Die eingefleischte Ungeduld der Istanbuler

Blog28. Jänner 2013, 15:12
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Bloß nicht hineinfallen. An der Anlegestelle in Beşiktaş ist passiert, was die Istanbuler immer fürchten

Der Istanbuler ist im Allgemeinen ein furchtloser Mensch, zwar durchaus leicht zu beeindrucken, aber ebenso schnell wieder fortgetrieben von den zahllosen Verpflichtungen, die seinen Tag in die Länge strecken. Eine Urangst aber hat der Mensch am Bosporus: den Spalt, der ihn trennt zwischen Bordkante und Kaimauer. Jeden Morgen und jeden Abend ist ein Teil der 13 plus Millionen Istanbuler mit dem Fährschiff unterwegs, von Europa nach Asien und von Asien nach Europa, und schiebt über diese ewig klaffende Bedrohung. In zwei, drei Sekunden ist sie bezwungen, aber am nächsten Tag schon, auf dem Weg ins Büro, tut sie sich wieder auf. Bloß nicht hineinfallen. Metertief und schwarz geht es hinunter zwischen Schiffswand und Mauer. Unten gurgelt das Wasser und hält den Alptraum wach. Zermalmt, zerquetscht, unrettbar verloren, niemand holt einen da wieder lebend heraus.

Anfang dieses Monats ist es wieder passiert. Ein 43-jähriger Mann fiel an der Anlegestelle im Stadtteil Beşiktaş ins Wasser und ertrank. "Sein Fuß trat ins Leere", schrieb eine der türkischen Nachrichtenagenturen. Der Alptraum beschäftigte eine ganze Weile die Passagiere auf den Fähren. Man diskutiert über den Unfall, deutet herum beim Ein- und Aussteigen mit dem Gruseln derjenigen, die noch einmal davongekommen sind. Ausgerutscht sei der Mann doch, bei dem Regen kein Wunder, ja ja, man muss Acht geben, immer Acht geben auf diesen kleinen Stegen.

Nun war es aber offenbar so, dass Haydar Kayir, Vater dreier Kinder und Reinigungsarbeiter bei der Stadtverwaltung von Beşiktaş, gar nicht erst abwartete, bis das Personal an der Anlegestelle das Schiff vertaute und die Holzstege an Bord schob. Kayir sprang schon los, und er war dabei auch gar nicht allein. Eine sehr übliche Praxis am Bosporus, vorwiegend von Männern gepflegt, aber nicht nur. Denn wenn der Istanbuler auch den Spalt über dem Wasser fürchtet, so muss er doch immer der Erste sein, der aufs Schiff kommt und von dort wieder herunter an Land springt.

Es gibt keine wirkliche logische Erklärung für die Hast, eher eine eingefleischte Gewohnheit, einfach nichts zu verpassen. Denn in Wahrheit ist ausreichend Platz auf den Schiffen, und die Überfahrt dauert ihre 20 Minuten, ob Sonne oder Regen. Es ist vielmehr so, dass die Fahrt über den Bosporus gerade wegen ihrer Unveränderbarkeit geschätzt wird. Zweimal 20 Minuten am Tag eiserne Pause für das Großstadtvolk zum Zeitunglesen oder Aus-dem-Fenster-Schauen, links Topkapi, rechts die Bosporusbrücke, dazwischen dicke Containerfrachter und Luxuskreuzer, neun Stockwerke hoch mit Traumschiffpensionisten aus Bielefeld und Atlanta. Natürlich gibt es auch einige wenige neue Schiffe mit automatischen Türen und ausklappbaren Metallstegen. Beliebt sind sie nicht. Die Istanbuler beharren auf ihre alten Fähren. Denen, auf die man hinauf- und wieder hinunterspringen kann und wo die Fährarbeiter mit brachialer Kraft und "Wartet, wartet!"-Rufen die Landestege in die Menge schieben.

An den Anlegestellen lässt sich die Ungeduld der Wartenden schon früh beobachten. Nähert sich das Schiff, setzen sich die Passagiere in Gang. Die Verdichtungsphase beginnt. Man schiebt aneinander vorbei immer näher an die Türen, findet immer noch irgendwo freie Quadratzentimeter, die das Nach-vorne-Drängen sinnvoll erscheinen lassen. Glücklicherweise gibt es eine Wartehalle mit vier Wänden und einem Dach, andernfalls würden die Passagiere wohl auf den Hafenkai rennen wie Schiffbrüchige am Strand im Moment der Rettung. Für die Istanbuler hat das Drängeln keinesfalls etwas Unhöfliches. Man vermeidet es, den anderen zu stoßen oder gar nur zu berühren. Wer aber wartet und wie angewurzelt stehen bleibt, bis die Türen zum Kai aufgehen, der muss ein Problem haben - ein träger Geist, in sich versponnen, mental ein bisschen zurückgeblieben, vielleicht eine körperliche Behinderung, die keine schnelle Bewegung erlaubt.

Herr Kayir also, aus Üsküdar, von der Anlegestelle auf der asiatischen Seite kommend, verlor keine Zeit, aber sein Leben. Als er am 11. Jänner gegen halb drei am Nachmittag ins Wasser stürzte, wurde er von der Strömung zwischen Hafenmauer und manövrierendem Schiff in die Tiefe gerissen. Die Passagiere und der Kapitän sahen ohnmächtig zu, hieß es. Danach gab es eine polizeiliche Ermittlung über die Ungeduld. (Markus Bernath, derStandard.at, 28.1.2013)

  • Istanbul, Anlegesteg.
    foto: markus bey

    Istanbul, Anlegesteg.

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