Baustellen der Schauspielkunst

  • Zadeks Inszenierung des "Kaufmanns von Venedig" (mit Gert Voss, re. , 
1988): ein Hauch von Wall Street (Wilfried Minks).
    foto: burgtheater

    Zadeks Inszenierung des "Kaufmanns von Venedig" (mit Gert Voss, re. , 1988): ein Hauch von Wall Street (Wilfried Minks).

Das faszinierendste Theaterbuch dieser Wochen ist jenen Bühnen vorbehalten, die für Regisseur Peter Zadek gebaut wurden: ein Werk mit Interviews, Bildproben und Essays

Wien - Als Peter Zadek (1926- 2009) Ende der 1950er-Jahre nach Deutschland zurückkehrte, hatte er in England bereits die widersprüchlichsten Bühnenerfahrungen gesammelt. Sein nostalgische Bewunderung galt dem Reformer Edward Gordon Craig. Dieser originelle Kopf und Zeichner wollte den lebendigen Schauspieler durch eine Art " Übermarionette" ersetzt wissen.

Zadek kannte aber auch die "klassische" Shakespeare-Bühne. Er hatte in der walisischen Provinz vor verschimmelten Tapetenwänden inszeniert. In Ulm und später in Bremen traf er zuallererst auf den Ausstatter Wilfried Minks, der ihm und den Schauspielern Kästen unterschob. Zadek: "Das deutsche Theater tendiert immer wieder dazu, sich mit Stil und Stilisierung schon im ersten Moment festzulegen ..." Minks und Zadek hielten dagegen. Minks schilderte seine Bühnenräume mit popkulturellen Zeichen aus. Das konnten Roy-Lichtenstein-Bildzitate sein oder Formationen aus bunten Glühbirnen.

Das wichtigste und unerschöpflichste Theaterbuch seit Menschengedenken gilt der Raumkunst in Peter Zadeks gut fünfzigjähriger Inszenierungsarbeit. Von seiner Lebensgefährtin Elisabeth Plessen herausgegeben, versammelt der Band Peter Zadek und seine Bühnenbildner anschauliches Illustrationsmaterial. Das Zadek-Theater ist auch rückschauend auf keinen ästhetischen Nenner zu bringen. Sein Zustandekommen jedoch hing von den Einfällen der Ausstatter Minks, Götz Loepelmann, Daniel Spoerri, Peter Pabst, Horst Sagert, Johannes Grützke, Rouben Ter-Arutunian, Karl Kneidl oder André Diot in vielfacher Weise ab.

Null- und Nichtorte

Zadek-Bühnen konnten nackt bis auf die Feuermauern sein (Ivanov, 1990, Akademietheater). Bei anderer Gelegenheit spannte Peter Pabst einen einfachen Brecht-Vorhang vor ein Kabuff mit Bett (Othello, Hamburg 1976). Zadek-Schauplätze konnten Null- und Nichtorte sein. Trainingsplätze der Fantasie, auf denen die bis auf die Unterkleider entblößten Schauspieler herumtobten.

Den verwegensten Bühnenlösungen in Zadeks Bilderkatalog eignete manchmal etwas Bremsendes, Hemmendes. Als sollten die Schauspieler ihre Figurenerfindungen gegen erhebliche Widerstände behaupten: sie gegen Pappe und Sperrholz durchsetzen. Zadek-Bühnenbilder waren keine "Deko". Sie waren Kunstwerke für den schauspielerischen Gebrauch. Als solche haben sie in der Erinnerung am nachhaltigsten überlebt. (poh, DER STANDARD, 29.1.2013)

"Peter Zadek und seine Bühnenbildner". Hrsg.: Elisabeth Plessen. Akademie der Künste, Berlin

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