eine militärische Aktion in Mali ist schon vor langem von der UNO genehmigt worden, das tatsächliche Eingreifen der Franzosen wurde dann vom Sicherheitsrat ausdrücklich begrüsst. Nur deshalb kann Österreich (und die ECOWAS) da mitmachen, weil es eben eine von der UNO unterstützte Aktion ist.

    Kann man leicht sagen, wenn man selbst nicht hin muss.

    niemand muß hin. auslandseinsätze werden nur von freiwilligen bestritten.

    2 mal Nein

    "Unsere Sicherheit wird nicht nur, aber auch am Hindukusch verteidigt." - Peter Struck (Berlin, 2004 )

    Der Afghanistan-krieg ist verloren, wie man längst weiß. Dafür steht Deutschland jetzt verstärkt unter offener Drohung seitens der Terroristen.

    "..über die Sicherheit Wiens wird dieser Tage auch in Mali entschieden..." Der Artikelschreiber (Wien, 2013).

    Der Krieg in Mali ist ebenfalls nicht zu gewinnen, die Rückzugsgebiete der Terroristen sind flächenmäßig größer als Frankreich, es droht ein 2. Afghanistan.
    Und Timbuktu ist von der Löwelstraße ca. 3.910 KM Luftlinie entfernt, Terroristen von dort werden uns eher nicht zufällig überfallen, sondern allenfalls aus einem Rachemotiv wegen unserer ev. Einmischung.

    es gibt viele...

    möglichkeiten friedenssichernd und konfliktvermeidend international tätig zu sein, dazu brauchen wir keine bewaffneten armeen, die haben ohnehin die natoländer. entwicklungsbudgegts nicht kürzen sondern militärgelder dorthin verlagern wär eine option. und wieder mal leidenschaftlich aussenpolitik zu betreiben wäre eine weitere, die abgabe des aussenministeriums an die övp war wohl eines der historischen verbrechen der spö um in der überzogenen sprache des herrn kommentators zu bleiben.

    Die journalististischen Jihadistn sollten abrüsten.

    Ich finde es total unangebracht, von "innenpolitischen Jihadisten" zu schreiben. Dazu sind die echten Jihadisten zu unlustig für einen Vergleich.
    Warum schreiben Sie nicht gleich: Hätte das Berufsheer gewonnen, stünden unsere Helden schon an der afrikanischen Front.

    So wie die Soldaten aus...

    Deutschland?
    Spanien?
    Den Niederlanden?

    und jeder Menge anderer, nicht neutraler Natostaaten, die trotzdem keine Truppen in Mali haben?

    Bleiben wir realistisch. Dass der patscherte Darabos das Berufsheer für die nächsten paar Jahre verunmöglicht hat, heisst nicht, das die Propaganda der Gengner der Wahrheit entspräche. Die oft wahr genauso an den Haaren herbeigezogen wie viele Pro-Argumente.

    (Ein Wehrpflihtgegner, der diesmal weiß gewählt hat, weil ihm das Konzept auf beiden Seiten fehlte)

    Die Bösen kamen wurden besiegt und alles ist wieder in Ordnung

    die meisten Journalisten sollten Schundromae schreiben und keine Artikel.

    Weder wirtschaftliche noch ethnische Hintergründe noch der Zusammenhang mit Gadaffis Tod werden beleuchtet, denn der Westen hat das Problem geschaffen dass er nun wieder löst.

    Falsch.

    Im Grunde war auch G ein Problem.

    Sieh Lockerbie, siehe bulgarische Krankenschwestern.

    Es gibt keinen Grund, diesem Mann nachzutrauern.

    Ja und nein

    ich hatte Freunde die in Lybien lebten und weis natürlich dass sie nicht unrecht haben, sie müssen aber auch verstehen dass man das von fast jedem dieser Länder sagen könnte und das eben nicht in die Medien gelangt wenn er ein "guter" westlicher ist.. Gadaffi war sicher mit Schuld an seinem Untergang, eben ein Wüstensohn der Araberbandenführerpolitik betrieb wie alle aus der gegend. Lokerbie war seine persönliche Rache, das muss man natürlich auch sehen und verstehen dass die Agression zuerst vom Westen aus ging, da er natürlcih wieder verschiedene Gruppen unterstützten was natürlich der Westen auch macht

    die mittelmäßigen Partei-Sekretäre und -Strategen

    haben derzeit nichts ausser Taktische Spielchen mit denen sie den "Gegner" ein wenig sekkieren und ein wenig bloßstellen wollen.

    Nach dem großen Sieg der VP am 20.d.M.
    steht gähnende Leere in den eigentlichen Fragen der Landesverteidigung.

    Wichtigstes Ergebnis:
    nur Köche dürfen Suppe machen,
    Infanterie ist kein Thema,

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