"Die Ägypter sind frustriert und hungrig"

Interview | Alexandra Föderl-Schmid aus Davos
27. Jänner 2013, 18:48

Nach Einschätzung des früheren Generalsekretärs der Arabischen Liga, Amr Moussa, werden die Proteste andauern

Insbesondere für Frauen habe sich nichts verbessert, sagte Amr Moussa zu Alexandra Föderl-Schmid in Davos.

STANDARD: Der ägyptische Premier Hisham Kandil hat von Davos aus die Demonstranten aufgerufen, nach Hause und wieder zur Arbeit zu gehen. Was halten Sie von solchen Appellen?

Moussa: Es geht nicht darum zu sagen: Geht nach Hause, geht zur Arbeit. Es geht darum zu sehen, wie die Menschen die jetzige Lage bewerten. Die Ägypter sind frus triert und hungrig. Sie fühlen sich unwohl wegen des Zustands des Landes. Das sollte eine neue Republik sein und neue Horizonte aufzeigen, ein neues Leben ermöglichen. Was ist, wenn die Demonstranten nach Hause gehen? Dann sind sie weiter ohne Unterstützung und frustriert. Deshalb kehren sie zurück auf den Tahrir-Platz oder auf die Straßen.

STANDARD: Werden die Demonstrationen weitergehen?

Moussa: Die werden weitergehen, weil die Umstände sich nicht ändern. Es geht auch nicht um die Demonstrationen, sondern um die Frustration, den Ärger der Menschen. Auch wenn man nicht zu einer Demonstration geht und sich zu Hause ärgert, ist man Teil dieser Protestwelle.

STANDARD: Sind Sie besorgt wegen Präsident Morsis Politik, vor allem wegen des Verfassungsprozesses?

Moussa: Aus unserer Sicht hat die neue Regierung bisher nicht gut gearbeitet.

STANDARD: Und, was heißt das?

Moussa: Durch Demokratie müssen die Dinge besser werden.

STANDARD: Kann es Demokratie mit den Muslimbrüdern geben?

Moussa: Sie kamen durch Demokratie an die Macht. Deshalb müssen sie die Demokratie respektieren. Die Menschen sind sehr wachsam: Wenn man durch die demokratische Tür kommt, dann kann man nur durch diese Tür wieder abgehen. Man kann die Menschen nicht beschwindeln und für ewig bleiben.

STANDARD: Was hat sich für die Situation der Frauen in Ägypten in den vergangenen zwei Jahren verändert?

Moussa: Ich muss sagen: nichts. Frauen sind nicht einverstanden mit der Verfassung, mit der generellen Richtung der Politik, wie sich diese auf Frauen auswirkt. Ich will Ihnen versichern, dass es viel Unterstützung in der Bevölkerung für mehr Frauenrechte gibt.

STANDARD: Was ist Ihre weitere Rolle in Ägypten?

Moussa: In einem demokratischen Prozess hat jeder seine Chance. (Alexandra Föderl-Schmid, DER STANDARD, 28.1.2013)

Amr Moussa war zwischen 2001 und 2011 Generalsekretär der Arabischen Liga. Seit September ist der 76-Jährige Vorsitzender der oppositionellen Konferenzpartei in Ägypten, die zur Nationalen Rettungsfront rund um den Ex-Chef der Internationalen Atomenergiebehörde, Mohamed ElBaradei, gehört.

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19 Postings
hauptgrund die revolution gelungen

fressen ist nicht das wichtigste

"Die Ägypter sind frustriert und hungrig"

Who cares?
Die haben bekommen was sie wollten, die haben sich die Muslimbrüder selbst gewählt.
Es wird Zeit für Eigenständigkeit und Eigenverantwortung.

Now live with it or get rid of it!

Stimmt

70% votierten für islamistische Parteien (davon 28% für eine ultra-fundamentalistische Salafistenparei). Das ist doch eigentich ein ordentlicher Richtungsweiser, was die Mehrheit der Bevölkerung will oder nicht?

Was übrigens viele unterschätzen und was Ägypten letztendlich das Genick brechen wird, wenn es nicht eingedämmt wird, ist das viel zu hohe Bevölkerungswachstum bei gleichzeitig sinkender Verfügbarkeit von Lebensmitteln und Arbeitsplätzen. Von Wohnraum ganz zu schweigen (Ägypten besteht zum Großteil nur aus Wüste).

Der zentrale Schlüssel ist aber das Bevölkerungswachstum. Selbstverständlich ist der Islam und die schwache Rolle der Frau extrem kontraproduktiv, um dieses Wachstum einzudämmen.

Sehe ich auch so. Für 2050 werden 125 Mill. Menschen geschätzt. Und angeblich soll die Analphabenquote fast 50% betragen. Eine Herkulesaufgabe so ein Land zu entwickeln.

das viel zu hohe Bevölkerungswachstum bei gleichzeitig sinkender Verfügbarkeit von Lebensmitteln und Arbeitsplätzen.

Ja leider.
Das Problem haben Pakistan und Indonesien auch.
Nur haben die Öl.
Da wird das Problem ein wenig abgefedert.

Das wird noch ein böses Erwachen geben.
Auch im Westen.

Amr Musa, der große Demokrat ...

"Die Ägypter sind frustriert und hungrig"

Das größte Problem Ägyptens war schon immer, schon zu Mubaraks Zeiten, die hohe Arbeitslosigkeit. Es gibt kaum Jobs weil es kaum Kapital und kaum Investoren gibt. Den größten Beitrag zu zukünftigem Wohlstand würde also eine Politik leisten die versucht politische Stabilität zu gewährleisten und ausländische Investoren anzulocken. Auslandsinvestitionen sind der beste Wohlstandsmotor, vor allem wenn man sie mit einer Bildungsoffensive kombiniert.

Ablauf einer Revolution :
1) Ein paar regen sich auf (ignorieren)
2) Viele regen sich laut auf (Polizei)
3) Sehr viele rufen nach Änderung (Polizei UND Militär)
4) Unmengen protestieren (Gewalt auf beiden Seiten)
5) Niederschlagung der Unruhen
6) Wiederaufflammen
7) Erfolg der Revolution (vermeintlich, das Establishment behält die Oberhand)
8) Neuerliche (blutigere) Revolution
9) Neuanfang
10) Konterrevolution
11) Niederschlagung derselben
12) neues Regime verwandelt sich in die gleiche Mischpoche wie das Alte
13) wieder Revolution - die Machthaber werden hingerichtet
14) Beruhigung der Lage - Hinwendung zum Besseren.
Zeithorizont: von 1 bis 14 - 100 Jahre.
Opfer: Hundertausende.
Ist es das wert? JA

Das ist nicht immer so, aber leider oft.

Mursi hat sich aber als Diktator installieren lassen.

Wieso nennt man das noch immer "Demokratie"?

Wäre Mursi an Reformen gelegen, müsste er sich nicht als Führer-Figur stilisieren. Er ist die falsche Person an der Spitze.

Korrektur:

Es ist die falsche Person an der falschen Spitze (Muslimbrüderschaft)

.

"Die Ägypter sind frustriert und hungrig" und ganz überwiegend ungebildet:

und das wir sich auch nicht ändern, wenn man die Salafisten und Muslimbrüder mir überwiegenden Mehrheiten ausstattet!

PS: Dass das eine das andere bedingt, ist mir schon klar!

Was genau

meinen Sie mit "das eine das andere bedingt" ?

Und ich sage es immer wieder: wann kommen die Leute endlich drauf, dass man einen Koran nicht essen kann??

1. Platz: Muslim Brotherhood (38%)
2. Platz: Salafisten (28%)

Da kann einfach nichts Gutes dabei rauskommen.

Die einzigen, die dieses kaputte, verkrustete und (nunmehr religiös-fundamentalistische von alten Männern angeführte) Parteien- und Militärdiktat zerbrechen können, sind liberal-säkulare, moderate Parteien. Die wurden aber leider Gottes lediglich mit 15% gewählt.

Alles sehr relativ. Daß Menschen in einer völlig neuen Situation gefühlsmässig an Traditionellem hängen ist bekannt. Deshalb auch die vielen Stimmen für die Religiösen. Diese werden jetzt genau an 3 Dingen gemessen:

- mehr Arbeitsplätze
- höhere Löhne
- günstige Lebensmittel

Wie hoch die Chancen Mursis sind dies umzusetzen ist klar. Sollte er dies nicht schaffen ist er weg vom Fenster.

Sehr gute Einschätzung

Es gab drei Wahlen in Ägypten die Parlamentswahl, Präsidentschaftswahl und das Verfassungsreferendum!

Die Wahlbeteiligung sank von 54% über 46,42% auf 32,9%.

Die Zustimmung für Muslimbrüder und Islamisten sank von 17.672.400 über 13.230.131 auf ca. 10.721.781. Sie verloren 6,95 Mio. Stimmen in einem Jahr.

Ursachen für den Unmut gibt „Lord Chaos“ weiter unten.
http://derstandard.at/plink/135... 7/29943700

Warum gibt es keine Parlamentswahl binnen 60 Tagen nach Inkrafttreten der Verfassung? Warum gibt es noch keinen Termin? Wovor haben die Muslimbrüder Angst? Etwa vor dem Verlust der Mehrheit?

Sehr gute Einschätzung

Sie gehen an die Wurzel der Probleme und stellen die richtigen Fragen! Es hängt sehr davon ab, ob Mursi liefern kann oder ob er versagt. Und sein Versagen hängt von den Krediten des Westens ab, auch wenn viele meinen, dass die Ölförderstaaten Mursi stützen können. Sie tun es bisher nicht.

Behalten Sie bitte ihren klaren Blick für die Ursachen und Folgen!

Sie unterschätzen den Koran, denn

wenn man nur genug betet, dann kommt das Essen sicher von Allah.....

/Sarkasmus aus

"Muslimische Gesellschaften sind kollektiv gescheitert"

http://www.spiegel.de/politik/a... 79319.html

Da hat er sicher Recht, der gute Mann.
Vom beten, fasten und Koran lesen alleine kann ein Land nicht gut leben.

Interessanter Artikel

Und ganz ehrlich: dieser Mann lebt extrem gefährlich.

Wenn ich er wäre, würde ich sofort nach Nordamerika auswandern, mit dieser Qualifikation sollte das kein Problem sein.

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