Das Herz und der Bauch eines Fußballers

Porträt27. Jänner 2013, 18:51
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Bernd Dallos gewann keine Titel, zum Liebling der Fans hat er es aber gebracht. Sein größter Gegner war bisweilen das Gewicht

Neufeld - Bernd Dallos ist gar nicht so blad gewesen. Die alten Fotos, die meisten in Schwarz-Weiß gehalten, belegen das. Da wurde nichts retuschiert. Bilder lügen maximal selten. "Am Ende meiner Karriere hatte ich schon einen Bauch." Als aktiver Profifußballer hat er gerne Spaghetti gegessen (vorzugsweise Carbonara), Kohlenhydrate waren und sind immer noch seine Leidenschaft. Dazu hat er körberlweise Weißbrot verdrückt. Ein Fehler, aber die Sportmedizin und die Ernährungswissenschaften waren vor 30 Jahren noch Orchideenfächer. "Wahrscheinlich wär es gescheiter gewesen, nach dem Training ab und zu zum Würstelstand zu gehen. Mit meinen Mitspielern."

Ein sogenannter Mehlspeistiger ist er nie gewesen. Ein Massel, der Zucker hätte sich nämlich mit den Kohlenhydraten multipliziert. Bernd Dallos wäre dann über den Platz des Wiener Sportklubs gerollt. Technisch einwandfrei und bevorzugt im Mittelfeld. Die Fans von der Friedhofstribüne hätten ihm auch zugejubelt - wie dem laufenden Dallos.

Der 46-Jährige sitzt in seinem Büro im burgenländischen Landessportzentrum Viva, seit 2002 ist er Geschäftsführer. "Ein Sieben-Tage-Job." Hätte er als Fußballer Millionen verdient, "würde die Bude vielleicht mir gehören". Da er nicht hat, trägt das Burgenland die Risiken. Das Viva liegt im Industriegelände von Steinbrunn, es spielt nicht alle, aber doch einige Stückerln. Ein Hotel - fast vier Sterne - ist inkludiert. Die Kicker von Wiener Neustadt fühlen sich hier pudelwohl.

Verpflichtungen

Dallos ist ein Neufelder, wobei der Unterschied zum Steinbrunner marginal ist. Die Ortsschilder stehen sich praktisch im Weg. Der Chef ("Ich bin für rund 20 Angestellte verantwortlich") benötigt demnach keine Pendlerpauschale. Neufeld hat prominente Söhne zu bieten, zum Beispiel den ehemaligen Bundeskanzler Fred Sinowatz. Der Fußballer Geza Gallos, eine Rapid-Legende, ist ein Hiesiger. Er ist schwerkrank. Dallos, eine Sportklub-Legende, kümmert sich um Gallos. "Der Mensch ist verpflichtet, anderen zu helfen", sagt er. Ob er selbst prominent ist, weiß Dallos nicht, "aber man kennt mich. Den Leuten fällt zu mir Sportklub-Spieler mit großartiger Technik und mit Gewichtsproblemen ein. Dabei bin ich nie richtig blad gewesen. Ich war ehrgeizig und ein fleißiger Trainierer, der jedes Spiel gewinnen wollte."

Das ideale Kampfgewicht lag zwischen 83 und 85 Kilogramm, die Körpergröße liegt immer noch bei knapp unter 1,80 Metern. "Manche Trainer haben sich eingebildet, dass der Dallos abnehmen muss. Da gab es größere Diskussionen. Ich habe stets meine Meinung gesagt. Ich bin einer, der sein Herz auf der Zunge trägt."

Anfang der 1980er zog der "kleine, freche Burgenländer" aus, um eine zumindest mittelgroße Welt zu erobern. Wien-Hernals war das Ziel, der Sportklub galt als Top-Adresse. Er war die dritte Kraft im hauptstädtischen Fußball. Hinter Rapid und der Austria oder hinter der Austria und Rapid, je nach Geschmack. "Aber vor der Vienna. Der Sportklub hatte damals ein gutes Scouting, die haben mich gefunden." Der halbwüchsige Bernd unterschrieb seinen ersten Profivertrag, 3000 Schilling Fixum und weitere 500 für den Punkt. Es galt damals leider die Zweipunkteregel. Ein Arbeiter verdiente zumindest das Doppelte, aber der überhaupt nicht blade Bernd war ja nicht einmal 17. "Ich erfüllte mir einen Traum." Das Gehalt hat sich im Laufe der Zeit erhöht.

Er kickte mit Größen wie Alfred Riedl ("ein guter Freund von mir)", Peter Pacult, Christian Keglevits, Didi Constantini, Felix Gasselich, Frenkie Schinkels. Und mit Hans Krankl. Vor allem Hans Krankl. "Er war mein Vorbild, und auf einmal versorgte ich ihn mit Bällen." Krankl hat er später auch als Trainer genossen, das Verhältnis war getrübt bis gestört. "Er meinte, dass ich nicht sportlich genug lebe. Das stimmte nicht, die Wahrheit lag maximal in der Mitte." Dallos wurde nach Steyr verliehen. "Nicht schlecht, ich spielte dort mit Oleg Blochin."

Leiharbeiter

Dallos ist im Prinzip immer Sportklubspieler gewesen. Er hat aber doch einige Kurzgastspiele bei anderen Vereinen anzubieten. Damals, vor dem Bosman-Urteil, wurden wahnwitzige Ablösesummen verlangt. Da sie ungern bezahlt wurden, mutierte Dallos zum Leiharbeiter. Er lernte u. a. Eisenstadt, Sturm Graz, die Vienna, St. Pölten und Admira Wacker Mödling kennen. Mit Rapid hätte es fast geklappt, der FC Tirol war nur knapp daneben, es scheiterte an der Ablöse. "Es gab Gespräche, ich hätte gerne unter Ernst Happel gearbeitet. Ich mag die harten, geradlinigen Trainer."

Mt Sturm bestritt er eine Uefa-Cup-Partie, Utrecht siegte 3:1. Einmal, es war 1990, wurde er von Teamchef Josef Hickersberger in den erweiterten Kader der Nationalmannschaft nominiert. Dallos blieb auf Abruf, er durfte somit nicht in Landskrona 0:1 gegen die Färöer verlieren. "Im Nachhinein war das Pech ein Glück."

188 Bundesligaspiele (15 Tore) hat er absolviert, die Karriere endete 1999 beim unterklassigen ASK Baumgarten. Da hatte Dallos einen "nicht zu leugnenden Bauch". Er machte den Trainerschein, wusste aber, "dass es ein Leben nach dem Fußball geben muss. Als Trainer bist du von den Launen irgendwelcher Kicker und Funktionäre abhängig. Das wollte ich nie sein." Er hat hautnah mitbekommen, "dass aus vielen guten Fußballern meiner Generation Sozialfälle wurden. Sie hatten keine Plan für danach. Und aussorgen konnten zu meiner Zeit nur die wenigsten. Man hat die Leute in Stich gelassen, sah zu, wie sie ihr Geld rauschmissen. Die Spieler haben sich nix gepfiffen, sind spontan auf Urlaub nach Jamaika oder sonst wohin geflogen. Was kostet die Welt?"

Man könnte mit Dallos darüber diskutieren, ob es traurig ist, dass der Sportklub in der Regionalliga Ost versumpert. Ursprünglich hat man den Sportklub mit c geschrieben, der Verein musste 2001 nach dem finanziellen Crash neu gegründet werden. Das c wurde zum k, der WSC zum WSK. "Egal, es sind eh dieselben Leute. Ich wünsche dem Verein, dass es in die Kabinen nicht mehr reinregnet."

Sonnenschein

Vor zwei Jahren passierte Einschneidendes. Seine Frau und er wünschten sich schon lange ein zweites Kind. Tochter Stephanie war bereits nach Wien gezogen, das ist das Recht einer Volljährigen. Trotz diverser medizinischer Behandlungen klappte es mit der Schwangerschaft nicht, Frau Dallos konnte keine Ordinationen mehr sehen. Man entschied sich zur Adoption. Bernd reiste nach Äthiopien. In einem Waisenhaus entdeckte er ein einjähriges Mädchen. Es war "Liebe auf den ersten Blick", und "es war sichtlich krank. Ich habe es geschnappt, bin nach Wien geflogen."

Eine doppelte Lungenentzündung wurde diagnostiziert, es war knapp. "Zwei Stunden später wäre zu spät gewesen." Die kleine Meron ist ein Pflegefall. Ihre Gehirnhälften sind nur unzureichend miteinander verbunden. Sie kann nicht sprechen, nicht gehen, muss gefüttert werden. "Sie gehört zur Familie, ist ein Sonnenschein, eine Bereicherung. Ich wünsche mir, dass sie einmal ohne unsere Hilfe leben kann. Sie soll ja nicht Marathon laufen. Sondern einfach nur gehen dürfen."

Dallos hatte immer schon eine soziale Ader. "Mir geht es gut, also muss ich was tun." Er organisiert Benefizspiele für den Sterntalerhof und andere Einrichtungen. Meistens kickt er selbst mit. "Danach bin ich zwei Tage streichfähig. Das liegt eindeutig am Bauch." Bernd Dallos wiegt mittlerweile 125 Kilo. Er sitzt im Büro und lacht. "Ziemlich weit weg vom idealen Kampfgewicht. Beim Golfen ist es kein Problem." (Christian Hackl, DER STANDARD, 28.1.2013)

  • Bernd Dallos ist heute ein stattlicher Geschäftsführer.
    foto: viva

    Bernd Dallos ist heute ein stattlicher Geschäftsführer.

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