Kunst-Unis wehren sich gegen neue Lehrer-Ausbildung

  • Protest der Kunst-Unis gegen die Reformpläne der Regierung.
    vergrößern 800x600
    foto: rwh/derstandard.at

    Protest der Kunst-Unis gegen die Reformpläne der Regierung.

Reformpläne für Akademie-Rektorin Blimlinger "ein Unding" - Angewandte-Rektor Bast gegen Umstellung auf Bologna-Struktur

Wien - Kritisch steht man an der Akademie der bildenden Künste in Wien den Plänen der Regierung für eine Reform der Lehrerausbildung gegenüber, wie die erste Ausgabe des neuen Magazins "Journal Fixe" zeigt, das von Studierenden herausgegeben wird. Dass bei der neuen Lehrerausbildung Unis und Pädagogische Hochschulen (PH) gemeinsam ausbilden sollen, ist für Rektorin Eva Blimlinger "ein Unding und letztlich eine Entwertung und ein Downgrading der Lehrer_innen und der Lehrer_innenbildung insgesamt".

Derzeit werden Lehrer für Volks-, Haupt-, Sonder-, Berufs- und Polytechnische Schule in einem sechssemestrigen Bachelor-Studium an den PH ausgebildet; für Lehrer an AHS und berufsbildenden mittleren und höheren Schulen (BMHS) hingegen dauert das (Diplom-)Studium mindestens neun Semester, auf das ein einjähriges Unterrichtspraktikum folgt. Die geplante Reform sieht vor, dass Lehrer künftig von Unis und PH - entweder durch Kooperation oder Fusion - gemeinsam ausgebildet werden. Wer die Federführung übernimmt, soll je nach Region unterschiedlich sein.

Für universitäre Verankerung

Für Blimlinger ist allerdings eine universitäre Verankerung "speziell für die künstlerischen Fächer" unabdingbar. Auch die bisherige Struktur als Diplomstudium müsse erhalten werden, "denn die Einführung des Bachelors und Masters birgt die große Gefahr in sich, dass in Zukunft ein Bachelor-Abschluss dafür ausreichen wird, als Lehrer_in zu unterrichten. Dies kann nicht im Sinne der Schüler_innen und ihrer (Aus-)Bildung sein".

Kritik kommt auch vom Senat, der an der Bildenden von der Studentin Martina Pfingstl geleitet wird. Das Gremium plädiert für forschungsgeleitete Lehre und künstlerische Praxis an den Kunstunis für alle Lehrer der Sekundarstufe (Hauptschule/Neue Mittelschule/AHS/BMHS). Die kritische Haltung von Studenten und Senat der Bildenden gegenüber der Bologna-Struktur ist spätestens seit Herbst 2009 bekannt: Damals war der Widerstand gegen die vom damaligen Rektor Stephan Schmidt-Wulffen geplante Umstellung auf das Bachelor-/Master-/PhD-System Ausgangspunkt monatelanger Studentenproteste und der Besetzung des Audimax der Uni Wien.

Federführung bei Unis

Kritik kommt auch von einer weiteren Kunst-Uni, an der Lehrer ausgebildet werden. Geht es nach Gerald Bast, Vizepräsident der Universitätenkonferenz (uniko) und Rektor der Universität für angewandte Kunst, soll es in Zukunft zwar zumindest in der Sekundarstufe eine gemeinsame Lehrerausbildung geben. Bedingung ist für Bast allerdings, dass den Unis die notwendigen Ressourcen zur Verfügung gestellt werden und bei möglichen Kooperationen mit Pädagogischen Hochschulen (PH) die Federführung bei den Unis liegt. Denn: "Es gibt niemanden, auch nicht an den PH, der in Zweifel zieht, dass die fachliche Kompetenz in den wissenschaftlichen und künstlerischen Fächern ganz klar an den Universitäten liegt und auch in den nächsten Jahren liegen wird."

Kritik an der angeblichen Praxisferne der Lehrerausbildung an den Unis weist Bast als "Märchen" zurück: "Nicht nur im Probejahr, schon im Lauf des Studiums stellen wir natürlich darauf ab, wie junge Menschen für das Fach interessiert werden können. Es wird ja nicht ein Absolvent der Malerei oder des Industrial Design in die Schule geschickt. Das Lehramt ist eine eigene Studienrichtung mit dem Anspruch, höchste künstlerische Kompetenz gepaart mit Vermittlungskompetenz zu erzielen." Auch der höhere Anteil an Schulpraxis ist für Bast kein Argument für die PH. "Wenn und soweit man das tatsächlich in größerem Umfang als die derzeitige Schulpraxis oder verstärkt schon während des Studiums braucht, kann man das durchaus für die Universitäten organisieren."

Gegen Bologna-Struktur

Widerstand kommt von den Kunstunis auch gegen die geplante Umstellung der Lehramtsstudien von Diplomstudien auf das Bachelor-/Master-System, wobei an manchen Standorten ein Umstieg zumindest diskutiert wird. In Österreich sind insgesamt bereits mehr als 80 Prozent der Studien auf das Bachelor-/Master-/PhD-System umgestellt. Weiterhin als Diplomstudium geführt werden neben den Lehramtsstudien derzeit vor allem Medizin, Theologie und Jus, in der Pharmazie wird bereits ein Umstieg vorbereitet.

Bast will weiterhin ein neunsemestriges Diplomstudium anbieten; er kritisiert, dass künftig Junglehrer bereits nach einem achtsemestrigen Bachelorstudium alleinverantwortlich unterrichten sollen. Derzeit dürfen Kunstlehrer an AHS und BHS das erst nach fünfeinhalb Jahren (neun Semester Diplomstudium plus ein Jahr Unterrichtspraktikum). "Das ist schon ein Unterschied, der wird immer kleingeredet."

Dazu komme, dass nach dem geplanten System Junglehrer erst dann einen unbefristeten Posten erhalten sollen, wenn sie berufsbegleitend einen ein- bis zweijährigen Master abgeschlossen haben. "Wie eine Lehrerin, die etwa in Gmund unterrichtet, das machen soll, hat uns noch niemand erklärt. Wenn man davon ausgeht, dass das Masterstudium ein Universitätsstudium sein soll, und davon gehe ich aus, wird das schwierig werden - außer man hat die Illusion, dass große Teile nicht an einer Uni stattfinden, sondern an der Schule selbst in Form von Unterweisung durch Supervisoren, die an der Schule angestellt sind."(APA/red, 28.1.2013)

Hintergrund: Das Magazin "Jour Fixe" erschien vergangenen Donnerstag zum ersten Mal. Neben dem Schwerpunktthema Lehrerausbildungsreform behandeln die Texte, Gedichte und Collagen diesmal u.a. soziale Selektionsprozesse an Schulen, Rassismus und ethische Aspekte von Mode. "Jour Fixe" soll künftig regelmäßig, vermutlich einmal pro Studienjahr, erscheinen.

Share if you care